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„Nur Davos kann DAS verhindern“, flüsterte ein Manager am vergangenen Montag in der Kongresshalle des Skiorts. Gemeint war ein Szenario, das sich in diesen Tagen immer deutlicher abzeichnete: eine Eskalation zwischen den USA und Europa – wirtschaftlich, politisch, sicherheitspolitisch.
Neue US-Strafzölle gegen die EU schienen möglich, ebenso eine gewaltsame Übernahme Grönlands. Aus dem Weißen Haus wurden Gehässigkeiten über Europa gestreut, ein sogenanntes „Board of Peace“ könnte aus US-Sicht sogar die UN ersetzen. Dazu Kriege und Krisen im Iran, in der Ukraine und in Venezuela.
DIE Frage bleibt nach Davos: Wie stark wäre Europa ohne die USA?
Als sich 64 Staatschefs und hunderte Unternehmenslenker aus aller Welt auf den Weg in den Kanton Graubünden machten, war Davos die Bühne einer Welt im Umbruch. Die Zuspitzung durch Trumps Drohungen und die anschließenden Verhandlungen um Grönland machten eine Frage unausweichlich: Wie stark wäre Europa, wenn Amerika seine Schutzmachtrolle einschränkt oder neu definiert?

US-Präsident Donald Trump beider Unterzeichnung des Gründungsvertrages für den Staatenbund „Board of Peace“
Foto: ddp/UPI
Mit der Ankunft von Donald Trump in Davos am Mittwochvormittag spitzte sich die Lage zu. Grönland müsse in den US-Besitz übergehen – „als großes Stück Eis für den Weltfrieden“, wie Trump tönte. Um 14.39 Uhr begann seine Rede. In der Kongresshalle herrschte Stille. Kein Applaus, kein Lachen.
Dann ein erstes Aufatmen: „Ich werde keine Gewalt anwenden“, sagte Trump mit Blick auf die Nordatlantikinsel. Doch die Entwarnung hielt nur kurz. Eine Übernahme wolle er dennoch erzwingen. Falls dies nicht möglich sei, drohte Trump: „Wir werden uns erinnern.“ Der US-Präsident überzog Europa mit Schmähungen, die Erleichterung über den angekündigten Gewaltverzicht verblasste schnell.
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Nach über 90 Minuten Redezeit war klar: Washington ist bereit, seine Macht offen auszuspielen. Trump verschwand hinter der Bühne und zog sich zu einem Empfang mit Staatschefs zurück, die dem „Board of Peace“ beitreten wollen – darunter Aserbaidschan, Kosovo, Ungarn und Belarus.
Doch dann Bewegung hinter verschlossenen Türen. Nato-Generalsekretär Mark Rutte, der sich in Davos als geschickter Trump-Flüsterer präsentierte, und Blackrock-CEO Larry Fink tauchten vor dem schwer bewachten Besprechungsraum auf. Fink gilt als einer der wenigen Wirtschaftslenker, zu denen Trump aufblickt – Ikone der US-Finanzmärkte, erklärter Gegner von Strafzöllen und Ex-Arbeitgeber von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).

Der heimliche Davos-Chef und Strippenzieher Larry Fink (l., 73), CEO von Blackrock
Foto: Evan Vucci/AP/dpa
Die Nato überlebt – vorerst
Nach stundenlangen Gesprächen folgte die Wende. Rutte sagte zu, dass künftig die Nato den Schutz Grönlands übernimmt und bezahlt. Die USA sollen auf der Insel militärische und wirtschaftliche Handlungsfreiheit bekommen – dafür bleibt das „Stück Eis“ bei Dänemark. Trumps Drohungen werden kassiert, die Nato bleibt erstmal am Leben. Doch in den nächsten Wochen müssen alle Details der Vereinbarung noch ausgehandelt werden.
Um 21.07 Uhr trat Trump vor die Presse und sagte auf BILD-Frage: „Es ist ein sehr guter Deal für alle, ein fantastischer für die USA.“ Wenig später erklärte US-Senator Lindsey Graham zu BILD: „Einer der größten Verlierer von Davos könnte Wladimir Putin sein.“ Denn der versucht gerade, sich in der Arktis auszubreiten.

Trump tritt am späten Mittwochabend vor die Presse: Hier antwortet Trump auf die BILD-Frage, wie der Grönland-Deal aussehen soll
Foto: Felix Rupprecht
Klingbeil zu BILD: „Haben uns nicht erpressen lassen“
Der Deal verhinderte den schlimmsten Bruch – zeigte aber auch das komplizierte Verhältnis. Beim Grönland-Streit reagierten die Europäer mit Härte, drohten mit Gegenzöllen. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sagte zu BILD: „Wir haben uns nicht erpressen lassen. Trumps Kurswechsel zeigt: Wenn wir als Europäer klar und entschlossen sind, dann bewirken wir etwas.“
Gleichzeitig wissen alle: Ohne Amerika kann sich Europa nicht verteidigen. Diese Abhängigkeit führt dazu, dass die Europäer ihren Ärger über Trump meist runterschlucken. In Sachen Verteidigung sind die Europäer ein zahnloserer Tiger als bei Wirtschaft und Zöllen.

Kurzbesuch: Bundeskanzler Friedrich Merz (70) hielt am Donnerstag seine Rede, brach danach direkt nach Brüssel auf
Foto: FABRICE COFFRINI/AFP
Die USA kapern das Weltwirtschaftsforum
Trump spielte seine Machtkarte aus, dominierte den Gipfel wie kein anderer: Als einziger Teilnehmer sprach er zweimal auf der Hauptbühne, einmal sogar mit US-Siegel auf dem sonst neutralen Rednerpult. Parallel wurde der Vertrag zur Gründung des „Board of Peace“ unterzeichnet. Dazu machte ein Gerücht die Runde: Das Weltwirtschaftsforum könnte künftig nicht mehr in Davos, sondern in der US-Motorcity Detroit stattfinden.

Nur wenige Staaten haben die Ehre, ein eigenes Haus während des WEF zu haben (wechselt jährlich) – die USA hatten 2026 zwei. Eines davon in der Englischen Kirche zu Davos
Foto: EPA
Müssen wir uns China annähern?
Parallel nutzte China den Gipfel, um Europa offen zu umwerben. Die Volksrepublik ist nach den USA bereits heute der zweitwichtigste Exportmarkt der EU. Vize-Regierungschef He Lifeng sagte in Davos: „China ist ein Partner und kein Rivale.“
Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff erklärte in BILD, Europa müsse sich wirtschaftlich breiter aufstellen – etwa in Batterieproduktion, Robotik und Technologie –, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen.
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Liebliche Landschaft, brisante Weltpolitik: Im schweizerischen Davos findet jedes Jahr im Januar das „World Economic Forum“ statt
Foto: Michael Buholzer/KEYSTONE/dpa
Megastars, Tech-Giganten, Politiker
Neben Weltpolitik gehörten auch Glamour, Champagner und exklusive Partys zu Davos. Rund 1500 Privatjets und Helikopter sollen in Graubünden gelandet sein. Luxuschalets kosteten bis zu 50.000 Euro für fünf Nächte, Spa-Behandlungen mehrere hundert Euro. Hotspots waren das Grandhotel Belvédère, das Restaurant Gentiana oder Dinner auf der Schatzalp.

Glamour-Paar: US-Popstar Katy Perry (41) mit Kanadas Ex-Premier Justin Trudeau (54)
Foto: IMAGO/ZUMA Press
Megastars, Tech-Giganten, Politiker – alle waren da: Elon Musk, Matt Damon, David Beckham, Katy Perry mit Kanadas Ex-Premier Justin Trudeau, dazu Influencer wie Marina Mogilko.
Doch etwas war anders: Die berühmte „DLD Nightcap“ leerte sich schon gegen 23 Uhr, bei „Politico“ war um 21 Uhr Schluss. Die unruhige Weltlage ließ die Nächte kürzer werden.