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Berlin – Es ist die große Frage, die sämtliche Verteidigungsminister, Generäle und Militärexperten des Kontinents umtreibt: Würde Europa einem russischen Angriff standhalten?

Obwohl Wladimir Putins (73) Streitkräfte in der Ukraine nur langsam vorankommen und hohe Verluste erleiden, warnt der renommierte Militärhistoriker Professor Sönke Neitzel (57, Uni Potsdam) vor einem gefährlichen Fehler: Trotz aller Schwächen dürfte Russlands Bedrohung nicht schöngeredet werden – auch, weil Europas und Deutschlands Verteidigungsfähigkeit große Lücken aufweist.

„Meine Haltung ist immer: Wir sollten Russland nicht unterschätzen“, so Neitzel im Podcast von BILD-Vize Paul Ronzheimer (40). Die These, dass die Russen es wegen der überschaubaren Erfolge in der Ukraine nicht mit der Nato aufnehmen würden, hält er für „grundfalsch, denn wie Kriege verlaufen, können wir einfach nicht voraussagen“.

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Putin vs. Europa: Machen wir einen gefährlichen Fehler? Hören Sie jetzt die neue Podcast-Folge von BILD-Vize Paul Ronzheimer mit dem Militärhistoriker Sönke Neitzel. Bei Spotify, Apple Podcast oder YouTube.

Neitzel warnt vor einer „nicht absehbaren Dynamik“ und erklärt: „Da sage ich als Historiker: So hätte man 1917 auch gegenüber Großbritannien und Frankreich argumentieren können, die (…) kommen ja nicht voran gegen die Deutschen. Und ein Jahr später hatten die Deutschen und die Österreicher den Krieg verloren.“

„Hitler hat auch einen Zweifrontenkrieg geführt“

Die militärische Lage könne sich jederzeit grundlegend verändern. Und damit auch die Bedrohungslage für uns: „Der Krieg in der Ukraine kann auch in diesem Jahr enden. Mit einem Waffenstillstand oder einem Zusammenbruch der Ukraine – wer will das sagen? Und dann haben wir eine völlig andere Lage.“

Kreml-Diktator Wladimir Putin (73) und seine Generäle

Kreml-Diktator Wladimir Putin (73) und seine Generäle

Foto: Mikhail Metzel/via REUTERS

Auch die Behauptung, dass der russische Diktator die Nato nicht angreifen werde, solange seine Truppen in der Ukraine gebunden seien, will Neitzel nicht akzeptieren. Die Möglichkeit eines „begrenzten Angriffs“ auf das Baltikum sei auch während des Ukraine-Krieges nicht auszuschließen, sagt er und zieht einen brisanten historischen Vergleich: „Hitler hat auch einen Zweifrontenkrieg geführt. Der war nicht sehr logisch, aber er hat es trotzdem gemacht.“

Kann Russland noch einmal angreifen?

Doch wie steht es um die Verteidigungsfähigkeit Europas? Und wie um die Angriffsfähigkeit Russlands? Im Februar 2022 befahl Putin die Vollinvasion der Ukraine und begann den größten Krieg in Europa seit 1945. Seitdem rüsten die Europäer und die Russen auf. In Deutschland begann mit der „Zeitenwende“ die größte Aufrüstung der bundesrepublikanischen Geschichte. Der Kreml stellte das gesamte Land auf Kriegswirtschaft um.

Militärhistoriker Sönke Neitzel (57, Uni Potsdam) im Gespräch mit Paul Ronzheimer

Militärhistoriker Sönke Neitzel (57, Uni Potsdam, l.) im Gespräch mit Paul Ronzheimer

Foto: BILD

Die große militärische Schwäche aller europäischen Nato-Staaten ist Neitzel zufolge „heute, im Januar 2026, die Drohnen-Abwehr“. „Man stelle sich mal vor: Ein Drohnenangriff auf Polen und das Gelände der Bundesrepublik Deutschland (…). So wie es die Ukraine jede Nacht erlebt“, so der Professor und nennt die Zahl von 1000 Drohnen, die Russland abfeuern würde. „Da hätten wir in allen Nato-Staaten ein massives Problem.“

„Wir haben unendlich viele Jahre verloren“

Stand jetzt verfüge die Bundeswehr weder über ausreichende Abwehrmöglichkeiten noch über die Fähigkeiten, Drohnen selbst im großen Stil einzusetzen. „Die Russen bringen 10.000 bewaffnete Drohnen jeden Tag in die Luft. Das müssen wir jetzt aufholen“, so Neitzel. Es sei „Druck auf dem Kessel“, sagt der Militärhistoriker. „Wir haben unendlich viele Jahre verloren. Weil wir glaubten, die Weltgeschichte dreht sich an uns vorbei.“

Die Chefs der Bundeswehr: Generalinspekteur Carsten Breuer (61) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (65, SPD)

Die Chefs der Bundeswehr: Generalinspekteur Carsten Breuer (61, l.) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (65, SPD)

Foto: picture alliance/dpa

Das Problem der Bundeswehr geht über die Drohnen weit hinaus. Die deutschen Streitkräfte hätten gut ausgebildete Offiziere und Unteroffiziere und verfügten über hervorragende Kampfpiloten. „Also die Bundeswehr kann schon was, aber das Grundproblem ist, dass sie eine Friedensarmee ist, in der in 70 Jahren eine gigantische Bürokratie gewachsen ist“, sagt Neitzel und wird konkret: „Über 50 Prozent der Soldaten sind nicht im Kernauftrag eingesetzt.“

Ohne die USA wird es „wirklich schwer“

Immerhin: Ab Ende 2027 werde die Bundeswehr dank der milliardenschweren Rüstungsprojekte spürbar stärker sein, sagt Neitzel. Beim Heer, bei der Luftwaffe und auch bei den Drohnen sowie ihrer Abwehr. Reicht das, um einen russischen Angriff abzuschrecken oder abzuwehren? Auch ohne die Amerikaner?

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Was zähle, sei technologische Überlegenheit. Doch nur die USA seien in der Lage, Konflikte dadurch zu entscheiden. „Die europäischen Nato-Staaten haben noch nie eine große Air Operation (Luftoperation) alleine geführt. Nicht in Kosovo, nicht in Libyen, nicht im Nahen Osten“, immer hätten die Amerikaner sie angeführt. Ganz ohne die Aufklärungskapazitäten sowie die elektronische Kampfführung der USA werde es „wirklich schwer“.