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Deutschlands Handballer können mit einem Sieg gegen Dänemark am Montagabend (ab 20.15 Uhr live im Ersten und hier im Stream) bereits das Halbfinale eintüten. Doch für diesen Sieg bedarf es 60 Minuten nah an Perfektion.
In den alten Star-Wars-Filmen ist der „Todesstern“ des übermächtigen Imperiums rund um Darth Vader die uneinnehmbar scheinende Basis, die die Rebellen rund um Luke Skywalker attackieren wollen. Eine minimal breite Ventilationsöffnung stellt sich am Ende als Schwachstelle heraus, die schließlich zum Kollaps des Imperiums, bzw. dessen Basis führt.
Die Handballwelt sucht die Schwachstelle im „Todesstern“
Genau so eine Schwachstelle sucht die Handball-Welt seit einigen Jahren bei der dänischen Mannschaft. Dieses etwas martialische Bild wird den meist ja sehr sympathisch auftretenden Dänen zwar nicht ganz gerecht, aber es verdeutlicht die Übermacht, mit der die Mannschaft von Nikolaj Jacobsen seit Jahren von Turnier zu Turnier eilt.
Seit Jacobsen 2017 übernahm, holte Dänemark vier von vier möglichen WM-Titeln, wurde je einmal Vize-Olympiasieger und Olympiasieger. Nur bei Europameisterschaften fehlt dem Team überraschenderweise in dieser Ära noch der große Wurf. 2024 verlor man das Finale gegen Frankreich, 2022 landete man nach gegen Spanien verlorenem Halbfinale schließlich auf Platz drei. Diesmal soll als Gastgeber dann auch in diesem Turnier der lang ersehnte Titel her.
Portugal findet das Rezept – Disziplin, Tempo verhindern und etwas Glück
Doch genau wie Luke Skywalker fanden auch die Portugiesen in der Vorrunde einen Ventilationsschacht und schockten die Gastgeber beim 31:29 (12:11) gehörig. Mit enormer Disziplin, kaum Ballverlusten nahmen die Portugiesen vor allem das dänische Tempospiel fast komplett aus der Partie und hatten dabei auch in der einen oder anderen Situation das nötige Quäntchen Glück. Keinen einzigen Gegenstoß kassierte Portugal beim Sieg. Kann man das Starensemble um den Welthandballer Mathias Gidsel durch disziplinierte Angriffe und schnellen Rückzug ihrer Geschwindigkeit berauben, kann das zum Erfolg führen. Vor allem offenbar bei einer EM.
Deutschland muss die Fehler drastisch reduzieren
Doch seit der Niederlage gegen Portugal sind die Dänen wieder in der Spur. Erst wurde Frankreichs Offensiv-Maschinerie aus dem Weg geräumt (32:29), dann Spanien souverän besiegt (36:31). Nun soll Deutschland dran glauben. Das Problem für das DHB-Team: Mit im Schnitt fast zehn Ballverlusten pro Spiel, einer Wurfquote, die auch nicht zu den besten Werten des Turniers gehört und der Tatsache, dass Alfred Gislason fast immer mindestens einen Spieler aus dem Angriff austauscht, um in der Abwehr zum Beispiel Tom Kiesler zu bringen, spielt man Dänemarks Stärken genau in die Karten.
Schon gegen Norwegen, die ihr Heil ja auch im schnellen Umschaltspiel suchen, musste das DHB-Team sich mehrfach beim alles überragenden Andreas Wolff bedanken, der reihenweise freie Würfe entschärfte. Gegen die noch deutlich effizienteren dänischen Schützen rund um Gidsel, Emil Jakobsen, Simon Pytlick und Co. dürfen Juri Knorr und Co. kaum Fehler machen, denn jeder einzelne wird direkt bestraft.
Gegen Nielsen hoch werfen, um das „zehnte Spiel“ zu schaffen?
In der eigenen Offensive sind neben möglichst vielen „einfachen“ eigenen Tempo-Toren vor allem auch Geduld und Disziplin gefragt. Und die Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo es weh tut. Die Portugiesen holten bei ihrem Sieg über Dänemark gleich acht Siebenmeter heraus, erzielten drei weitere Tore über Durchbrüche. Und idealerweise schließt man diese hochkarätigen Gelegenheiten dann auch noch hoch ab. Zumindest rein statistisch. Dänemarks Torwart Emil Nielsen befindet sich in der gleichen Kategorie wie Deutschlands Wolff – der obersten. Doch bei hohen Würfen zeigte der Keeper des FC Barcelona sich in diesem Turnier „anfällig“, wenn das Wort bei einem der besten Torhüter der Welt überhaupt genutzt werden darf.
Deutschland braucht gegen Dänemark also das „perfekte Spiel“. „Von zehn Spielen gegen Dänemark verliert man wahrscheinlich neun. Aber die Dänen wissen nicht wann das zehnte ist“, sagte Co-Trainer Erik Wudtke vor einigen Tagen auf einem Medientermin. Seit Jacobsen Dänemark übernahm, spielte man sechs Mal gegeneinander – alle sechs Partien gingen an Dänemark. Wenn Wudtke richtig liegt, müsste das „eine Spiel aus zehn“ also bald kommen. Es wäre kein so schlechter Zeitpunkt.