Blut im Magen – was Viktor Ruzicka hier sieht, gefällt ihm gar nicht. Die etwa 70-jährige Patientin, die untersucht wird, hat ein Alkoholproblem. Davon rührt auch die entzündete Magenschleimhaut. Diagnosen wie diese stellt der Chefarzt der Altersmedizin der Thüringen-Kliniken Rudolstadt immer öfter: „Auch wenn es zunächst etwa nach einem Schlaganfall aussieht: Später zeigt sich dann, dass die Patienten einen hohen Alkoholspiegel haben. Die zweite Gruppe sind die Patienten, die mit einem Sturzgeschehen kommen. Hier finden wir auch manchmal Alkohol im Blut. Und die dritte Gruppe sind Patienten mit Folgeschäden von chronischem Alkoholkonsum.“
Hohe Dunkelziffer für problematischen Alkoholkonsum
Wie bedenklich der Konsum bei Senioren insgesamt ist, zeigt die Zahl der alkoholbedingten Krankenhauseinweisungen. Die hat sich laut Thüringer Landesamt für Statistik zwischen 2004 und 2024 von rund 1.300 auf rund 2.400 fast verdoppelt. Nach einer Erhebung der Barmer-Krankenkasse sind in Thüringen 24 von 1.000 Menschen im Alter von 60 bis 80 Jahren alkoholkrank.
Alkohol erhöht das Risiko von Stürzen, Demenz und Herz-Kreislauferkrankungen.
Viktor Ruzicka
Chefarzt der Altersmedizin
Die Dunkelziffer für problematischen Alkoholkonsum ist nach Angaben der Suchthilfe Thüringen deutlich höher, nur erreiche man die Menschen nicht. Christine Reiter arbeitet in der Beratungsstelle in Jena, der größten der Suchthilfe in Thüringen: „Ich schätze, dass circa 15 Prozent der Senioren über 70 mindestens den Missbrauch vom Alkohol betreiben oder gar eine Abhängigkeitserkrankung haben. Zu uns kommen aber deutlich weniger, und erst, wenn sie von ihrem Arzt zu uns geschickt werden, weil die Leberwerte auffällig sind.“
Ursachen: Vereinsamung und Biografien der Nachkriegsgeneration
Trotzdem hören Christine Reiter und ihre Kollegen sehr oft von den Betroffenen, dass sie eigentlich gar nicht so richtig wüssten, was sie in der Beratung sollten. „Es fehlt an der Krankheits- und Problem-Einsicht. Generell in der Gesellschaft darüber zu sprechen, vor allen Dingen in der Nachkriegsgeneration, ist nach wie vor ein Tabuthema“, erklärt die Expertin.
Dabei sei wichtig: „Diese Menschen hatten die Aufgabe des Wiederaufbaus. Damals standen eigene Emotionen und der Umgang auch mit Verlusten, mit Stress und mit negativen Gefühlen eher im Hintergrund. Viele haben nie gelernt, damit umzugehen, darüber zu sprechen.“
Hinzu komme, dass viele Senioren sehr einsam seien, viele ihrer Kinder und Angehörigen haben nach der Wende den Freistaat gen Westen verlassen, wohnen weit entfernt. Eine weitere Ursache sehen sowohl die Expertin der Suchthilfe als auch der Mediziner im gesellschaftlich akzeptierten Trinken.
Alte Körper können Alkohol schlechter abbauen
Viele der Patienten von Viktor Ruzicka trinken seit Jahren, damit häufen sich die Schäden im Körper. Klassiker sind Krebs oder Leberschäden bis zur Zirrhose. Neben der Leberfunktion ist durch den Konsum auch die Blutgerinnung gestört. Eine andere Folge sind Speiseröhrenkrampfadern, die zu lebensgefährlichen Blutungen neigen. „Außerdem erhöht Alkohol das Risiko von Stürzen, Demenz und Herz-Kreislauferkrankungen“, erklärt der Mediziner. Hinzu käme, dass ein alter Körper das Zellgift Alkohol deutlich schlechter abbauen könne.
Christine Reiter zufolge brauche es vor allem Aufklärung und Sensibilität für das Thema, sowohl auf gesellschaftlicher Ebene als auch in den Familien, in Pflegeeinrichtungen oder bei den Hausärzten. Altersmediziner Viktor Ruzicka rät, öfter nach den alten Eltern und Großeltern zu schauen. Alkohol sei keine Medizin gegen Traurigkeit, sagt er. Zuwendung dagegen schon.