Bei Antiquariatsmessen denkt man zunächst vielleicht an ein eher betagteres Publikum, an kostbare Drucke, Autografe und Erstausgaben. Ein Irrtum, wie die junge Sammlerin Elisabeth Wittkowski beweist.
Was sucht eine junge Frau wie Sie auf einer Antiquariatsmesse?
Es ist die Möglichkeit, die Objekte einmal in echt zu sehen. Ich kann zwar auch von zu Hause aus sammeln, indem ich Online-Portale und Antiquariats-Websites durchforste. Aber es ist eben etwas anderes, zu erleben, wie ein Codex außerhalb eines Museums tatsächlich aussieht. Das geht am besten auf einer Messe.
Elisabeth Wittkowski Foto: Privat
Aber gerade wenn Sie jetzt Codices und solche eher klassischen Dinge nennen – Ihre eigene Sammeltätigkeit geht ja eher in eine ganz andere Richtung: Sie haben sich auf Objekte rund um Elton John spezialisiert. Warum gerade er?
Es kam tatsächlich über die Musik, eine Fanliebe, die andauert. Als ich anfing, gab es zwar schon Streaming, aber ich hörte auch noch CDs. Die wurden mir irgendwann zu klein, und so entdeckte ich in einem Gebrauchtmusikladen ein Album als Schallplatte, das mir noch auf CD fehlte. So fing es an: Ich brauchte dieses eine Album, es gab es nur auf Vinyl, es war viel größer als die CD und hatte eine interessant gestaltete Innenhülle. Plötzlich fand ich die physischen Objekte einfach zu interessant und zu aussagekräftig, um nur beim Streaming zu bleiben.
Eigentlich ist Musik eine immaterielle Zeitkunst, was sammelt man da?
Wo Vinyl ist, da gibt es auch Programmhefte, Pressefotos, Zeitschriften, Zeitungen. Die ganze Medienwelt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist meine Sammelwelt geworden. Gleichzeitig kam die Literatur als Interesse dazu, sodass ich auch da angefangen habe, ein bisschen zu sammeln. Ein Text wirkt einfach anders, wenn man ihn so sieht, wie er zuerst publiziert wurde.
Das heißt, Sie haben neben Elton John noch weitere Sammelschwerpunkte?
Bei Büchern bin ich eher in Richtung Oscar Wilde und der englischen Literatur unterwegs. Aber mein Hauptschwerpunkt ist schon Elton John, besonders die früheren Sachen.
Wie umfangreich ist Ihre Sammlung?
Da Elton John vor allem Musik macht, sind es sehr viele Schallplatten. Aber die Sachen, mit denen das spannende Sammeln und Recherchieren anfängt, würden etwa ein Billy-Regal füllen: Neben frühen Notenbüchern und Programmheften sind das vor allem auch Biografien, eine Art Sekundärliteraturapparat, obwohl das für diese Publikationen vielleicht etwas hoch gegriffen ist. Es finden sich darin aber immer wieder Hinweise auf Interviews, die mich interessieren, auf die ich sonst nicht gekommen wäre.
Apropos Billy-Regal: Wie viele Billy-Regale nimmt Ihre Sammeltätigkeit in Anspruch?
Tatsächlich kein einziges. In meinen Billy-Regalen steht vor allem meine Privatliteratur. Für meine Sammlung habe ich eine Schiebevitrine, die allerdings auch von einem gewissen schwedischen Möbelhersteller stammt.
Aber unter Platznot leiden Sie noch nicht?
Im Moment geht es noch, aber ich merke, dass ich vielleicht etwas zu viele Interessen für meinen Platz und Geld habe. Deshalb ist es wichtig sich zu begrenzen. Bei Elton John habe ich sehr früh gemerkt, dass mich besonders die Zeit zwischen 1968 bis ungefähr 1974 interessiert, also wirklich seine Anfänge.
Neben Elton John sammelt Elisabeth Wittkowski auch Oscar-Wilde-Ausgaben Foto: Elisabeth Wittkowski
Man assoziiert mit Popkultur eigentlich eher Gegenwart. Was bedeutet es, wenn sie dabei ist, ein Fall für Antiquariate zu werden?
Es ist immer die Frage, wo die Gegenwart anfängt. Paul McCartney der mit den Beatles Zeitgeschichte geschrieben hat, ist schon etwas älter, aber er macht heute noch Konzerte. Da verschwimmen die Grenzen. Und ganz aktuell, wenn ich mir Taylor Swift anschaue: Meine Swiftie-Freundinnen sammeln genauso intensiv wie ich, aber eben Objekte, die heute herauskommen. Das erste Interview von Taylor Swift, das gedruckt irgendwo veröffentlicht wurde, könnte auch jetzt schon für den Antiquariatsmarkt interessant sein.
Sind Sie mit Ihrer Sammelleidenschaft eine Exotin?
Ich bin vielleicht nicht die Durchschnittsbesucherin einer Antiquariatsmesse, schon vom Alter her. Aber das Recherchieren, Auswählen und Entscheiden, welche Objekte man zusammenstellt und gruppiert, ist letztlich bei allen Sammelgebieten gleich. Deshalb ist mir der Austausch auch so wichtig.
Was steckt hinter der Lust zu sammeln?
Meine Interessen sind ein großer Teil meines Selbstverständnisses. Ich umgebe mich gerne mit den Dingen, zu denen ich recherchiere, zu denen ich eine persönliche Beziehung habe. Obwohl ich die Sammlung und die Objekte sehr neutral betrachten kann und darüber auch einen wissenschaftlichen Aufsatz schreiben könnte, ist es doch zugleich ein sehr persönlicher Ausdruck meiner selbst.
Bei dem Wort Objekte denkt man an die Präsenz realer Dinge. Ist das Sammeln auch ein Widerstand gegen die digitale Welt, die immer mehr Macht über uns gewinnt?
Ich will die eine Welt nicht über die andere stellen, beide sind toll. Meine Generation weiß das Zusammenspiel von Musikstreaming und Vinyl zu schätzen. Auf meinem Instagram-Account kann ich meine Sammlung zeigen und mich mit Menschen auf der ganzen Welt austauschen.
Was hoffen Sie in Stuttgart oder Ludwigsburg zu finden?
Hier geht es mir gar nicht unbedingt nur darum, etwas für meine Sammlung zu erstehen, das vielleicht auch, aber im Vordergrund steht, Neues zu entdecken, was ich gar nicht ankaufen will oder kann, zum Beispiel Bücher aus der frühen Neuzeit. Und ganz besonders freue ich mich auf den Stand der jungen Sammler. Auch wenn ich noch gar nicht weiß, was mich da erwartet – es wird sicher schön werden.
Die Messen in Stuttgart und Ludwigsburg
Sammlerin
Elisabeth Wittkowski, geboren 1998 in Casstrop-Rauxel, hat Germanistik und Theologie studiert. 2022 erhielt sie den Preis für junge Sammlerinnen und Sammler des Verbandes Deutscher Antiquare e.V. für die Sammlung „Elton John, Selbstdarstellung und Rezeption 1970-72“.
Stuttgart
Die 63. Stuttgarter Antiquariatsmesse findet vom 23. bis 25. Januar im Schiller-Saal der Liederhalle statt. Mehr als 70 Antiquariate aus 11 Ländern präsentieren ihr Schätze: neben seltenen Büchern, Inkunabeln, Handschriften, alte und moderne Graphik, Autographen, Vintage-Fotografie und vieles mehr. Weitere Informationen unter www.antiquariatsmessestuttgart.com/
Ludwigburg
Die Antiquaria in Ludwigsburg feiert in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag. Statt eines Rahmenthemas ist das diesjährige Motto „40 Jahre Vielfalt“. Bis 24. Januar, Musikhalle, Bahnhofstraße 19 in Ludwigsburg. Weitere Informationen unter www.antiquaria-ludwigsburg.de.