Die Mehrwertsteuer sinkt, die Preise steigen: Bei seinem ersten Besuch 2026 im angestammten China-Imbiss staunt der Kunde nicht schlecht. Der Ravensburger Gastronomiebetrieb hat eine neue Karte. Allerdings sind die Endpreise der Asiagerichte nicht um zwölf Prozent günstiger, wie es durch die erfolgte Senkung der Mehrwertsteuer (von 19 auf sieben Prozent) zu erwarten gewesen wäre, sie liegen allesamt rund einen Euro höher als noch vor der Steuersenkung zum Jahreswechsel.

Das heißt konkret: Für einen Teller gebratenen Reis mit Gemüse und Hühnerfleisch zum Verzehr im Lokal werden nun acht Euro fällig statt zuvor sieben Euro. Dies klingt nicht nach viel, entspricht aber einem Preisanstieg um mehr als 14 Prozent bei gleichzeitiger Senkung der Mehrwertsteuer um zwölf Prozent. In der Summe also eine Preissteigerung um stolze 26 Prozent. Bei den anderen Gerichten in dem Lokal sieht es ganz ähnlich aus. Auch wenn eine solch kühne Vorgehensweise sicher die Ausnahme sein dürfte, nach gesunkenen Preisen sucht der Gast im neuen Jahr zumeist vergeblich.

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McDonald’s senkt die Preise – aber nur auf manche Menüs

Von den bekannten Restaurant-Ketten hat bisher insbesondere der Fast-Food-Riese McDonald’s Preise gesenkt – zum Teil um mehr als 15 Prozent. Dies zwar sehr öffentlichkeitswirksam, allerdings nicht für das gesamte Sortiment, sondern nur bei einigen ausgewählten Gerichten wie dem „Happy Meal“, drei „McSmart-Menüs“ und dem „Big Mac McMenü“. Die Maßnahme erscheint also eher als ein durchaus gelungener Marketing-Coup denn als ein konsequentes Weitergeben des Steuervorteils an die Burger-Liebhaber.

Die Preissenkung soll ein Signal an die gesamte Gastronomiebranche senden und die Nachfrage beleben, heißt es in einer Pressemitteilung von McDonald’s dazu. Viele andere Gastronomen und Ketten in Deutschland wie L’Osteria, Burger King oder auch Nordsee haben dagegen bereits mitgeteilt, sie könnten die Steuersenkung leider nicht weitergeben. Die Begründung häufig: gestiegene Kosten für Lebensmittel, Energie und vor allem Personal.

Experten sehen „teures Wahlgeschenk“ der Koalition

Ökonomen haben die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen bereits als „teures Wahlgeschenk der schwarz-roten Koalition“ kritisiert. Schließlich gehe es auch anderen Branchen nicht gut, so die Begründung. Nach Berechnungen von „Foodwatch“ dürfte die Senkung der Steuer „allein McDonald’s schätzungsweise mit rund 140 Millionen Euro jährlich entlasten“ – die gesamte Fast-Food-Branche käme demnach auf eine Ersparnis  von rund 500 Millionen Euro.

Die Branchenvertreter dagegen zeigen großes Verständnis dafür, dass viele Gaststätten den Steuervorteil nur sehr zaghaft oder auch gar nicht an ihre Kunden weitergeben. „Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der weiter steigenden Kosten hat für viele Betriebe aktuell die Stabilisierung der betriebswirtschaftlichen Situation erste Priorität“, erläutert Daniel Ohl, Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Baden-Württemberg, gegenüber der „Schwäbischen Zeitung“.

Mindestlohn in fünf Jahren um 48,7 Prozent gestiegen

Er nennt als Kostentreiber vor allem die weitere Erhöhung des Mindestlohns – diesmal um 8,4 Prozent –, aber auch höhere Aufwendungen für Waren wie Lebensmittel und Getränke, Energie sowie gegebenenfalls Miete, Pacht und andere Fixkosten. „Nach unserer Einschätzung hat die Mehrheit der Betriebe die Kostensteigerungen nicht vollständig weitergegeben, sondern Teile davon auf Kosten der eigenen Ertragskraft selbst getragen“, sagt Ohl.

Am meisten belastet der gesetzliche Mindestlohn die Gastrobranche. Zum Jahreswechsel stieg dieser erneut: um 1,08 Euro auf 13,90 Euro je Stunde. Anfang 2027 wird er auf 14,60 Euro angehoben – ein Anstieg von 13,9 Prozent in nur zwölf Monaten. Zwischen 2022 und Anfang 2027 erhöht sich der Mindestlohn damit also um 48,7 Prozent. Und dabei bleibt es in der Praxis nicht: Die enormen Steigerungen des Mindestlohns führen dazu, dass die gesamte Gehaltstruktur in einem Betrieb nach oben angepasst werden muss – damit der Koch am Ende nicht das Gleiche verdient wie die Küchenhilfe.

„Große Erleichterung und wieder wachsende Zuversicht“

2025 sei alles in allem ein schwieriges Jahr für das Gastgewerbe in Baden-Württemberg gewesen, betont Branchenvertreter Ohl. Die Senkung der Mehrwertsteuer habe bei vielen Gastronomen im Land entsprechend zu einer „großen Erleichterung“ und einer auch „wieder wachsenden Zuversicht“ geführt, berichtet der Dehoga-Sprecher. Zum Hintergrund: In den vergangenen fünf Jahren hat die Branche in Baden-Württemberg schon mehr als 3000 Betriebe verloren (von 30.800 auf 27.600). Vor allem im ländlichen Raum sei Gastronomie in vielen Gemeinden heute bereits ein „Engpassfaktor“.

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Die wirtschaftlichen Spielräume, die durch die „sieben Prozent“ entstehen, werden laut Ohl entsprechend zur Stabilisierung der Unternehmen, zur Bewältigung von hohen Kostensteigerungen und zur Finanzierung notwendiger Investitionen genutzt. So könnten zumindest ansonsten erforderliche Preiserhöhungen vermieden werden. „Außerdem profitieren Gäste davon, wenn durch die verbesserten Rahmenbedingungen mehr Betriebe die Chance haben, wirtschaftlich zu überleben, und so die Vielfalt des gastronomischen Angebots erhalten bleiben kann“, gibt Ohl zu bedenken.

„Viele Deutsche gehen überhaupt nicht mehr essen“

Auch bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg erwartet man keine günstigeren Endpreise in den Speisekarten. „Im Durchschnitt ist davon auszugehen, dass eher eine Preisstabilität eintritt als eine Senkung“, sagt Heike Silber, bei der Verbraucherzentrale Leiterin der Abteilung „Lebensmittel und Ernährung“. Zumindest aus  früheren Senkungen und Anhebungen der Mehrwertsteuer in der Gastronomie rund um Corona sei zu beobachten gewesen, dass sich Senkungen weniger auf den Endpreis ausgewirkt haben als die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Vor diesem Hintergrund will es Silber auch nicht ganz ausschließen, dass es der eine oder andere Gastronom, der nun über ausbleibende Kundschaft klagt, dann doch etwas mit Preiserhöhungen übertrieben hat. „Das kann gut sein“, sagt sie.

Klar ist: Die vielerorts hohen Preise schrecken etliche Gäste ab. Mario Federico, Deutschlandchef von McDonald’s, sagte zuletzt im „Handelsblatt“-Interview: „Viele Deutsche gehen überhaupt nicht mehr essen.“ Die Zahl der Besuche in der Gastronomie sei seit 2019 von 12,4 Milliarden um etwa 13 Prozent eingebrochen, schätzt Berater Jochen Pinsker vom Marktforscher „Circana“. Die Stuttgarter Verbraucherschützerin Silber zeigt durchaus Verständnis dafür, dass viele Menschen mittlerweile weniger in der Gastronomie ausgeben. „Sie müssen ja schon beim eigenen Lebensmitteleinkauf deutlich mehr bezahlen als früher“, gibt sie zu bedenken.

Verbraucherschützer: „Auch mal beim Wirt nachfragen“

Den Kunden rät die Lebensmittelexpertin, stets einen genauen Blick auf die Qualität des Essens zu werfen und auch immer wieder die Preise der Gaststätten zu vergleichen. Bei „nicht nachvollziehbaren Preisen“ oder Preiserhöhungen könne man ruhig auch mal beim Gastwirt nachfragen, wodurch der Preis eines Essens gerechtfertigt ist oder warum genau eine Steuersenkung nicht weitergegeben werden kann. Interessant sei zudem die Nachfrage nach der Qualität der verarbeiteten Lebensmittel.

Bereits im September hatte die Dehoga Zahlen der Krise präsentiert. Restaurantbesucher zahlen demnach für eine Hauptspeise gut ein Viertel mehr als noch vor Beginn des Ukraine-Kriegs Anfang 2022. Das hat Folgen für den Umsatz: Kunden bestellen weniger oder kommen erst gar nicht. Dabei reichten die höheren Preise bei vielen Betrieben nicht mal für die Gewinnzone – der Branche drohe das sechste Verlustjahr in Folge. Auch in Baden-Württemberg befürchteten laut einer Dehoga-Umfrage Mitte Dezember 43 Prozent der Betriebe, 2025 in die Verlustzone zu geraten. 76 Prozent gaben an, dass sie notwendige Investitionen nicht durchführen konnten.

Wirt beklagt „Preiserhöhungen in allen Bereichen“

„Ich habe durchrechnen lassen, ob es für unsere Gäste günstiger werden kann“, berichtet auch der Stuttgarter Wirtshaus-Chef Osman Madan. Aber wegen der Erhöhung des Mindestlohns erhöhten sich auch die bestehenden Löhne der rund 80 Mitarbeiter von „Carls Brauhaus“ im Zentrum der Landeshauptstadt. Zudem berichtet Madan von „Preiserhöhungen in allen Bereichen“, unter anderem Lebensmittel, Energie, Wartungsverträge und Reinigung. Mit dem gewonnenen „Mehr an Netto“ seien zwar keine Preissenkungen möglich, es gelinge aber immerhin, die bestehende Preisstruktur nicht antasten zu müssen, sagt er. Ähnlich äußern sich die meisten Gastwirte in Deutschland. „Wir wünschen uns alle günstigere Preise für uns und unsere Gäste – aber es ist in der jetzigen Zeit nicht realistisch“, betont der Gastronom.

Für Dehoga-Sprecher Ohl ist noch ein ganz anderer Punkt entscheidend: „Dass frisch gekochtes Essen im Gasthaus, das auf Porzellantellern serviert wird, jetzt steuerlich nicht mehr diskriminiert wird“, wie er sagt. Denn bisher habe eine „Wettbewerbsverzerrung“ zulasten der „klassischen“ Gasthäuser und Restaurants vorgelegen. Gerichte zum Mitnehmen – also vor allem in den Segmenten Fast Food und Imbisse sowie plastikverpackte Fertiggerichte aus der Supermarkt-Kühltheke – wurden mit sieben Prozent besteuert, Speisen im Vor-Ort-Verzehr aber mit 19 Prozent. Diese Ungleichbehandlung falle jetzt ein für alle Mal weg. Der Hotel- und Gaststättenverband sieht nun endlich einen „fairen Wettbewerb“ in der Branche. Die Kunden werden dies sicherlich begrüßen – eine gewisse Erleichterung beim Preis hätten sich die meisten dann aber trotzdem gewünscht.