Eine Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht hält sich mit den Händen den Nacken.

AUDIO: Nachrichten 10:00 Uhr – 22.01.2026 (4 Min)

Stand: 22.01.2026 18:42 Uhr

Allein in Schleswig-Holstein könnte die Hälfte der acht Schmerzkliniken in ihrer Existenz gefährdet sein. Deshalb fordert die Deutsche Schmerzgesellschaft Änderungen am Entwurf für das neue Krankenhausgesetz.

von Hauke von Hallern

Eine Bewegungsgruppe einer Schmerzensklinik.

Landesweit leiden hunderttausende Menschen an chronischen Schmerzen

Das Problem: Ab kommendem Jahr sollen Krankenhäuser ihre Arbeit über sogenannte Leistungsgruppen abrechnen. Davon gibt es 65, für die Schmerzmedizin aber keine. Die Idee des Bundesgesundheitsministeriums: Die Kliniken können über fremde Leistungsgruppen ihr Geld bekommen. Doch da gibt es einen Haken: Krankenhäuser, die zum Beispiel über die Leistungsgruppe Innere Medizin abrechnen wollen, müssen laut Gesetz eine Intensivstation bereitstellen. Oder: Wer über die Chirurgie abrechnen will, braucht Operationssäle. Viele Schmerzkliniken benötigen diese Infrastruktur laut Deutscher Schmerzgesellschaft aber nicht und halten sie deshalb auch nicht vor.

Schmerzpatienten sind oft verzweifelt

„In unserem Bereich konzentrieren wir uns auf neurologische Schmerzen: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Nervenschmerzen. Hier braucht man keine operativen Behandlungen, man kann diesen Schmerz nicht wegoperieren“, erklärt Hartmut Göbel, Ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel. Nach seinen Worten ist nun die Zukunft der Kieler Schmerzklinik mit insgesamt 133 Betten ungewiss. Und das, obwohl diese für die Versorgung im Land eigentlich dringend gebraucht wird. „Patienten sind oft verzweifelt, finden über Jahre keinen Therapieplatz. Auch wir haben momentan Wartezeiten von mehr als eineinhalb Jahren“, so Göbel. Er befürchtet, dass es zu einem Kollaps in der Versorgung kommen wird und fordert deswegen im Zuge der Krankenhausreform eine spezielle Leistungsgruppe für Schmerztherapie.

Zehntausende Betroffene in Schleswig-Holstein

Die Deutsche Schmerzgesellschaft befürchtet, dass in Schleswig-Holstein die Hälfte der acht Schmerzkliniken in ihrer Existenz gefährdet sein könnten. Das betreffe nach dem Königsberger Schlüssel – heruntergerechnet auf Schleswig Holstein – 77.000 Patientinnen und Patienten. Diese haben laut Schmerzgesellschaft massivste körperliche und psychische Beeinträchtigungen durch die Schmerzerkrankung.

Doch vermutlich leider noch deutlich mehr Menschen unter chronischen Schmerzen. Gesundheitsumfragen ließen vermuten, dass allein in Schleswig-Holstein 500.000 Menschen betroffen seien und bundesweit bis zu 16 Millionen, so die Schmerzgesellschaft. Nach deren Angaben kommen die unterschiedlichen Zahlen zustande, weil chronische Schmerzen sehr unterschiedlich definiert werden – zum Beispiel nach Krankheitsdauer, Stärke und ob sie diagnostiziert sind oder nicht.

Noch längere Wartezeiten befürchtet

Dr. Peter Iblher während der Arbeit

Petzer Iblher ist Chefarzt für Multimodale Schmerzmedizin am AMEOS Klinikum Fehmarn.

Die Ameos Schmerzklinik mit 28 Betten auf Fehmarn gehört zu den Kliniken, die nach eigenen Angaben vermutlich weniger betroffen sein werden. Hier gehört die Schmerzklinik als Abteilung zu einem großen Krankenhaus, in dem es zum Beispiel Operationssäle gibt. Zukunftssorgen haben die Mediziner trotzdem. „Wenn ein Teil der Kliniken schließt, könnten die anderen überlastet werden. Und die Patienten sind sehr verzweifelt und sagen häufig, die Schmerzmedizin sei ihre letzte Hoffnung“, berichtet Peter Iblher, Chefarzt der Ameos Schmerzklinik. Ihnen schnell helfen zu können sei essentiell. „Diese Menschen denken darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Das sind Menschen, die sind aus dem Leben gerissen. Die waren vorher erfolgreich, hatten eine Familie, waren beruflich unterwegs – und das funktioniert alles auf einmal nicht mehr“, erklärt Iblher. Solche Gespräche seien oft sehr emotional und auch für gestandene Ärzte nicht zu unterschätzen. „Dann sitzen die vor einem und fangen an zu weinen und sagen: Ich kann nicht mehr, bitte helfen Sie mir.“

Bundesgesundheitsministerium arbeitet an Problemlösung

Das Landesgesundheitsministerium teilt auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein schriftlich mit, man sei mit dem Bund und deren Fachleuten in Kontakt und setze sich dafür ein, dass die Schmerztherapie auch künftig berücksichtigt werde. Das Bundesgesundheitsministerium selbst hat das Problem offenbar erkannt und schreibt auf Anfrage, es wolle die Schmerzmedizin nicht gefährden – Fachleuten würden nun die Leistungsgruppen überarbeiten. Diese Empfehlungen sollen bei der Gesetzgebung berücksichtigt werden. Geplant ist, dass der Bundestag schon Ende des Monats final entscheidet, ob die Leistungsgruppe Schmerzmedizin doch noch ins Krankenhausgesetz aufgenommen wird.

Eine Frau mittleren Alters stützt ihren Kopf mit den Händen und schaut zu Boden.

Chronische Schmerzen können die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Ein multimodaler Therapie-Ansatz hilft.

Mehrere Packungen mit Tabletten, Pflastern und Tropfen liegen auf einem Tisch.

Schmerztherapie

Es zwickt im Rücken, der Kopf dröhnt. Die helfende Tablette gibt es aber nur mit Risiken. Der Körper kann Schmerzen aber auch selbst regulieren – je mehr Training, desto besser. Von Alexandra Rank.

Eingangsbereich des Schmerzzentrums Mainz

Krankenhausreform

Mit der geplanten Krankenhausreform geraten spezialisierte Schmerzzentren unter Druck. Fachverbände und Ärzte schlagen Alarm: Ohne Nachbesserungen im Gesetz sei die Versorgung chronisch Schmerzkranker gefährdet. Von Oliver Bemelmann.