Es ist ein Raum, der bei dieser Europameisterschaft kaum zur Ruhe kommt. Während draußen Tore fallen und Sekunden entscheiden, wird drinnen gearbeitet, geredet, regeneriert. Das Medizinzimmer (Raum 202) der deutschen Nationalmannschaft im Radisson Hotel in Silkeborg ist eines der wichtigsten während der EM 2026 in Dänemark. Am Eingang hängt ein von KI erstelltes Foto der drei Männer, die hier den Takt vorgeben. Darunter der Satz: „CARE. COFFEE. CHILL. Hier wird noch angefasst.“

Die Handball-Europameisterschaft ist hart – alle zwei Tage steht die Nationalmannschaft auf der Platte. Neun Spiele in zweieinhalb Wochen, wenn der Weg bis nach auf den EM-Thron führen soll. Diese Belastung endet nicht mit dem Schlusspfiff, sie landet direkt bei der medizinischen Abteilung des Deutschen Handballbundes (DHB).

Foto: BILD

Derartige Belastungen seien die Handball-Profis gewohnt, erklärt Dr. Philip Lübke (50). Der Kieler Orthopäde und Unfallchirurg ist seit Oktober 2021 dabei. An seiner Seite arbeiten die Physiotherapeuten Dennis Finke (50) und Bernd Götzenberger (51). Drei Männer, ein Anspruch: die Spieler über das gesamte Turnier leistungsfähig zu halten.

Gearbeitet wird im Teamquartier, oft bis tief in die Nacht. Ein klassischer Feierabend existiert nicht, häufig verlässt der Letzte gegen 2.30 Uhr die Pritsche. Die Abläufe sind bewusst flexibel organisiert. Es gibt keine feste Zuteilung der Spieler. „Wir machen das über eine WhatsApp-Umfrage“, erklärt Finke. Die Behandlungszeiten werden täglich an Trainings- und Spielplan angepasst, die Spieler buchen selbst. Manche lieber spät, andere früh. Juri Knorr zum Beispiel kommt gern direkt am Morgen, möglichst kurz nach dem Frühstück.

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Grundlage aller Entscheidungen ist die Belastung. Sie wird nicht geschätzt, sondern mittels Datenerfassung gemessen. Finke sagt: „Das deckt sich dann schon mit den Spielern, die wir dann auch häufig auf der Bank haben.“ Hochbelastete Akteure werden bevorzugt behandelt, oft zweimal am Tag. Eine Einheit dauert knapp eine Stunde, die Abende ziehen sich entsprechend.

Für Lübke liegt die größte Herausforderung in den kurzen Pausen zwischen den Spielen. Es geht darum, die Spieler schnell wieder fit zu bekommen. Dafür ist Kommunikation entscheidend. Spieler sollen früh Rückmeldung geben. Gleichzeitig beobachtet das Trio genau und spricht Spieler aktiv an, wenn ihnen etwas auffällt.

Das Team hinter dem Team: Götzenberger, Lübke und Dennis Finke (50/v.l.n.r.) mit einem Teil ihres Equipments

Das Team hinter dem Team: Götzenberger, Lübke und Dennis Finke (50/v.l.n.r.) mit einem Teil ihres Equipments

Foto: Christian Cramer/DHB

Zwei Behandlungsliegen stehen in einem Raum, ebenso eine Kaffeemaschine. Beide Physiotherapeuten sind parallel im Einsatz, der Arzt jederzeit in Reichweite. Auffällige Bewegungen werden sofort eingeordnet, bevor größere Probleme entstehen.

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Die Arbeit beginnt lange vor dem ersten Anwurf bei der EM. Sobald der 18er-Kader für das Turnier feststeht, werden die Vereine kontaktiert. Laufende Therapien, Besonderheiten und Belastungszustände fließen ein. Ziel ist ein schlüssiges Gesamtkonzept. Der Austausch mit Klubärzten und Physiotherapeuten läuft vor, während und nach den Lehrgängen weiter.

Im Arztkoffer ist für alle Eventualitäten gesorgt. Nahtbesteck, Tacker, Schienen, ein mobiles Ultraschallgerät, dazu Standardmedikamente. Genutzt wird davon immer weniger. „Der Schmerzmittelkonsum ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen“, sagt Lübke, der sich über jede Schachtel freut, die ungeöffnet mit nach Hause geht.

Dieser KI-Ausdruck hängt an der Tür des Medizinzimmers

Dieser KI-Ausdruck hängt an der Tür des Medizinzimmers

Foto: Christian Cramer/DHB

Doc Lübke: „Der Schmerzmittelkonsum ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.“ Eine medikamentöse Schmerzbehandlung ist nur in wenigen Fällen erforderlich und wird selten nachgefragt.

Zur Regeneration gehören auch Ernährung und Nachversorgung, beispielsweise mit Erholungs-Drinks und Smoothies. Nach den Spielen geht es sofort los: Speicher auffüllen, Muskulatur lockern, später Reboots zur Durchblutungsförderung. Hochbelastete Spieler sieht das Medizin-Team morgens und abends. Physiotherapie ist dabei längst mehr als eine reine Behandlung. „70 Prozent Körper, 30 Prozent Kopf“, sagt Finke. Gespräche gehören dazu, Vertrauen auch. Manche reden viel, andere schlafen auf der Liege ein. Lübke bezeichnet seine Rolle deshalb auch als „Feelgood-Manager“. Es geht um Pflege, Prävention und Wohlbefinden der DHB-Stars.

Auf der Liege landen dabei nicht nur Spieler. Auch Bundestrainer Alfred Gíslason hat im Laufe der Zeit schon dort Platz genommen. Und auch der Teamarzt selbst kennt die Bank aus eigener Erfahrung. Das Medizinzimmer ist für alle da, Spieler wie Staff.