Halb Instagram ist gerade mit milchigen, aber farbprächtigen Filtern belegt. „Claren­don“ heißt einer davon, er war der beliebteste Fotoeffekt im Jahr 2016. Kein anderer wurde mehr genutzt. Hohe Kontraste, kühle Highlights, satte Blautöne haben Zähne und Augenweiß damals ein bisserl heller, Gesichtszüge definierter, Hintergründe dramatischer erscheinen lassen. Noch lange bevor die KI walten konnte.

Heute, 2026, gräbt man die noch viel sorgloser kuratierten Bilder von vor zehn Jahren aus, teilt sie nach dem fröhlich ersonnenen Motto „2026 ist das neue 2016“ wieder auf Instagram. Model Hailey Bieber (damals noch Baldwin) hat Rückblicke geteilt, von rosafarbenem Haar und Duck Face. Ganz ähnlich die Fotos von Kim Kardashians kleiner Schwester Kylie Jenner. „You just had to be there“, übersetzt „Man muss einfach dabei gewesen sein“, hat sie unter ihren Post geschrieben. Zur Ära hat man das Jahr erklärt, und nun will man es zurückholen. Nur warum?

Modisch war es kein besonders aufregendes; neben den engen Hosen und Halsketten gab es viel Denim und wuchtigen Schmuck (siehe die erste der beiden Rihannas).

Rihanna im Jahr 2016; kurz zuvor hat sie ein letztes Mal ein Album herausgebracht. Rihanna im Jahr 2016; kurz zuvor hat sie ein letztes Mal ein Album herausgebracht. Imago Hier ist Popstar Rihanna mit ihrem Partner Rapper Asap Rocky zu sehen, im Jänner 2026. Hier ist Popstar Rihanna mit ihrem Partner Rapper Asap Rocky zu sehen, im Jänner 2026. Imago Rihanna im Jahr 2016; kurz zuvor hat sie ein letztes Mal ein Album herausgebracht. Hier ist Popstar Rihanna mit ihrem Partner Rapper Asap Rocky zu sehen, im Jänner 2026.

Aufmerksamkeit erregte allenfalls ein Shirt von Dior mit dem Slogan „We should all be Feminists“. Musikalisch ging es da schon spannender zu (Benjamin Stolz resümiert). Rihanna veröffentlichte etwa 2016 das letzte Mal ein Album, bevor sie sich ihrer Familie mit Rapper Asap Rocky widmete. Allein das erklärt den Trubel aber freilich nicht.

Wieso war nicht schon 2025 das neue 2015? „Six-Seven“ könnte man jetzt sagen, wer weiß das schon so genau. Versucht hätten es ein paar Nutzerinnen nämlich. „Was, wenn wir 2025 zum neuen 2015 machen?“, hat jemand im Dezember vor über einem Jahr auf TikTok gefragt. Mehr als ein paar Tausend Likes waren dafür aber nicht drin. Ein Jahr später schlägt ein- und dieselbe Frage mit nur einem Ziffernwechsel große Wellen. Es scheint, als hätte die Internetblase das Jahr 2016 als das letzte gute definiert. Als eine Art Kipppunkt. Kollektiv schwelgt man deshalb jetzt in Erinnerungen. Woran eigentlich?

An eine Zeit vor „Doomscrolling“ zum Beispiel, dem ewigen Weiterwischen von einem schlimmen Post zum nächsten. TikTok wurde erst 2017 international gelauncht. Zwar gab es davor die Vorgänger-App Musically, auf ihr konnte man aber nur „lipsyncen“, sprich seine Lippen showreif zu gängigen Hits bewegen. Nicht etwa erzählen, warum Frauen nicht weniger wert sind als Männer, oder warum man unbedingt zum Islam konvertieren sollte, oder zum Christentum.

Frivole Inhalte gibt es noch genug, aber Social Media ist im letzten Jahrzehnt politischer geworden. Stark professionalisiert wurde es obendrein: Ein neues Berufsbild entstand (der Influencer), das öffentlich-persönliche Fotobuch zunehmend von Marken und Werbung unterwandert. 2016 haben Nutzer auf Instagram noch überwiegend spontane Selfies oder den Ausblick aufs Meer geteilt, diese mit offenkundig gekünsteltem Farbstich behübscht. Selbst die Prominenz pflegte einen derart dilettantischen Umgang mit der App. Stars wirkten nahbarer, richtige Influencer gab es nur eine Handvoll, der Rest waren zuversichtliche Teenager, die solche zu imitieren versuchten.

Fixe Honorare gab es für die Branche erst nach 2016. Die einst so fotophilen Teenager sind erwachsen und reicher geworden, und mit ihnen ganze Managementagenturen. Aber auch der Normalverbraucher kuratiert seinen Feed immer pedantischer. Einem Post gehen heute gern einmal Hunderte Aufnahmen voraus, eine penible Selektion und subtile Bearbeitung abseits augenscheinlicher Filter. Authentizität wird simuliert. Statt ums bloße Teilen geht es mehr und mehr ums Sich-Selbst-Darstellen.

Instagram hat das noch befeuert, mit einer recht unverhofften Umstellung mitten im Jahr 2016: vom chronologischen Feed zum Algorithmus. Bei Letzterem setzt sich bekanntlich das schönere Gesicht gegen die weniger schönen durch, die kontroverse Aussage gegen die bloßen Fakten. Zudem steuert er, wem welcher Content ausgespielt wird. Mit dieser Neugestaltung bekam sodann jeder sein eigenes Weltbild serviert, was die Spaltung der Gesellschaft ordentlich befeuerte. Prophetisch hieß schon das Wort des Jahres 2016 „post-truth“, also postfaktisch. Es beschreibt jenes (politische) Handeln, für das Fakten irrelevant sind. Was zählt, sind persönliche Überzeugungen.

Gleich einmal niedergeschlagen hat sich diese Zersplitterung im Wahlkampf zwischen Jetzt-Wieder-US-Präsident Donald Trump und seiner einstigen Konkurrentin Hillary Clinton, und in einer abgespeckten Version in Österreich: Alexander van der Bellen gegen Norbert Hofer. Oder im Referendum um den Brexit, wo Filterblasen klar getrennte Diskursräume ergeben haben, „Remain-Feeds“ und „Leave-Feeds“.

Die Briten haben letztlich beschlossen, die EU zu verlassen, drüben in Übersee hat der Rechtspopulist gewonnen. Auch deshalb huldigen viele das Jahr als das letzte gute. Eines, als man noch glauben konnte: So schlimm wird’s schon nicht werden. Als man Trumps Wort noch nicht für bare Münze genommen hat, als der etwa sagte: „Nato is obsolete“. Spätestens seine jüngsten außenpolitischen Eskapaden haben viele eines Besseren belehrt.

Zu den vielen verschiedenen Weltbildern kamen auch die völlig konstruierten: 2016 ging die Playstation VR in den Verkauf und machte Virtual-Reality für die Masse tauglich. Es war auch jenes Jahr, als waschechte Menschen auf den Straßen Pokémons jagten. Apple wartete fast zeitgleich mit seinen ersten kabellosen Kopfhörern, den Airpods, auf, und Amazon im deutschsprachigen Raum mit seiner Alexa, dem virtuellen Sprachservice für überhaupt alles.

Für viele war sie die erste KI-gestützte Freundin. Zehn Jahre später schmieren uns Chatbots Honig ums Maul. In unter zwei Minuten kann man sich gar den eigenen Partner generieren lassen. Replika bewirbt seinen so: „Ein Freund, der nicht urteilt, ohne Drama und soziale Phobie.“ Klingt doch herrlich. In Japan hat vor gut einem Monat eine Frau einen solchen geheiratet. Vor zehn Jahren hätte dieses Szenario höchstens eine Storyline für die dystopische Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ hergegeben. Gleiches gilt für KI-generierte Nacktbilder einer jeden beliebigen Person. Sogar Kinder wurden jüngst per Knopfdruck ausgezogen. Elon Musk hat seiner KI Grok erst fahrlässig spät den Riegel vorgeschoben.

Wen wundert es da, dass sich die Masse Filter zurückwünscht, die einem Schnauze und Schlappohren verpassen. Oder Blumen im Haar. Eine Zeit, in der selbst im Netz #GoodVibesOnly obers­tes Gebot war. Sowieso ist übermäßige Nostalgie in Zeiten großer Unsicherheit kein neues Phänomen. Lang schon ist der schönste Ausblick für viele der Blick zurück. Nur schrumpft ganz offenbar der zeitliche Abstand zum Romantisierten. Trends tauchen im Netz so schnell auf und wieder ab, dass sich die jüngste Vergangenheit schon fern anfühlt. Bisher dauerten Trendzyklen um die zwanzig Jahre, Kinder griffen primär auf die Kultur ihrer Elterngeneration zurück. Und die hat man sich erst mühsam zusammenklauben müssen.

Heute spuckt einem Social Media regelmäßig Inhalte aus, mit denen man sie vor Jahren gefüttert hat. Man muss sich gar nicht bewusst daran erinnern. Erste kritische Stimmen befürchten hinter dem Trend eine Fremdsteuerung aus künstlich intelligenter Hand, um an noch mehr alte Daten zu kommen. Etwa von jenen, die 2016 noch nicht gepostet haben. Möglich ist es jedenfalls, dass die kollektive Flucht vor der KI genau diese trainiert. So sehr man auch in der Vergangenheit schwelgt, der Zukunft ist ja doch noch niemand entkommen.

Rückblick

2016 hat Instagram seine „Stories“ eingeführt, zudem vom chronologischen Feed zum algorithmischen gewechselt. Erst damit war endloses Scrollen möglich.

Apple hat im selben Jahr seine ersten kabellosen Kopfhörer vorgestellt.

Die Videoschnipsel-
plattform TikTok gab es damals erst in China, aber noch nicht bei uns.

Ausblick

2026 will man zum „neuen 2016“ machen: Neben Kylie Jenner und Hailey Bieber haben auch Selena Gomez, Dua Lipa und Billie Eilish Rückblicke geteilt.

Ob auch die Mode zurückkommt? Skinny Jeans harren schon länger ihres Comebacks, auch wuchtigen Schmuck hat man zuletzt wieder häufiger gesehen.