Ein Schild mit der Aufschrift "Gedenken heißt: Nicht vergessen!" wird hinter eine brennende Kerze gehalten

Was müssen wir tun, damit das Gedenken nicht vergessen wird?

Bild: IMAGO | Martin Müller

Am 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust – doch das Erinnern wird immer herausfordernder. Wie Bremen die Erinnerungskultur lebendig hält.

Thomas Köcher, der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Bremen, schaut in die Kamera. Er ist ein Mann mit drei-Tage-Bart und hellbrauchen Haaren. Seine Augen sind blau.

Thomas Köchter leitet die Landeszentrale für politische Bildung in Bremen. Sie ist unter anderem für den Gedenkort Bunker Valentin zuständig.

Bild: Landeszentrale für politische Bildung

In Bremen gibt es rund um den Internationalen Tag zum Gedenken an die Opfer des Holocaust jede Menge Veranstaltungen. Thomas Köcher, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Bremen, spricht über sie, den notwendigen Generationenwechsel in der Aufarbeitung und die Strategien, mit denen sich die politische Bildung gegen wachsenden Druck von Rechts wappnen muss.

Das Programm rund um den 27. Januar existiert in Bremen bereits seit 30 Jahren. Wie hat sich die Arbeit über die Jahrzehnte verändert?

Zu Beginn ging es primär darum, Grundlagenwissen zu vermitteln und die Bedeutung des Nationalsozialismus sowie den Gedenktag selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Eine wirkliche Aufarbeitungspolitik gab es in Deutschland erst ab den 80er Jahren.

Heute leisten wir einen stärkeren Transfer: Wir schauen nicht nur, was vor 80 Jahren passierte, sondern was das für die heutige Situation verfolgter Gruppen und aktuelle Ausgrenzungsmechanismen bedeutet.

Auch die Formate haben sich gewandelt: Da Zeitzeugen des Nationalsozialismus verstorben sind, folgte erst eine Phase der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Mittlerweile rücken Vertreter und Vertreterinnen in den Fokus, die heute ein gesellschaftliches Anliegen haben.

Ein aktuelles Beispiel, welches auch als thematischer Schwerpunkt für den diesjährigen Gedenktag gewählt wurde, ist die Verfolgung queerer Menschen, wobei wir sowohl die historische Perspektive als auch die heutige Lage beleuchten.

Information zum Thema
Historischer Kontext zum 27. Januar

Der 27. Januar ist seit 1996 der Tag des Gedenkens an die Millionen Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt und ermordet wurden. An diesem Tag, 1945, befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. In dem Lagerkomplex wurden über eine Million Menschen ermordet – mehr als in jedem anderen Konzentrations- oder Vernichtungslager. Auschwitz gilt bis heute als das Symbol für den Holocaust – dem singulären, systematischen Mord an Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma und anderen verfolgten Gruppen des Nazi-Regimes in Europa.

Ende der Information zum Thema

Nehmen Sie Veränderungen bei den Menschen wahr, die Ihre Veranstaltungen besuchen? Wie sprechen Sie gezielt jüngere Leute an?

Entgegen unseren Befürchtungen ist das Interesse in den letzten Jahren eher gestiegen. Die Veranstaltungen sind oft richtig voll.

Wir merken, dass jüngere Menschen mit anderen Geschichten und neuen Fragen an die Erinnerungskultur kommen – oft auch mit eigenen Flucht- oder Verfolgungserfahrungen, die sich dann auf die Gegenwart beziehen.

Auf dem Foto sind Ausschnitte einer Graphic Novle zu sehen. Unter anderem die Zeichnung eines Trompetenspielers mit Totenköpfen, die aus Rauchfahnen aufsteigen.

Die Graphic Novel-Ausstellung „Das Unfassbare zeigen“ präsentiert zehn Zeichner und Zeichnerinnen, die sich mit Geschichten aus Konzentrationslagern auseinandergesetzt haben.

Bild: Landeszentrale für politische Bildung Bremen | Sake Elzinga

Um alle zu erreichen, setzen wir auf Vielfalt: Klassische wissenschaftliche Vorträge ziehen eher ein älteres Publikum an. Digitale Formate, Filme oder Graphic Novels dienen als „Brückenformate“ für Jüngere. Projekte wie „Rock gegen Rechts“ oder Ausstellungen wie „Comics gegen das Vergessen“ in der Bürgerschaft sprechen gezielt ein junges Publikum an.

Sie erwähnten die stabile Lage in Bremen. Dennoch wächst der Druck von rechts. Wie resilient ist die Erinnerungsarbeit gegenüber einem möglichen Rechtsruck?

Das ist ein großes Thema, denn wir sehen an Beispielen wie den USA, wie schnell sich Dinge ändern können. Als Institution ist die Landeszentrale schwach aufgestellt: Ein parteipolitisch motiviertes Ressort könnte uns theoretisch mit einem Federstrich erledigen. Wir streben daher eine gesetzliche Absicherung der Landeszentrale an, um zumindest eine parlamentarische Befassung und Öffentlichkeit zu erzwingen.

Besonders besorgt bin ich über die Angriffe auf die Gemeinnützigkeit von Vereinen unter dem Vorwand eines „Neutralitätsgebots“. Es gibt kein gesetzliches Gebot zur Neutralität: Man muss auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, aber man ist niemals neutral.

Wir müssen Vereine juristisch unterstützen und sie darin bestärken, ihre Satzungen so anzupassen, dass sie auch gegen Gefährdungen der Demokratie positioniert sind, ohne ihre Existenz zu riskieren. In einigen östlichen Bundesländern ist der politische Konsens bereits weggebrochen: Dort trauen sich Kollegen und Kolleginnen teilweise nicht mehr, bestimmte Veranstaltungen durchzuführen.

Sie sprachen den Verlust von Zeitzeugen an. Betrifft dieser Wandel auch die Menschen, die die Erinnerungsarbeit selbst tragen?

Ja, das ist eine riesige Herausforderung. Wir verlieren momentan die „Zeitzeugen der Aufarbeitung“ – also die Generation, die in den 70er und 80er Jahren die Initiativen und Vereine gegründet hat. Diese Menschen waren politisch exzellent vernetzt. Wenn wir hier keinen Wechsel hin zu einer jüngeren Generation gewährleisten können, droht ein extremer Qualitätsverlust. Das heißt, dass wir die Erinnerungsarbeit an eine jüngere Arbeitsweise anpassen müssen.

Die jüngere Generation arbeitet anders: Sie hat oft keine Lust auf klassische Vereinssitzungen am späten Donnerstagabend. Wir müssen daher schauen, wie wir die Inhalte auf die Jüngeren übertragen, Material digitalisieren und Strukturen schaffen, die dieses Engagement unterstützen. Bei dem Projekt „Spurensuche“ und dem Verein „Erinnern für die Zukunft“ ist uns dieser Verjüngungsprozess bereits erfolgreich gelungen.

Wo muss Bremen in den nächsten Jahren noch ansetzen, um die Qualität der Arbeit zu sichern?

Wir brauchen mehr staatliche Unterstützung für die überwiegend ehrenamtlich getragene Arbeit, außerdem bei der Veranstaltungsplanung oder der Digitalisierung von Nachlässen. Wie kann man also Strukturen schaffen, die Vereine und Initiativen unterstützen?

Zudem fehlt uns in Bremen ein zentraler Ort in der Stadtmitte, an dem die nationalsozialistische Geschichte der Stadt dauerhaft repräsentiert wird.

Wir müssen uns, wie schon erwähnt, fragen, was wir machen, wenn eine totalitäre Partei an die Macht kommt. Wie sind wir darauf eingestellt? Welche Instrumente haben wir dagegen? Wie können wir gewährleisten, dass auch weiterhin an den 27. Januar gedacht wird.

Im Großen und Ganzen läuft es zwar gut, aber es besteht die Gefahr, dass man schnell vergisst, dass es eben auch nicht so laufen kann. Ich denke, dass unsere Arbeit eine wichtige Plattform ist, die mithilfe der Erfahrungen aus dem Nationalsozialismus viele gesellschaftliche Probleme erklären und verstehen kann. Wenn man das als wichtig erachtet, dann muss man dafür auch etwas tun.

Information zum Thema
Das Programm um den 27. Januar

Heutzutage finden am 27. Januar deutschlandweit Gedenkveranstaltungen statt – auch in Bremen. Im ganzen Land gibt es verschiedene Programmpunkte an diesem Tag:

  • Im Rosenak-Haus in der Kolpingstraße 7 findet die Veranstaltung „Schweigen ist verboten – Sprechen ist unmöglich“ statt. Mit Texten und Musik wird an die Opfer der Shoa erinnert. .
  • Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven lädt zu der Veranstaltung „Erinnern“ ein. Neben einem Museumsrundgang zur Frage, wie Migration und Nationalsozialismus zusammenhängen, gibt es auch eine Gesprächsrunde mit Mircea Ionescu. Sie ist im Vorstand der liberalen jüdischen Gemeinde Bremen/Bremerhaven „Menorah“. .
  • Der Bremer Senat lädt ebenfalls am 27. Januar zur zentralen Gedenkveranstaltung ins Bremer Rathaus ein. Neben Bürgermeister Bovenschulte gibt es Beiträge von Karoline Kühn vom „NS-Dokumentationszentrum München“, Christian Linker von „Rat & Tat – Zentrum für queeres Leben e.V.“ und eine musikalische Untermalung vom „Namu Ensemble“. Um Anmeldung wird gebeten. .

Eine Bremer Besonderheit: Bis in den März hinein bieten verschiedene Initiativen und Vereine eine breite Auswahl an Veranstaltungen an. Ausstellungen, Führungen, Lesungen, Vorträge und digitale Angebote finden sie hier.

Ende der Information zum Thema

Quelle:
buten un binnen.

Dieses Thema im Programm:
butenunbinnen.de, „Gedenken in Bremen: Zwischen Tradition, Wandel und neuen Gefahren“, 27. Januar 2026, 6:00 Uhr