
kommentar
Kanadas Premier Carney hat in Davos Donald Trump die Stirn geboten. Daran sollten sich die Europäer ein Beispiel nehmen. Es ist höchste Zeit, dass die EU und Kanada enger zusammenrücken.
Mittlerweile dürfte allen klar sein, dass die Strategie der Schmeicheleien gegenüber Donald Trump gründlich gescheitert ist. Im vergangenen Jahr gab es viele peinliche Antrittsbesuche von Staats- und Regierungschefs im Weißen Haus. Manche hatten goldene Geschenke im Gepäck. Einige sind Trump fast schon unter der Türspalte entgegen gekrochen, um ihn nur ja nicht zu verärgern.
Einer der wenigen, der mit aufrechtem Gang kam und sich nicht verbiegen ließ, ist der kanadische Premierminister Mark Carney. Kanada sieht sich seit mehr als einem Jahr ähnlichen Attacken auf seine nationale Souveränität ausgesetzt wie zuletzt Grönland und Dänemark. Trotzdem ließ sich Carney nie einschüchtern. Gleich bei seinem Antrittsbesuch erteilte Carney Trumps Annexionsgelüsten eine Abfuhr. Dem früheren Immobilienunternehmer sagte Carney mit Verweis auf das Weiße Haus: „Manche Orte stehen nun mal nicht zum Verkauf.“ Die Eigentümer Kanadas hätten ihn wissen lassen, dass auch Kanada nicht zu kaufen sei. Und dies niemals sein werde.
Es gibt keinen besseren Verbündeten
Auch in Davos hat Kanadas Premierminister eine mutige – einige sagen sogar eine historische – Rede gehalten. Carney warb dafür, dass Kanada und andere mittelgroße Staaten eine engere Allianz schmieden. Das war auch ein Aufruf an die Europäer: Lasst uns enger zusammenrücken! Es gibt keinen besseren Nachbarn und Verbündeten als Kanada. Das Land ist so reich an Rohstoffen wie Russland. Aber im Unterschied zu Russland teilen die Kanadier europäische Wertvorstellungen.
Kanada stand stets zuverlässig an der Seite der USA – in zwei Weltkriegen, wie auch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Doch seit einem Jahr fühlt sich Kanada ziemlich allein gelassen. Viele Kanadier waren enttäuscht, dass die EU im Handelskonflikt mit Trump so schnell nachgab.
Es braucht mehr Wumms
Die EU sollte ihre Zusammenarbeit mit Kanada dringend vertiefen. Zumal Kanada eine gemeinsame Geschichte mit Europa und eine gemeinsame Grenze mit der EU hat. Ja, es gibt das kanadisch-europäische Freihandelsabkommen CETA. Aber noch immer ist es nicht von allen EU-Mitgliedsstaaten ratifiziert. Ja, es gibt verstärkte Zusammenarbeit bei Verteidigung und Rüstung. Aber ist das der kommunikative Wumms, der in diesen Zeiten nötig wäre?
Warum Kanada nicht ein Assoziationsabkommen mit der EU anbieten, so wie es das mit den nordischen Nachbarn Norwegen und Island gibt? Oder warum Kanada nicht sogar eine EU-Mitgliedschaft anbieten? Das sei völlig unrealistisch, heißt es immer wieder. Warum eigentlich? In Zeiten, in denen Trump einen von ihm auf Lebenszeit geführten Friedensrat schafft, sollte auch die EU mehr Mut zu symbolträchtigen Schritten beweisen. Nur diese Sprache versteht Trump. Und nur so wird den US-Bürgern klar, dass nicht alle im Ausland die Politik ihres Präsidenten toll finden.
Redaktioneller Hinweis
Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder und nicht die der Redaktion.
Mehr von Martin Ganslmeier
