
analyse
Abhaken, nächsten Matchball nutzen. Die deutschen Handballer sollten nicht lange mit der 26:31-Niederlage gegen Dänemark hadern, sondern den Blick aufs Endspiel ums Halbfinale gegen Frankreich richten (Mittwoch, 18 Uhr, live in der Audio-Vollreportage auf sportschau.de). Acht Fakten machen Mut.
Mutmacher 1: Die Defensive in den ersten 35 Minuten
Dass die DHB-Auswahl zur Pause die Dänen bei 13 Gegentoren halten konnte, sagte sehr viel aus über die herausragende Defensivleistung der ganzen Mannschaft. Mit enormer Energie und knallharter Zweikampfführung schafften es Johannes Golla, Matthes Langhoff, Jannik Kohlbacher und Tom Kiesler, aber auch die beiden frischen Außen Mathis Häseler und Rune Dahmke, beispielsweise einen Weltklassemann wie Simon Pytlick komplett kaltzustellen. In der Phase zwischen der 25. und 35. Minute gelang dem Weltmeister und Olympiasieger halbzeitübergreifend fast zehn Minuten lang kein Treffer – einmalig bei dieser Europameisterschaft.
Mutmacher 2: Mehr Alu-Pech geht eigentlich nicht
Allein im ersten Durchgang krachten die Würfe von Marko Grgic und Co. fünfmal an Latte und Pfosten. Mit Ablauf der ersten Hälfte spuckte der Pfosten dann auch noch einen Siebenmeter von Nils Lichtlein zurück ins Feld, sonst hätte es beim Seitenwechsel 13:13 gestanden. Julian Köster anschließend zur Sportschau: „Wir haben am Ende sieben Mal Pfosten oder Latte getroffen, das passiert so auch nicht immer. Wir haben ein gutes Spiel gemacht und nehmen sehr viel mit für das Spiel am Mittwoch gegen Frankreich.“ Mit einem Punkt wäre der Halbfinaleinzug fix.
Mutmacher 3: Nur zwölf Minuten Kontrollverlust
Letztlich haben die Deutschen die Partie innerhalb von zehn Minuten verloren, in denen sie – und die Schiedsrichter – komplett die Kontrolle verloren. Vom 13:13 in der 35. Minute durch Grgic zog Dänemark bis zur 47. Minute auf 23:16 davon. Schlechte Würfe der DHB-Auswahl, teils extrem fragwürdige Zeitstrafen gegen Dahmke, Kohlbacher und Grgic – und die Partie kippte.
Mutmacher 4: Es geht mit Tempo – und über Außen
Im kompletten ersten Durchgang fuhr das deutsche Team keinen einzigen Angriff über eine der beiden Außenpositionen. Erst in der letzten Viertelstunde durften Häseler und Dahmke treffen, und Deutschland startete mutige Angriffe über die schnelle Mitte. Die etatmäßigen Außen – Lukas Zerbe und Lukas Mertens – wurden geschont, gegen Frankreich wird sich zeigen, ob sich diese Entscheidung von Gislason auszahlt.
Mutmacher 5: Gigant Wolff geht frisch in den Showdown
Es war überraschend wie vertretbar, dass Gislason gegen die Dänen mit David Späth begann. Zwei Tage zuvor gegen Norwegen hatte Gigant Andreas Wolff 60 Minuten durchgespielt und bei seinen 22 Paraden extrem viel Energie verloren – zudem gilt er in seiner grandiosen Laufbahn auch nicht als der allergrößte Dänemark-Experte. Wolff hätte zwar gegen Dänemark früher aufs Feld kommen müssen – doch umso frischer dürfte der Kieler nun gegen die Franzosen sein.
Mutmacher 6: Spanien hat Frankreich gerade entschlüsselt
Die deutschen Scouts waren natürlich schon zweieinhalb Stunden vor dem Spiel gegen Dänemark in der Halle. Und haben das perfekte Videomaterial erhalten. Die Spanier – zuvor noch bei null Punkten in der Hauptrunde – ließen Frankreich vor allem in der ersten Hälfte phasenweise verzweifeln, kontrollierten das Tempospiel von Les Bleus, zogen die Abwehr perfekt auseinander und zeigten, wie man Dika Mem komplett aus der Partie nimmt.
Mutmacher 7: Die Dänen sind jetzt Deutschland-Fans
Deutschland spielt am Mittwoch um 18 Uhr, zweieinhalb Stunden später haben die Dänen Anwurf gegen Norwegen. Heißt: Die Halle wird schon sehr gut gefüllt sein. Und aus den bisherigen Turniererfahrungen werden die Gastgeber vermutlich lieber die DHB-Auswahl mit in die Halbfinals nehmen als die Franzosen – große Unterstützung dürfte also gewiss sein.
Mutmacher 8: Erinnerung an das Wunder von Lille
Dieses Trauma vom 7. August 2024 werden die französischen Nationalspieler nie vergessen – und vielleicht steckt es ihnen am Mittwoch noch in den Köpfen. Sie lagen im olympischen Viertelfinale im eigenen Land sechs Sekunden vor Schluss mit einem Treffer in Führung – und hatten den Ball! Die 27.000 Fans in Lille feierten schon die Mega-Party, doch Dika Mem beging den Fehler seines Lebens, ließ sich die Kugel von Julian Köster abluchsen, der Renars Uscins bediente – Ausgleich eine Sekunde vor der Sirene, Verlängerung, Deutschland siegt, Frankreich ist raus.
