Der 102-jährige Holocaust-Überlebende und Journalist Walter Bingham spricht im Landratsamt über Verfolgung, Verlust und Verantwortung.
Sechs Kerzen erinnern an die sechs Millionen ermordeter Juden. Hinter Walter Bingham steht Erik Balter, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe.
Foto: Susanne Dürr
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Zum Internationalen Holocaust-Gedenktag sprach der 102-jährige Zeitzeuge Walter Bingham aus Israel in seiner Geburtsstadt Karlsruhe. Begrüßt wurden die Gäste, zu denen auch Schülerinnen und Schüler des Thomas-Mann-Gymnasiums Stutensee sowie der Wilhelm-Lorenz-Realschule Ettlingen gehörten, im Landratsamt vom stellvertretenden Vorsitzenden des Deutsch-Israelischen Freundeskreises, Hanspeter Gaal. Die Veranstaltung erfolgte in Kooperation mit dem Landkreis Calw, dem Verein Zedakah und der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe.
Gaal betonte: „Es gibt kein Ende der Erinnerung. Die Verantwortung bleibt, gerade angesichts zunehmender antisemitischer Gewalt.“ Der Erste Landesbeamte, Knut Bühler, und Erik Balter, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, wiesen auf die tägliche Gefährdung jüdischen Lebens in Deutschland hin.
„Es ist ein Geschenk und ein Privileg, mit Bingham einen Zeitzeugen zu haben, der sein Leben in den Dienst der Gesellschaft gestellt hat und Geschichte ein Gesicht gibt“, sagte Tobias Kröger, Hauptamtsleiter der Stadt Karlsruhe.
Rettender Kindertransport nach England
Bingham schilderte mit charismatischer Lebendigkeit seine Jugendjahre während der Zeit des Nationalsozialismus. Es sei ein komisches Gefühl für ihn, wieder in Karlsruhe zu sein, das er im Alter von 15 Jahren am 25. Juli 1939 im rettenden Kindertransport nach England verließ. Dort lebte er 65 Jahre lang. Mit 80 Jahren folgte er seiner Tochter nach Israel, wo er sich erstmals heimisch fühle.
In Karlsruhe besuchte er die Gräber von Verwandten und den Stolperstein für seinen Vater vor der ehemaligen Wohnung in der Kaiserstraße 122. Siegmund Billig starb im Warschauer Ghetto.
Moderator Thorsten Trautwein stellte Bingham vor, der auch heute noch als Radiomoderator und Journalist arbeitet, was ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. „Von einem Tag auf den anderen änderte sich alles“, sagte Bingham zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Im Schulalltag spürte er den Hass, jüdische Lehrkräfte wurden entlassen. Auf dem Marktplatz beobachtete er, wie Menschen johlend jüdisches Schriftgut in die Flammen warfen. Er zitierte ein bösartiges antisemitisches Hetzlied seiner Mitschüler.
Am Morgen der Reichspogromnacht stand er in Mannheim vor der brennenden Synagoge, in der er sein neuntes Schuljahr absolviert hatte. Währenddessen wurde sein Vater in Karlsruhe verschleppt. Durch Glück fand er als 22-Jähriger seine Mutter in Schweden wieder.
Zum Schluss zitierte er Elie Wiesel: „Wer einem Zeitzeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen.“ Nach einer Schweigeminute und Gebeten umrahmt von der Bruchsaler Klezmerband Shtetl Tov wurde zum Gedenken an die sechs Millionen ermordeter Juden sechs Kerzen entzündet. Die siebente Kerze entzündete der Rabbiner Mordechai Mendelson aus Karlsruhe für die Opfer seit dem 7. Oktober 1923.
„Wir sind nicht schuld an dem, was damals war“, sagte Frank Cleste, Leiter der Zedakah-Zentrale, „aber wir tragen Verantwortung für heute.“