Die Vereinten Nationen als Antichrist? Tech-Investor Peter Thiel stilisiert die moderne Weltordnung als Feindbild. Und stößt damit bei einem Theologen und Friedensethiker auf massive Kritik.

Der katholische Theologe Wolfgang Palaver hat die religiös-politischen Deutungen des US-Milliardärs Peter Thiel kritisiert. Thiels Ausführungen zum Antichristen seien theologisch nicht haltbar und dienten vor allem dazu, libertäre Positionen ideologisch zu stützen, sagte Palaver in einem Interview der in Hamburg erscheinenden „Neuen Kirchenzeitung“. Der Präsident von Pax Christi Österreich kennt den Tech-Milliardär Thiel seit 1996 und steht seither mit ihm in Kontakt, vergangenen August lud er ihn zu einem Seminar nach Innsbruck ein, bei dem Thiel über Apokalypse und Antichrist sprach.

Thiel gilt als einflussreicher Investor und Unterstützer von US-Präsident Donald Trump. Er bezieht sich in seinen Vorträgen häufiger auf apokalyptische Motive aus der Bibel – insbesondere auf den sogenannten Antichristen, der für das Böse steht, und den Katechon, eine Figur, die den Ausbruch des Bösen oder das Ende der Welt aufhalten soll. Internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen, Umweltbewegungen und Richtlinien für neue Technologien verkörpern demnach für Thiel den Antichristen. Zugleich braucht es nach Auffassung des libertären Unternehmers mehr Freiheit, Deregulierung und technologischen Fortschritt.

Bibel wird laut Palaver falsch gedeutet

„besorgniserregend und beängstigend“

Nach Palavers Einschätzung wird der biblische Text dabei falsch gelesen. Eine von Thiel herangezogene Stelle aus dem ersten Thessalonicherbrief beziehe sich nicht auf den Antichristen, sondern sei eine Warnung vor falschen Sicherheitsversprechen. „Der biblische Text gibt das gar nicht her“, sagte der Theologe. Thiel knüpfe hier an Deutungen an, die auf den Staatsrechtler und NS-Unterstützer Carl Schmitt (1888-1985) zurückgingen.

Thiel und Schmitt verstünden den Antichristen als Chiffre für eine regulierende Weltordnung, die sie ablehnten, erläuterte Palaver. Als Gegenmodell diene in diesem Denken eine sogenannte Großraumordnung. Palaver bezeichnete es als „besorgniserregend und beängstigend“, dass sich ein solches Denken heute in der internationalen Politik widerspiegele. Als Beispiele solcher Großräume nannte er die Einflusspläne Trumps, Putins und Xi Jinpings. Der Tech-Milliardär Thiel gilt als Ideengeber für US-Präsident Trump und seinen Vize JD Vance im Silicon Valley.

Palaver: Keine Weltregulierung in Sicht

„Den Antichristen in Thiels Verständnis sehe ich heute überhaupt nicht“, so Palaver weiter. „Wir sind von einer Weltordnung oder von Weltregulierung so weit weg wie schon lange nicht mehr.“ Die heutigen Herausforderungen der Welt bräuchten vielmehr weltweite politische Zusammenarbeit.

Palaver beschrieb Thiel als intellektuell ambitionierten und umgänglichen Menschen, dem es wichtig sei, als Denker ernst genommen zu werden. Der Unternehmer sei als Lutheraner aufgewachsen. Wie sehr er Christ im Sinne der Nachfolge Jesu sei, lasse sich zumindest hinterfragen. „Es ist bei ihm sicher stärker ein Identitätschristentum“, so der Theologe. Palaver war bis 2023 Professor für Christliche Gesellschaftslehre in Innsbruck und ist Präsident von Pax Christi Österreich.

(kna / vatican news – gs)