Frau Wiegand, Sie waren Chefin des Augsburger Panzergetriebebauers Renk. Inzwischen sitzen Sie unter anderem im Aufsichtsrat von Volkswagen und im Board des bayerischen Drohnenherstellers Quantum Systems. Sie haben oft als einzige Frau in den Spitzenetagen der Rüstungsindustrie reichlich Erfahrung mit männlichen Managern gesammelt. Wie sollen Europäer auch nach der Grönland-Erfahrung mit Donald Trump umgehen?
SUSANNE WIEGAND: Mit Grönland hat der amerikanische Präsident eine rote Linie überschritten. Das hat klar gezeigt, dass wir insgesamt selbstbewusster agieren sollten. In einer Welt, in der Diplomatie und Appeasement-Politik als Schwäche verstanden werden, ist es anscheinend nötig, die Sprache des anderen zu sprechen.
Welche Trümpfe hat Europa gegen Trump in der Hand?
WIEGAND: Wir haben in Europa gerade in wirtschaftlichen Belangen auch Druckmittel, die wir bisher nicht in den Verhandlungen ausgespielt haben. Europa und Deutschland stehen insgesamt vor sehr großen Herausforderungen und unsere militärische Schwäche und Abhängigkeit in einer Zeit, in der die Welt zunehmend von Machthabern und Autokraten regiert wird, nehmen uns Kraft und Stärke am internationalen Verhandlungstisch.
Wie hält man Trump also in Schach?
WIEGAND: Es ist eine feine Balance gefordert zwischen Selbstbewusstsein und Einlenken. Dazu muss man sich seiner Stärken und Schwächen bewusst sein und eine Strategie haben. Eine starke, abgestimmte politische Führung ist essentiell. Wir sollten meines Erachtens Partnerschaften mit Ländern wie Kanada oder Japan ausbauen, die sich ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sehen. Für Europa ist es höchste Zeit, sich mit der Umsetzung des Draghi-Reports von 2024, also mit Schritten für Reformen und mehr Wirtschaftswachstum, auseinanderzusetzen. Doch wir lassen zu, dass Trump uns immer wieder vor sich hertreibt.
Dabei müssten die Spitzen Europas selbst für Attraktionen in der politischen Welt-Manege sorgen.
WIEGAND: Ja, und um ein anderes Bild zu gebrauchen: Trump ist stets vor der Welle. Er ist bisweilen erfolgreich mit der Strategie der Unberechenbarkeit. Wir Europäer fragen uns stets entsetzt, was wohl als Nächstes kommt. Wenn man mit einer starken Position – wirtschaftlich wie militärisch – am Tisch sitzt und eine klare Strategie hat, ist man weniger vulnerabel.
Trump leitet seine Politik der Überrumpelung aus seiner Zeit als Immobilien-Tycoon ab. Macht die Methode „Trump“ eine Geschäftsfrau oder einen Geschäftsmann erfolgreich?
WIEGAND: Das bezweifle ich. Business ist langfristig ausgerichtet. Verlässlichkeit schafft Erfolg. Man muss, anders als Trump, Spielregeln einhalten. Man sieht Kunden und Geschäftspartner meist öfter im Leben und kann nicht nur auf die Durchsetzung des eigenen Vorteils erpicht sein. Das ist zu kurz gedacht. Unsere Stärken in Europa sind unter anderem unsere Werte und Verlässlichkeit.
Wie kommen wir Europäer aus der Ecke heraus, in die uns Trump immer wieder treibt?
WIEGAND: Indem wir wirtschaftlich und militärisch deutlich stärker als heute werden.
Da hat Europa massiven Nachholbedarf, vor allem, was die militärische Stärke betrifft. Verteidigungsminister Pistorius fordert, wir müssten bis 2029 kriegstüchtig werden. Schaffen wir das?
WIEGAND: Auch wenn sich viel getan hat, rüsten wir in Deutschland nicht schnell genug auf – und das, obwohl der Krieg in der Ukraine schon rund vier Jahre andauert. Die Bundeswehr ist nicht spürbar besser aufgestellt als vor Beginn der Vollinvasion im Jahr 2022, weder personell noch materiell. Und viele Rüstungsgüter, die wir bestellt haben, werden erst in den 30er Jahren geliefert. Diese Bestellungen helfen der Bundeswehr nicht, jetzt so verteidigungsfähig zu werden, dass wir einen längeren Konflikt durchhalten.
Das klingt alarmierend.
WIEGAND: Kriege kann man nur durch glaubwürdige Abschreckungsfähigkeit vermeiden. Es gilt, diese Abschreckungsfähigkeit jetzt herzustellen. Russland kann uns bereits heute militärisch testen. Warum sollten sie bis 2029 warten?
Was braucht die Bundeswehr besonders dringend?
WIEGAND: Wir müssen unsere bestehenden Hauptwaffensysteme mit ausreichend Ersatzteilen und Munition ausstatten und resiliente Produktionsprozesse für den Nachschub aufbauen. Bei den Drohnen müssen wir auf relevante Stückzahlen kommen. Unsere Luftverteidigung muss schnellstens ausgebaut werden, in allen Reichweiten und integriert. Diese kurzfristig wirkenden Maßnahmen müssen parallel umgesetzt werden mit der mittelfristigen Ertüchtigung über den Technologiepfad.
Was heißt das?
WIEGAND: Das heißt mehr unbemannte, autonome Systeme, die durch KI unterstützt sind. Das alles geht nicht über Nacht, muss aber parallel angegangen und umgesetzt werden. Auch die Bestandssysteme können teilweise sukzessive Kampfwertsteigerungen durch Software, Sensorik und KI erfahren, ohne lange aus der Verfügbarkeit genommen werden zu müssen. Verfügbarkeit und Durchhaltefähigkeit sind jetzt relevant.
Wie verwundbar ist Deutschland militärisch?
WIEGAND: Deutschland ist Teil der Nato und nicht alleine. Aber die Nato steht in Europa unter dem besonderen Druck einer möglichen eskalierenden russischen Aggression. Deutschland hat als größte Volkswirtschaft Europas eine besondere Rolle und Verantwortung. Dies hat sich verschärft, weil die USA Europa nicht mehr uneingeschränkt beistehen, so wie wir es jahrzehntelang gewohnt waren. Wir haben uns auf diesem amerikanischen Schutz ausgeruht und sind jetzt verletzlicher denn je. Der Aufholbedarf ist riesig und wir haben keine Zeit mehr.
Russland bedroht schon heute den Westen.
WIEGAND: Ja, Russland produziert deutlich mehr Rüstungsgüter, als es für den Krieg gegen die Ukraine braucht. Das Land hat auf Kriegswirtschaft umgeschaltet. Das macht Putin nicht, weil die Nato ihn bedroht, sondern weil er weitere imperialistische Schritte plant. Das sagt er auch ganz klar. Man muss Putin nur zuhören und wahrhaben wollen, was er seit vielen Jahren sagt.
Doch Pistorius sagt, wir müssten erst 2029 in der Lage sein, einen Angriff Russlands auf Nato-Gebiet abzuwehren.
WIEGAND: Ich hoffe, der Minister liegt mit seiner Einschätzung richtig und wir machen bis dahin signifikante Fortschritte in unserer Verteidigungsfähigkeit, so dass es ein Aggressor dann gar nicht mehr wagt, sich mit uns anzulegen. Das ist das Ziel: glaubwürdige Abschreckung. Ich weiß allerdings nicht, warum Russland bis dahin warten sollte, um die Reaktionsfähigkeit der Nato zu testen. Was können wir ohne die Amerikaner? Welche Rolle spielen die Amerikaner in so einem Szenario?
Ja, was können wir ohne die Amerikaner? Moderne Kriege werden immer mehr zu Drohnen-Kriegen.
WIEGAND: Noch einmal: Deutschland ist nicht alleine. Die Nato hat allerdings in der Tat die Herausforderung, russische Drohnen nicht nur abwehren zu können, sondern dies auch wirtschaftlich und durchhaltefähig tun zu können. Dazu benötigen wir deutlich größere Stückzahlen und geringere Stückkosten. Es ist keine Lösung, Drohnen mit teuren Flugkörpern und Kampfflugzeugen zu bekämpfen, die ein Vielfaches kosten.

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Ein wichtiger Tag für den Augsburger Getriebespezialisten Renk: Die damalige Unternehmens-Chefin Susanne Wiegand läutete am 7. Februar 2024 morgens in der Frankfurter Börse die symbolische Glocke zum Börsenstart der Firma.
Foto: Martin Joppen, Deutsche Börse
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Ein wichtiger Tag für den Augsburger Getriebespezialisten Renk: Die damalige Unternehmens-Chefin Susanne Wiegand läutete am 7. Februar 2024 morgens in der Frankfurter Börse die symbolische Glocke zum Börsenstart der Firma.
Foto: Martin Joppen, Deutsche Börse
Warum kommt Deutschland nicht so schnell, wie Sie das fordern, militärisch in Schwung?
WIEGAND: Weil wir nach wie vor in dem System, damit meine ich Strukturen, Prozesse und Menschen, aus Friedenszeiten arbeiten. Es haben bei allen Beteiligten bislang keine substantiellen Reformen stattgefunden. Wir haben jetzt sehr viel mehr Geld in dieses System gegeben, was zu einem Inflationseffekt geführt hat. Wir bekommen im Moment im Verhältnis nicht so viele Rüstungsgüter aus dem System mehr geliefert, wie wir mehr Geld in das System hineingeben. Das muss schnellstens verbessert werden.
Wo soll Deutschland all die benötigten Rüstungsgüter einkaufen?
WIEGAND: Wo immer es sinnvoll geht, in Deutschland und Europa. Rüstungskäufe bei Drittstaaten machen nur dann Sinn, wenn wir die Technologie selbst nicht haben beziehungsweise nicht in adäquater Zeit entwickeln können. Auch die kurzfristige Lieferfähigkeit spielt natürlich eine Rolle in der Entscheidung.
Wie muss Europa sich nuklear aufstellen?
WIEGAND: Bisher stehen wir unter dem amerikanischen Schutz der nuklearen Teilhabe und haben zudem mit Frankreich und England zwei Partner mit eigenen nuklearen Fähigkeiten. Ich denke, wir sollten als Deutschland mit diesen beiden Partnern europäische Fähigkeiten weiterentwickeln, um den amerikanischen Beitrag zu ergänzen und auch in diesem Bereich Europa unabhängiger zu machen. Nukleare Fähigkeiten sind der ultimative Kern glaubwürdiger Abschreckung und damit unverzichtbar.
Zur Person
Susanne Wiegand, 53, war bis Ende Januar 2025 Vorstandsvorsitzende des Augsburger Panzer-Getriebebauers Renk. Sie hat mit ihrem Team das Unternehmen bekannter gemacht, an die Börse gebracht, die Zahl der Beschäftigten deutlich erhöht und die Produktionsabläufe so verbessert, dass mehr der begehrten Getriebe gebaut werden können. Nach großen Erfolgen kündigte sie überraschend ihren Rückzug von Renk an. Den Vollzeit-Job hat Wiegand, die einst für ThyssenKrupp Marine Systems und auch Rheinmetall gearbeitet hat, nicht durch einen neuen Vollzeit-Job ersetzt. Das war ihr wichtig. So hat Wiegand mehrere Aufgaben übernommen. Die Managerin engagiert sich ehrenamtlich für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik. Zudem ist Wiegand Mitglied in den Aufsichtsräten der beiden Dax-Konzerne Volkswagen und Brenntag. Bei VW leitet sie den wichtigen Prüfungsausschuss des Kontrollgremiums des größten deutschen Konzerns. Brenntag ist nach eigener Darstellung Weltmarktführer in der Distribution von Chemikalien und Inhaltsstoffen. Wiegand gehört auch dem Aufsichtsrat des gerade in Amsterdam an die Börse gegangenen Rüstungsunternehmens CSG an sowie der BWI GmbH, dem IT-Systemhauses der Bundeswehr. Überdies sitzt sie im Board des bayerischen Drohnen-Herstellers Quantum Systems.
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