Am Samstag feiert „Candide oder der Optimismus“ am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Das Stück basiert auf der gleichnamigen Novelle von Voltaire aus dem Jahr 1759. Hauptfigur Candide geht darin naiv und hoffnungsfroh durch die Katastrophen der Menschheit. Mehr als 250 Jahre später greift Regisseur Volker Lösch das Thema auf und fragt: Ist es richtig, sich angesichts multipler Krisen seinen Optimismus zu behalten?
Premiere am Staatsschauspiel Dresden
Wie die historische Vorlage kreist „Candide“ am Staatsschauspiel um den Konflikt zwischen Wirklichkeit und Ideal. Die Adaption versetzt die Erzählung in das Jahr 1990, um sie mit den Krisen der Gegenwart zu konfrontieren. Lösch stellt die Ungerechtigkeiten der Welt in den Fokus – gemeinsam mit drei Figuren aus dem echten Leben, die auf der Theaterbühne ihre Perspektive teilen.
„Candide“ gibt Einblicke in Flucht und Seenotrettung
Eine dieser Figuren ist Hermine Poschmann. Sie ist seit 2017 für die Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline aktiv. In „Candide“ teilt sie ihre Erfahrungen: „Weil ich glaube, dass es ganz oft für die Leute nicht greifbar ist, welchen Situationen Menschen die auf der Flucht sind, ausgesetzt sind.“
Ihr erster Einsatz, sagt sie, habe ihr Weltbild zerrüttet. Dabei zieht sie auch Parallelen zwischen sich selbst und Voltaires Candide: „Ich bin hier in Dresden aufgewachsen, relativ behütet, und dann sehe ich plötzlich, was in der Welt los ist.“ Diese Erlebnisse hätten sie vieles anders sehen lassen, so Poschmann.
Ich glaube, dass es ganz oft für die Leute nicht greifbar ist, welchen Situationen Menschen, die auf der Flucht sind, ausgesetzt sind.
Hermine Poschmann
Mission lifeline
Auch die Aktivistin Sultana Sediqi teilt am Dresdner Staatsschausspiel Einblicke in ihr Leben. Sie sei 2012 mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen, erzählt Sediqi, und habe schon als Kind viele Ungerechtigkeiten erleben müssen.
In „Candide“ spreche sie zum ersten Mal auf einer Bühne über ihre Flucht, über Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland. Für sie sei es wichtig, mit der Inszenierung Begegnungen zwischen Menschen anzustoßen: „Dass wir einander sehen, dass wir uns in Nachbarschaften organisieren, in unseren Vierteln, an den Schulen, an den Unis.“ So könne man einander schützen, erklärt Sedeqi.
Appell für Zusammenhalt in Zeiten der Krise
Und so stehen in der Inszenierung reale Stimmen den surrealen, filmischen Szenen und literarischer Überhöhung gegenüber. Anhand heutiger Erfahrungen erzählen sie Voltaires Grundgedanken, wobei kein Betrachter sich selbst überlassen bleibt. Akivistin Hermine Poschmann betont: Es sei wichtig, zu versuchen, miteinander einen Weg zu finden.
„Candide“ will zeigen: Verantwortung ist nicht abstrakt, sondern konkret. Dabei stellt die Inszenierung keine großen, beruhigenden Antworten bereit. Stattdessen insistiert das neue Stück auf einer alten und für die Betrachter durchaus unbequemen Frage: Was können Menschen selbst tun in einer Welt, die alles andere als die beste ist?