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Lassen sich die Deutschen zu schnell krankschreiben? Union und Arbeitgeber sehen ein großes Problem. Der DGB warnt vor einem Generalverdacht gegen Beschäftigte. Wie hoch ist der Krankenstand überhaupt? Und was sind die Ursachen?
Worum geht es?
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die Frage aufgeworfen, ob sich Arbeitnehmer in Deutschland zu oft krankmelden und stellt die telefonische Krankschreibung infrage. Man müsse sich darüber unterhalten, wie man Anreize schaffe, dass die Menschen ihrer Beschäftigung nachgingen, sagte Merz.
Im Falle einer Krankheit besteht in Deutschland ein Anspruch auf Lohnfortzahlung in voller Höhe durch den Arbeitgeber, in der Regel gilt das für maximal sechs Wochen pro Jahr. Danach zahlen die Krankenkassen Krankengeld. „Am Ende des Tages muss stehen, dass wir alle zusammen in dieser Bundesrepublik Deutschland eine höhere volkswirtschaftliche Leistung gemeinsam erreichen, als wir sie gegenwärtig erreichen“, sagte Merz.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat angekündigt, die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung zu überprüfen. Arbeitgeberverbände fordern ihre Abschaffung.
Wie hoch ist die Zahl der Krankheitstage?
Einer Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit für das Jahr 2025 zufolge blieb der Krankenstand im vergangenen Jahr mit 5,4 Prozent auf einem erhöhten Niveau stabil. Es waren also an jedem Tag des Jahres im Schnitt 54 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben. Im Schnitt waren Beschäftigte 19,5 Kalendertage krankgeschrieben – annähernd so lange wie 2024 mit 19,7 Fehltagen, wie die Kasse nach eigenen Versichertendaten ermittelte.
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet, etwas weniger als im Vorjahr (15,2). Die DAK-Daten beziehen sich auf Kalendertage, das Statistische Bundesamt auf Werktage.
Bei Berechnungen zum Krankenstand generell nicht erfasst ist, wenn Beschäftigte nur ein oder zwei Tage fehlen, ohne zum Arzt oder einer Ärztin zu gehen.
Welche Kosten entstehen dadurch?
Im vergangenen August hatten das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vorgerechnet, dass Arbeitgebeer 2024 rund 82 Milliarden Euro für kranke Mitarbeiter aufgebracht hätten.
Binnen drei Jahren seien die Aufwendungen für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall um zehn Milliarden Euro gestiegen.
Hat Deutschland besonders viele Krankheitsausfälle?
Deutschland liegt im Vergleich mit anderen europäischen Ländern im oberen Mittelfeld, wie eine Auswertung des Iges-Instituts für die Krankenkasse DAK zeigt. Das Institut bezieht sich auf den sogenannten „European Labour Force Survey“, der ermittelt, wie viel der wöchentlichen Arbeitszeit durch Krankheit anteilig verloren gehen – allerdings nur einmal pro Jahr für eine ausgewählte Woche.
Deutschland kommt dort auf einen Wert von 6,8 Prozent – ähnlich wie Belgien (6,7 Prozent), Schweden (6,6 Prozent) und Island (6,1 Prozent), bezogen auf das Jahr 2023. Spitzenreiter ist Norwegen mit 10,7 Prozent. Die niedrigsten Werte haben Malta mit 1,6 Prozent, Bulgarien mit 0,6 Prozent sowie Griechenland mit 0,4 Prozent.
Was sind die Hauptgründe für Ausfälle?
Mit Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigt sich ein deutlicher Anstieg um 3,6 Arbeitstage im Vergleich zu 2021. Diese Zunahme dürfte nach Einschätzung des Bundesamts unter anderem auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Anfang 2022 zurückzuführen sein: Seither werden alle Krankschreibungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern lückenlos erfasst. Das war vorher nicht der Fall.
Davon geht auch eine Studie der Krankenkasse AOK aus dem vergangenen Jahr aus. Neben der verbesserten Erfassung seien außerdem Atemwegserkrankungen der Treiber für zusätzliche Fehltage. Zudem sei nach wie vor ein „stetiger Anstieg der psychisch bedingten AU-Fälle“ zu verzeichnen, heißt es bei der AOK.
Die DAK kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Krankheitsursache Nummer eins waren im vergangenen Jahr weiterhin Atemwegserkrankungen. Auf Platz zwei lagen nun psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen. Es folgten Muskel-Skelett-Probleme.
Welchen Anteil hat die telefonische Krankschreibung?
Für das hohe Niveau an Ausfällen dürfte die telefonische Krankschreibung zumindest nicht alleine verantwortlich sein. Ihr Anteil an allen Krankschreibungen wäre dafür gar nicht hoch genug. Laut Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung vom Oktober 2025 machten telefonische Krankschreibungen zuletzt 0,9 Prozent aller Fälle aus.
Die empirische Auswertung deute darauf hin, „dass die Bedeutung der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit einem Anteil von jährlich 0,8 bis 1,2 Prozent an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen für die Gesamtentwicklung der AU-Fälle sehr gering ist“.
Auch die AOK-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es bei der telefonischen Krankschreibung keinerlei „Anzeichen für einen systematischen Missbrauch“ gebe. Drei von vier für die Studie befragten Beschäftigten nannten die telefonische Krankschreibung sinnvoll oder sehr sinnvoll, weil man nicht krank zum Arzt müsse und Kontakt zu anderen Patienten im Wartezimmer vermeiden könne.
Wie verläuft die politische Diskussion?
Union und Arbeitgeberverbände fordern trotzdem schon länger das Ende der telefonischen Krankschreibung. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist jedoch nicht von Abschaffung, sondern von Korrekturen die Rede: „Die telefonische Krankschreibung werden wir so verändern, dass Missbrauch zukünftig ausgeschlossen ist (zum Beispiel Ausschluss der Online-Krankschreibung durch private Online-Plattformen).
Auch Kassenärzteverband-Chef Andreas Gassen sieht die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung allein nach Telefonkontakt mit dem Arzt kritisch. Die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung lade „natürlich“ zum Missbrauch ein, sagte er dem Tagesspiegel. „Am Telefon kann doch niemand zuverlässig beurteilen, ob jemand wirklich arbeitsunfähig ist oder nicht“, sagte Gassen.
Gewerkschaften und die Partei Die Linke wiesen die Vorschläge zurück und warnten vor einem Generalverdacht gegen Arbeitnehmer. „Menschen krank zur Arbeit zu schicken oder von ihnen zu verlangen, später in Rente zu gehen, das bringt keinen einzigen neuen Auftrag in unser Land“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi, am Wochenende.
Linken-Bundesgeschäftsführer Janis Ehling sagte: „Wer den hohen Krankenstand beklagt, sollte über Überlastung, Personalmangel und krank machende Arbeitsbedingungen reden, statt Beschäftigten fehlende Arbeitsmoral zu unterstellen.“
Grünen-Chefin Franziska Brantner sagte, wirtschaftlich sei es klar, „dass wir mehr arbeiten müssen“. Nötig seien aber gute Rahmenbedingungen, etwa verlässliche Kinderbetreuung.
Auch der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wandte sich im Tagesspiegel gegen ein Ende der telefonischen Krankschreibung. Eine Verbesserung beim Krankenstand lasse sich durch „Vorbeugemedizin“ erreichen. „Das gelingt uns durch Früherkennung, etwa von Bluthochdruck, durch eine Erhöhung der Tabaksteuer und andere präventive Maßnahmen – und nicht durch Gängelei der Kranken.“
Welche anderen Vorschläge gibt es?
DAK-Chef Andreas Storm sagte der Nachrichtenagentur dpa die Analysen zeigten, dass sich der Krankenstand auf einem hohen Niveau einpendele. „Deswegen ist es richtig und notwendig, eine fundierte Ursachenforschung voranzutreiben.“ Storm begrüßte die von Merz erneut angestoßene Debatte und forderte einen Gipfel im Kanzleramt, der Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen dazu an einen Tisch bringen sollte. Es gehe darum, neue Lösungswege zu entwickeln, sagte der Kassenchef.
„Ein wichtiger Baustein kann die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen und Diagnosen sein.“ Gemeint ist damit, nur für einen Teil der täglichen Arbeitsstundenzahl krankgeschrieben zu werden.