Die Zahl der Buchhandlungen im Ruhrgebiet, von denen es immer noch bemerkenswert viele mit einer staunenswerten Vielfalt gibt, sinkt seit Jahren beständig. So hatte Essen im Jahr 2015 noch 41 Buchhandlungen aufzuweisen, nicht einmal zehn Jahre später waren es nur mehr 28 (siehe Grafik).
Das liegt im Bundestrend, und auch in NRW ging die Zahl von 815 im Jahr 2015 auf 622 (2023) zurück. Und jede dieser Schließungen ist ein echter Kulturverlust. Weil Buchhandlungen mehr sind als reine Abverkaufsstellen für Druckerzeugnisse der unterschiedlichsten Art. Sie sind Orte der Kommunikation (selbst dann, wenn Menschen sie nur deshalb betreten, weil sie Schulbücher für ihre Kinder bestellen möchten).
Buchhandlungen machen auch im Stadtbild einen markanten Unterschied im Einerlei der Drogerie- und Mode-Filialisten. Und etliche von ihnen bieten mehr Lesungen an als manche Stadtbibliothek: Sie bringen Menschen ins Gespräch, beleben das Kulturangebot des Viertels ringsum, sind gut gegen Einsamkeit und eingefahrene Denkmuster, weil es hier genügend Alternativen gibt. Und in der Regel arbeiten hier auch Menschen, die wissen, was sie da verkaufen, die sich auskennen im Dschungel der Neuerscheinungen.
Chronik der Schließungen
Die Altstadt-Buchhandlung im Herzen der Essener City, die an der Jahreswende 2025/26 leise für immer ihre Pforten schloss, ist nur der jüngste Fall von vielen. 2019 machte die alteingesessene Buchhandlung Pohlberg in Essen-Steele dicht, die nicht nur regelmäßig Lesungen veranstaltete, sondern sogar einen eigenen Bildband über den Stadtteil herausgegeben hatte. Ende 2022 war für „Victoria-Buch am Schacht“ in Marl-Hüls Schicht; seit Mitte 2023 gibt es „Alex liest Agatha“ nach 75 Jahren des Bestehens im Essener Stadtteil Rüttenscheid nicht mehr, im September war dort auch Schluss mit der „Leselust“-Filiale, von der es nach der darauffolgenden „Leselust“-Geschäftsaufgabe im Stadtteil Fulerum nur noch den Laden im Stadtwald-Viertel gibt; 2023 gingen im Duisburger Stadtteil Rheinhausen in der Mayerschen „Bücherinsel“ die Lichter aus, im Sommer dann auch in der Bottroper Traditionsbuchhandlung Erlenkämper und im Herbst beim „Lesezeichen“ am Altmarkt in Duisburg-Hamborn. Ende 2024 war die Buchhandlung van Kempen in Wattenscheid dicht; gleiches galt für die „Scharnhorster Bücherstube“ im Norden von Dortmund, in der Innenstadt schloss fast zeitgleich die Bonifatius-Buchhandlung; Anfang vergangenen Jahres verschwand dann die Buchhandlung „Lesenswert“ im Walsumer Norden von Duisburg, es war die einzige im Stadtteil. Seit dem Frühjahr 2025 ist auch „Buch Decker“ in Essen-Kettwig nur noch eine Erinnerung an bessere Zeiten.
Die Gründe, warum Buchhändlerinnen und -händler aufgeben, sind vielfältig. Aber wenn man Anke Naefe vom NRW-Börsenverein des Deutschen Buchhandels fragt, ist die Antwort eindeutig: „Das Alter! Zu 98 Prozent! Wie in allen anderen Berufen kommen die Boomer ins Rentenalter, da möchte jetzt eine ganze Generation aufhören.“ Aber vor drei oder vier Jahrzehnten war es noch so, dass Buchhändler ihren Laden verkaufen konnten und damit ihren Ruhestand finanzieren. Das ist heute eindeutig schwieriger geworden.
Buchhandlungen: „Viele Übernahmen erfolgen durch Quereinsteiger“
Selbst bei renommierten Buchhandlungen wie „Proust“ in Essen oder „Hilberath & Lange“ in Mülheim dauert es oft zwei Jahre vom Beginn der Nachfolge-Suche bis zur geglückten Übernahme. Dabei ist die Einstiegs-Hürde denkbar niedrig: Wer eine Buchhandlung übernehmen will, braucht nicht einmal eine Fachausbildung dafür. „Es ist dann natürlich ratsam, fach- und sachverständige Angestellte zu haben“, gibt Anke Naefe zu bedenken, aber auch das ist kein Muss: „Viele Übernahmen erfolgen auch durch Quereinsteiger“.

Übernahme gelungen: Vor einem Jahr stiegen Johanna und Marion Leibecke (v.l.) als neue Inhaberinnen bei der Essener Buchhandlung Proust ein.
© FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener
Aber so manche Enthusiasten, die sich gern ihren Traum von der eigenen Buchhandlung erfüllen möchten, erwachen schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen, wenn sie die Bilanzen sehen und damit auch, wie wenig sich Buchhändlerinnen (die längst in der Mehrzahl sind) selbst als Gehälter auszahlen. Die Branche lebt, von Autoren über Lektoren bis hin zu Übersetzerinnen und eben dem Buchhandel, immer noch mehr als andere von der kulturtragenden Selbstausbeutung.
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Einnahme-Rückgänge im stationären Buchhandel sind allerdings nicht zwangsläufig. Die Umsätze schwanken zwar, gehen aber langfristig in die Höhe. Und: Beim Internet-Handel mischen die Buchhandlungen vor Ort inzwischen kräftig mit, fast alle haben ihren Bestell-Shop im Netz. Und darüber wird fast die Hälfte aller online gehandelten Bücher gekauft.
Schießerei um die Ecke
Und doch: Auf der Straße sind immer weniger Kunden unterwegs, trotzdem steigen die Mieten. Wie auch die Gehälter der Beschäftigten. Und manchmal spielen auch noch Sonderfaktoren eine Rolle: Die Buchhandlung „Lesezeichen“, die ein echter kultureller Leuchtturm im Duisburger Stadtteil Hamborn war, wurde aus Altersgründen aufgegeben, Übernahme-Interessenten erfuhren aber auch von der mangelnden Wirtschaftlichkeit des Standorts in der Nähe vom Hamborner Altmarkt, wo sich im Jahr zuvor Rocker und Clans eine Schießerei auf offener Straße geliefert hatten.
Für Übergabe-Kandidaten hat der Börsenverein übrigens eine bundesweite „Buchhandlungs-Börse“ für Übernahme-Angebote und -Gesuche eingerichtet. Und sein NRW-Ableger in Düsseldorf berät Übernahme-Interessierte genauso wie Rückzugswillige.

Sebastian Schmitz und seine Mitarbeiterin Sepideh Rezazadeh in seiner Essener „Insel der Bücher“.
© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos
Es gibt auch immer mal wieder jemanden, der eine Neugründung wagt. Sebastian Schmitz ist so ein Buch-Verrückter: 2021 eröffnete er im Essener Stadtteil Holsterhausen seine „Insel der Bücher“. Aber für Schmitz, der hier einen „total analogen Ort“ geschaffen hat („Der Mensch braucht ein Buch, das er anfassen kann!“), ist seine Lese-Insel ein gutes Stück Liebhaberei: Seinen Lebensunterhalt verdient er als Flugbegleiter in aller Welt; wenn er nicht da ist, vertritt ihn eine Mitarbeiterin. Läuft bei ihm. Aber: „Wenn ich von der Buchhandlung leben wollte,“ orakelt Schmitz, „dann müsste ich doch sehr kämpfen.“