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Berlin/Kiew – Fast 1700 Wohnblocks ohne Heizung. Temperaturen bis minus 15 Grad. Familien und Senioren, die nachts frieren, weil Russlands Raketen und Drohnen ihnen die Wärme rauben. Die ukrainische Hauptstadt Kiew steht im Januar 2026 mitten im Kältekrieg – und der Aggressor zielt nicht nur auf Soldaten, sondern vor allem auf Wärmekraftwerke und die Stromversorgung. Das vermutete Ziel von Russlands Diktator Wladimir Putin: das Leben der Ukrainer unerträglich machen, sie zur Kapitulation und Flucht zwingen.
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„Dies sind gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur. Es hat nichts mit militärischer Infrastruktur oder militärischen Unternehmen zu tun. Es ist reiner Terror gegen unser Volk“, sagt Maxim Timtschenko, Chef des größten privaten Energieversorgers der Ukraine, DTEK, zu BILD.
Der Energieriese versorgt auch die Hauptstadt Kiew mit Strom und Wärme. Und steht seit Beginn des Krieges unter Dauerbeschuss. Mehr als 220 einzelne Raketen- und Drohnenangriffe haben die Kraftwerke des Unternehmens seit Februar 2022, dem Beginn der russischen Vollinvasion, getroffen. Allein seit Beginn der aktuellen Heizsaison im Herbst 2025 waren es acht Angriffe auf die DTEK-Werke.
Ein besonders schwerer Schlag traf die Ukraine am 20. Januar 2026. In nur einer Nacht feuerte Russland ballistische Raketen, Marschflugkörper und mehr als 300 Kamikaze-Drohnen auf das Land. Besonders heftig traf es die Hauptstadt: Viele Heizsysteme, die erst kurz zuvor repariert wurden, fielen erneut aus. Die gesamte linke Seite der Stadt verlor zeitweise auch die Wasserversorgung.
5 Raketen und 26 Drohnen gegen ein einziges Kraftwerk
Gegen die gezielten und massiven russischen Attacken sei eine effektive Verteidigung kaum möglich, sagt Timtschenko und erzählt von einem besonders brutalen Angriff: „Erst letzte Woche wurde eines unserer Kraftwerke mit fünf ballistischen Raketen und 26 Drohnen angegriffen. Kein einziges unserer Verteidigungssysteme kann unsere Infrastruktur vor Angriffen dieser Intensität schützen.“
Die Zahlen zeigen die Dimension der Zerstörung: Allein im Jahr 2024 verlor die Ukraine 10 Gigawatt Stromerzeugungskapazität. Dabei liegt der Bedarf des Landes im Winter bei mindestens 18 Gigawatt. Die Hälfte konnte bislang wiederhergestellt werden.
Ingenieure arbeiten unter Lebensgefahr
Besonders verletzlich sind die zentralen Heizwerke der Hauptstadt: „Etwa 45 Prozent der Wärmeversorgung sind zentralisiert. Sie kommen aus drei KWK-Anlagen (Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen), die ein leichtes Ziel für die Russen sind“, erklärt Timtschenko.
DTEK arbeitet täglich im Ausnahmezustand: 629 Einsatzteams arbeiten rund um die Uhr, um Schäden zu reparieren und so viele Menschen wie nur möglich mit Strom und Wärme zu versorgen. Seit Beginn des Überfalls wurden sieben Mitarbeiter im Einsatz getötet, mehr als 100 verwundet. Insgesamt beklagt das Unternehmen 406 getötete und 1306 verletzte Beschäftigte seit 2022.

Ingenieure kämpfen um die Wärmeversorgung ukrainischer Zivilisten
Foto: Mykola Tys/AP/dpa
Besonders gefährlich: Selbst während der russischen Angriffe muss eine kleine Gruppe von Spezialisten immer in den Kontrollräumen der Kraftwerke bleiben und geht nicht in die Luftschutzbunker, um im Ernstfall sofort notwendige Systemanpassungen vorzunehmen.
Timtschenko bittet den Westen um Hilfe: „Erstens brauchen wir mehr diplomatischen Druck. Wir müssen einen Weg finden, sie (die Russen, d. Red.) zumindest zu einem Waffenstillstand im Energiesektor zu zwingen.“
Doch auch militärische Hilfe sei unverzichtbar: „Zweitens brauchen wir Luftverteidigung. Es gibt Lösungen, mit denen wir unsere Kraftwerke schützen können. Wir brauchen davon einfach mehr.“