Die Vellmenkrippe hat nachmittags zu. Grund ist der Personalmangel, doch das Problem reicht viel tiefer. Auch das Verhalten mancher Eltern sei nicht hilfreich, so der Vorstand.
Sie sei verärgert, frustriert und vor allem gestresst. Und sie fühle sich machtlos. So umschreibt eine Mutter ihre derzeitige Gefühlslage. Ihr Kind geht in die Vellmenkrippe in Stuttgart-Süd. Das Team dort betreut drei Krippen- und zwei Kita-Gruppen. Zum Leitbild der Einrichtung habe einst die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehört, sagt Anne Milberg, die zusammen mit Bianca Hermle mit der Presse spricht. Es geht um gekürzte Öffnungszeiten.
Vor Corona hatte die Einrichtung von 7 bis 17 Uhr geöffnet. Nach der Pandemie wurde die erste Öffnungsstunde am Morgen gestrichen, dann die letzte Stunde am Nachmittag. Seit dieser Woche bietet die Kita nur noch eine Betreuung bis 14 Uhr an. Die Eltern wurden darüber am Mittwoch vergangener Woche schriftlich informiert.
Er wisse sehr wohl, dass diese Situation für viele Mütter und Väter schwierig sei, aber es habe keinen anderen Weg gegeben, sagt der Vereinsvorsitzende Peter Reif. Die Vellmenkrippe kämpfe mit dem gleichen Problem wie alle anderen Kitas in Stuttgart auch: dem Personalmangel. Zum Jahreswechsel hätten drei Mitarbeitende die Einrichtung verlassen. Aus Gründen, die nichts mit der Kita selbst zu tun gehabt hätten, betont Peter Reif. Damit habe man den erforderlichen Personalschlüssel nicht mehr erfüllen können.
Krankheitswellen verschärfen das Problem
Hinzu kämen Krankheitsausfälle. Ein Problem dabei sei, dass manche Eltern ihre kranken Kinder in die Kita bringen würden. „Die Kinder erzählen uns dann, dass sie am Morgen schon den guten Erdbeersaft bekommen hätten“, sagt Peter Reif und meint damit ein Fiebermedikament. Die Kleinen seien dann ein paar Stunden scheinbar fit, bevor am späten Vormittag die Wirkung nachlasse.
Manche Eltern würden ihre kranken Kinder zur Kita bringen, sagt der Vereinsvorsitzende Peter Reif. Foto: IMAGO/Westend61
Die Krankheitswellen und die damit verbundenen sehr kurzfristigen Kürzungen von Öffnungszeiten hätten dazu geführt, „dass uns bewusst geworden ist, dass wir wieder eine stabile Situation schaffen müssen, die alle berücksichtigt“, sagt Reif und ergänzt: „Die Alternative wären immer wieder sehr kurzfristige Schließungen gewesen. Das hätten wir schlimmer gefunden.“
Der Vereinsvorsitzende betont, es gehe auch darum, einen gewissen pädagogischen Standard zu halten und die Kinder nicht nur zu verwahren. „Das ist und wichtig.“ Und der Verein müsse auch an die Gesundheit der Mitarbeitenden denken. Sie hätten sich in den vergangenen Wochen sehr engagiert, um die Personalausfälle abzufedern. „Wir wollen unsere Mitarbeitenden nicht verheizen. Sonst haben wir bald keine mehr.“
Arbeit der Fachkräfte soll wertgeschätzt werden
Dazu zählten für ihn auch Wertschätzung uns Respekt. Es gebe eine kleine Gruppe von Eltern, welche wegen der gekürzten Öffnungszeiten „Druck“ auf die Erzieherinnen ausüben würde. Zum Teil seien auch unschöne Kommentare gefallen. „Das kann dazu führen, dass Mitarbeitende unser Haus verlassen“, warnt Reif. Mehrere Kolleginnen hätten das bereits angedeutet.
Die beiden Mütter betonen, dass es in keiner Weise um eine Kritik an der Arbeit der Fachkräfte gehe. „Unsere Kinder lieben ihre Erzieherinnen und Erzieher sowie die Örtlichkeit mit tollem Außengelände“, sagt Bianca Hermle. Wegen der tollen Betreuung sei ihre Familie auch stets bereit gewesen, sich ehrenamtlich für die Kita zu engagieren.
Vorstand hofft auf eine Verbesserung der Situation Ende März
Doch die neuen Öffnungszeiten stellen die Familien vor Herausforderungen. Sie sollen bis Ende März gelten. Dann kehrt eine ehemalige Auszubildende als pädagogische Fachkraft in die Vellmenkrippe zurück. „Dadurch erwarten wir eine deutliche Entlastung im Team. Unser oberstes Ziel ist es, ab April wieder die gewohnten Öffnungszeiten anbieten zu können“, heißt es in dem Info-Brief an die Eltern. Und weiter steht dort: „Vielen Dank für Ihr Verständnis, Ihre Geduld und Ihr Vertrauen.“
Für Anne Milberg ist das eine „seichte Entschuldigung“, die ihrem Empfinden und der Sache nicht gerecht werde. Wie könne sie Geduld haben, wenn die Zeit dränge, fragt die Mutter und ergänzt: „Das Vertrauen ist erschüttert.“ Anne Milberg und Bianca Hermle hätten sich gewünscht, „dass man das Gespräch mit den Eltern sucht und gemeinsam Lösungsansätze diskutiert, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiterhin garantieren“. Als Grundlage dafür hätte man zum Beispiel die Arbeitszeiten und die damit verbundenen Betreuungsbedarfe der einzelnen Familien abfragen können.
Stattdessen seien die Eltern in keiner Weise in die Entscheidungen eingebunden gewesen. Auch der Elternbeirat sei lediglich informiert worden. Besonders ärgert die beiden Mütter, dass die Eltern so kurzfristig von der Kürzung der Öffnungszeiten erfahren haben. „Wie soll ich von einen Tag auf den anderen mein komplettes Leben umstellen?“, fragt Anne Milberg.
Die Eltern haben noch weitere Kritikpunkte. So müssen sie trotz der gekürzten Öffnungszeiten weiterhin die gleichen Gebühren zahlen. Und das obwohl einige von ihnen, nun ihre Arbeitszeit verkürzen und damit Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, um ihre Kinder nachmittags betreuen zu können. Zudem sehen die Mütter keine Perspektive. Sie glauben nicht daran, dass sich die Situation ab April entscheidend verbessert.