Herr Heygster, in Ihrem Fotoprojekt „Democracy dies in Daylight“ dokumentieren Sie die öffentlichen Auftritte der AfD seit Jahren. Dabei inszenieren Sie die Mitglieder und Anhänger oft wie bei einer Theateraufführung. Warum?

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Die Partei spielt ganz viele Rollen. Sie tun so, als seien sie die Partei der kleinen Leute. Das sind sie nicht. Sie tun so, als seien sie eine demokratische Partei, das sind sie aus meiner Perspektive nicht. Sie tun so, als seien sie Wirtschaftsexperten, auch das sind sie aus meiner Sicht nicht. Es ist wie Theater. Um diese Rollen deutlich zu machen, habe ich versucht, durch die Art der Ausleuchtung mit zwei externen Blitzen die Theaterartigkeit dieser Inszenierungen herauszuarbeiten. Wichtig ist: Nicht ich inszeniere, sondern die. Ich dokumentiere.

„Es ist wie Theater“: Wahlkampfauftakt der AfD in Halle im Januar 2025.

Wie sind die Fotografierten mit Ihnen umgegangen?

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Das geht von bis. Es gibt Leute, auch AfD-Politiker, die mich jedes Mal anpöbeln, mich schubsen oder versuchen, mein Stativ umzuwerfen. Für die bin ich einfach die Feindpresse. Auf der anderen Seite kennt mich beispielsweise Alice Weidel mittlerweile von vielen Terminen. Manchmal fragt sie mich, ob ich beim Friseur war, oder winkt mir während einer Veranstaltung explizit zu. Aber sie kann auch ganz anders.

Sie entwickeln in gewisser Weise eine Beziehung.

Ich bin auf rund 25 Veranstaltungen gewesen. Gerade auf Parteitagen trifft man immer wieder die gleichen Leute. Genau wie der Dorfpolizist zum Dorfverbrecher eine Verbindung hat, hat auch der demokratisch eingestellte Journalist zu den Rechtsaußen eine berufliche Beziehung. Ich gehe diese Beziehung ein, um nah heranzukommen und später über meine Bilder etwas kommunizieren zu können.

„Es gibt viele Absperrbänder“

Aber wo ziehen Sie die Grenze?

Ich lüge nicht. Ich würde nie vorspielen, dass ich rechts bin.

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Müssen die AfD-Politiker dann untereinander eine Rolle spielen, wenn sie einen linken Fotografen hofieren?

Nein. Die lehnen zwar die Presse ab, aber untereinander ist die gegenseitige Ablehnung oft noch ausgeprägter.

Werden die Politiker auf Parteitagen vor Journalisten abgeschirmt, damit sie nicht übereinander reden?

Es gibt viele Absperrbänder. Man kann mit ihnen nicht reden, außer in der Vorhalle, auf dem Weg zum Klo oder im Raucherbereich. Ich verbringe viel Zeit im Raucherbereich. Obwohl ich nicht rauche.

Der Mann hinter der Kamera: Fotograf Rafael Heygster.Zur Person

Rafael Heygster, Jahrgang 1990, studiert an der Hochschule Hannover Fotojournalismus, arbeitet für Zeitungen und Magazine und ist für seine Fotoserien vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem World Press Photo Award für „Democracy Dies in Daylight“. Die Bachelor-Ausstellung mit Heygsters und zehn anderen Arbeiten ist bis zum 1. Februar täglich von 12 bis 20 Uhr in der GaF, Seilerstraße 15d, zu sehen.

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Sie haben auch Björn Höcke fotografiert. Haben Sie ihn auch als Rollenspieler erlebt, wie Alice Weidel?

Seine Taktik ist eine ganz andere. Ich bin Freiberufler, aber oft für den „Spiegel“ unterwegs. Höcke verabscheut den „Spiegel“ und redet nicht mit ihm. Ich habe ihn nur einmal porträtiert, ansonsten hat er abgelehnt.

„Sie schauen zu ihm auf“: Björn Höcke mit Anhängern auf dem Gründungskongress der AfD-Parteijugend in Gießen.

Auf dem Bild in der Ausstellung stehen zwei junge Männer neben Höcke, die ihn bewundernd anschauen. Wie wichtig ist für ihre Inszenierungstheorie das Umfeld der Politiker?

Absolut wichtig. Das Bild ist auf dem Gründungskongress der AfD-Parteijugend entstanden. Die beiden jungen Männer werden möglicherweise auch Politiker. Sie schauen zu Höcke auf, zur aus ihrer Sicht funktionierenden Macht, die sie dann reinszenieren oder kopieren. Deshalb habe ich das Bild ausgewählt.

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Sie haben 2023 damit angefangen. Wie ist die Resonanz?

Die Arbeit hat immer wieder Aufmerksamkeit bekommen, aber in der Regel wollen Kulturinstitutionen oder Galerien das nicht ausstellen, weil sie Angst haben. Angst vor Angriffen, Angst, denen eine Bühne zu bieten – oder einfach aus vorauseilendem Gehorsam. Hier in der GaF kann ich meine Bilder im Rahmen der Bachelorausstellung an die Wand hängen.

Umstrittener Fackelmarsch beim „Coburger Pfingstkongress“ deutscher Turnerschaften und Landsmannschaften, bei dem es immer wieder zu Ausschreitungen kommt. Rafael Heygster hat in Coburg für seine Arbeit „Democracy dies in Daylight“ fotografiert.

Ist das für Sie eine Art Mission?

Ich werde mit meinen Bildern den Rechtsruck nicht beenden können. Was ich aber kann, ist zum Diskurs beitragen. Ich kann sagen: Leute, lasst uns drüber reden. Ich mache den Raum, damit wir darüber reden, wie wir als demokratischer Teil der Gesellschaft mit dem Rechtsruck umgehen wollen.

HAZ