Um wie viel es bei dieser Fahndung geht? Schon die Folgen der Tat gaben eine klare Antwort. Hunderttausend Menschen saßen zu Beginn des Jahres in Berlin bei eisiger Kälte plötzlich ohne Strom und Heizung da, nachdem ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke ganze Stadtteile von der Stromversorgung abgeschnitten hatte. Es dauerte Tage, bis Lichter wieder leuchteten und Heizkessel wieder liefen.

Eine weitere Antwort gibt nun ein Fahndungsaufruf des BKA, der an diesem Dienstag veröffentlich wurde. Gut drei Wochen nach der Tat gehen die Behörden ungewöhnliche Wege: Bei der schwierigen Suche nach den Tätern soll eine Rekord-Belohnung helfen.  Eine Million Euro hätten  der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt für Hinweise ausgelobt, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt am Dienstag. Die Behörden veröffentlichten am Morgen den Fahndungsaufruf und baten um Hinweise zu den Tätern oder verdächtigen Personen rund um den Tatort. Berlins Innensenatorin Iris Spranger bezeichnete die hohe Summe als „einmaligen Vorgang“. Sie könne sich nicht daran erinnern, dass der Bund eine Belohnung „in so einer Größenordnung“ ausgelobt habe.

Seit 15 Jahren fehlt jede Spur zu den Vulkangruppen

Damit packen nun die Fahnder in dem Fall die Brechstange aus. Bis zum 24. Februar können sich Hinweisgeber nun melden. Nicht nur das Krisenmanagement des Berliner Senats hatte Kopfschütteln ausgelöst. Auch die schleppende kriminalistische Aufarbeitung des Anschlags geriet in die Kritik. Denn obwohl die mutmaßlichen Täter der linksextremen Vulkangruppen schon vor 15 Jahren ihren ersten Anschlag verübt hatten, fehlt von ihnen noch immer jede Spur. Zudem spielten die Hinterleute der Anschläge in den vergangenen Tagen mit Bekennerschreiben auf linksextremistischen Websites im Netz immer wieder Katz und Maus mit den Fahndern.

Bislang hatten sich nur äußerst selten die für die Sicherheit im Land zuständigen Bundesinnenminister in solche Ermittlungen öffentlich eingemischt. Am Wochenende aber war es so weit: Es mache ihn „reichlich unzufrieden, wenn der Staat über 15 Jahre keine Ermittlungserfolge vorweisen kann“, sagte Alexander Dobrindt (CSU) der Süddeutschen Zeitung. Am Dienstag kündigte er zudem an, den Verfassungsschutz im Bereich Linksextremismus auch personell aufzustocken. Um wie viele Stellen, ließ er jedoch offen.

Im Berliner Senat sieht man die Höhe dieser Belohnung auch als Verzweiflungstat. „Die Höhe der Summe ist wohl auch damit zu erklären, dass die Ermittler bislang kaum Hinweise auf die Täter haben“, sagt Vasili Franco, innenpolitischer Sprecher der Grünen. Allerdings machen ähnliche Fälle klar: Belohnungen haben tatsächlich immer wieder geholfen, Tätern auf die Schliche zu kommen – und das schon bei deutlich geringeren Summen.

Als 2024 etwa Hinweise gesucht wurden, um die RAF-Terroristin Daniela Klette zu finden, brachte ein Fahndungsaufruf mit Belohnung den Durchbruch. Wenig später ließ das BKA genau 25 564,60 Euro an einen Hinweisgeber überweisen. Wer sich in Deutschland im August 2024 über die krumme Summe freuen konnte, blieb allerdings geheim – unter Hinweis auf „schutzwürdige Interessen“. Zur schrägen Kommazahl kam es, weil die Summe schon im Jahr 1993 ausgelobt wurde und damals noch 50 000 DM entsprach.

Einmal wurden 3,1 Millionen Mark für einen Hinweis angeboten – die Täter wurden dennoch nie gefasst

Offiziell mag sich in den Behörden kaum jemand zu den Hintergründen der neuen Millionen-Belohnung äußern. Ziel sei es im aktuellen Fall, nicht nur das Schweigen der Szene aufzubrechen, heißt es. Es gehe auch darum, Unruhe zu säen und die Leute zu Fehlern zu verleiten. Die Liste der Taten der Vulkangruppen ist schließlich lang, die Zahl der Mitwisser damit wohl auch. Das Bundesinnenministerium kommt inzwischen auf zwölf „strafbare Tatkomplexe“, zu denen sich eine dieser Gruppen bekannt hat. In den Bekennerschreiben verwendeten die Täter wechselnde Namen, die sich meist auf isländische Vulkane beziehen, etwa „Grímsvötn“ oder „Katla“.

Der Schritt macht allerdings auch klar, wie groß der Zeitdruck ist, unter dem die Behörden arbeiten. Das Innenministerium warnt vor weiteren Taten und einer „ansteigenden Welle“ von Gewalt. Die Szene versuche, ihre Unterstützer zu Anschlägen in Deutschland zu motivieren und Unternehmen, Infrastruktur und damit Bürgern maximalen Schaden zuzufügen.

Allerdings zeigt die Geschichte der Belohnungen in Deutschland auch: Nicht immer bedeutet viel Geld auch Erfolg. Zu den höchsten Prämien in der deutschen Nachkriegsgeschichte gehört jene, die nach der Ermordung des früheren Siemens-Managers Karl Heinz Beckurts und dessen Fahrer 1986 ausgesetzt wurde. Hinweisgeber sollten damals sogar 3,1 Millionen Mark bekommen – also noch deutlich mehr als im Fall des Stromanschlags heute. Rund 100 000 Mark hatte damals der Bund ausgelobt, drei Millionen legte der Konzern drauf. Zu der Tat hatte sich die RAF bekannt. Gefasst aber wurden die Täter nie.

Wie es überhaupt zu den äußerst unterschiedlichen Summen kommt, gilt als gut gehütetes Geheimnis. Aus der Schwere der Tat lassen sie sich selten erklären. Denn das Aufklärungsinteresse war auch äußerst groß, als der islamistische Attentäter Anis Amri am 19. Dezember 2016 mit einem Lastwagen auf das Gelände des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz fuhr und zwölf Menschen tötete sowie Dutzende weitere verletzte. Ein weiterer Ersthelfer erlag später seinen Verletzungen. Rund 100 000 Euro versprach das BKA damals für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen würden. Amri wurde während einer Personenkontrolle bei Mailand am 23. Dezember erschossen. Als die Behörden nach Zeugen im Zusammenhang mit den Terrortaten des rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) suchten, schrieben die Fahnder insgesamt 300 000 Euro aus.

Klar ist im neuen Fall immerhin: Wer den entscheidenden Hinweis gibt, muss nicht fürchten, von der Steuer belangt zu werden. Belohnungen zahlt der Staat in Deutschland steuerfrei.

Dieser Text wurde nach dem Auftritt von Innenminister Dobrindt am Dienstag aktualisiert.