Museen, die Zuschauerzahlen generieren wollen, zeigen Monet, Renoir, Manet. Oder Cezanne. Nach dem Blockbuster mit Yayoi Kusama punktet die Fondation Beyeler jetzt übergangslos mit Bildern des Spätimpressionisten am Übergang zur Moderne. Dazu muss nicht einmal ein Jubiläumsjahr her, auch wenn sich Cezannes Todestag 2026 zum 120. Mal jährt – die Zeit für eine Werkschau „ist einfach reif“, wie Kurator Ulf Küster glaubt.

„Vater von uns allen“ nannte Pablo Picasso Paul Cezanne. Das Foto zeigt den Künstler in seinem Atelier in Les Lauves. Bild vergrößern

„Vater von uns allen“ nannte Pablo Picasso Paul Cezanne. Das Foto zeigt den Künstler in seinem Atelier in Les Lauves. (Foto: GrandPalaisRmn (musée d’Orsay)/René-Gabriel Ojeda)

Immerhin ist es die erste Cezanne-Ausstellung bei Beyeler überhaupt; im südwestlichen deutschsprachigen Raum waren ähnlich umfangreiche Retrospektiven 1993 in Tübingen und 2000 in Zürich zu sehen. In Riehen konzentriert man sich aufs Spätwerk und hat hierzu knapp 80 Bilder zusammengetragen – darunter aus ersten Häusern wie dem New Yorker MoMa, dem Musée d’Orsay in Paris oder der Londoner Tate. Vertreten ist auch die Staatsgalerie Stuttgart. Eine ganze Reihe selten gezeigter Werke aus Privatsammlungen runden die Leihgabenauswahl ab.

Langer Arm: Paul Cezannes „Der Knabe mit der roten Weste“ von 1888 – 1890. Bild vergrößern

Langer Arm: Paul Cezannes „Der Knabe mit der roten Weste“ von 1888 – 1890. (Foto: Sammlung Emil Bührle/Kunsthaus Zürich)

Gleich mehrere Werke stammen aus der umstrittenen Sammlung Bührle in Zürich. Darunter auch der bekannte „Knabe mit der roten Weste“, dessen rechter Arm deutlich zu lang ist (und, was seltener erwähnt wird, dessen linker Arm auch merkwürdig proportioniert ist) – Max Liebermann wird das Zitat zugeschrieben, „ein so schön gemalter Arm kann gar nicht lang genug sein“. Nun ja. Bei Beyeler hängen übrigens auch zwei Aquarelle mit ähnlichem Motiv, auf denen die Arme des Modells Normallänge haben.

Paul Cezanne: Meister des Lichts

Das Kuratorenteam um Ulf Küster hat sich gegen eine chronologische und für eine thematische Präsentation entschieden, nachdem sich der Zeitraum der Entstehung auf die letzten beiden Jahrzehnte des Malers (1839 bis 1906) beschränkt. Damit lenkt man den Blick auf eben jene Phase, in der die Moderne bereits durch Cezannes Werk wetterleuchtet. Da hängt zum Beispiel ein Porträt des Kunsthändlers Ambroise Vollard, der auch Picasso förderte und vom Spanier ebenfalls gemalt wurde. Picasso machte sich in diesen Jahren in seine blaue und die rosa Periode auf – und kannte Cezannes Bild aus einer Pariser Ausstellung.

Das Vollard-Bildnis ist in Riehen, klar, Teil einer Abteilung mit (Selbst-)Porträts. In den weiteren Räumen geht es um Stillleben, Menschengruppen wie die „Badenden“, Orte und Landschaften; einen eigenen Blick wirft ein Raum auf Aquarelle und Studien. Immer aber und von allen Bildern, ob Öl oder Tusche, geht Cezannes besonderes Licht aus. Das gilt selbst für die Bilder, bei denen der Künstler die Leinwand nur teilweise mit Farbflächen bedeckt und den Untergrund bewusst frei lässt.

Hochkarätige Leihgaben

Ein Big Player in der Museumslandschaft wie die Fondation Beyeler kann bei Ausleihen natürlich auf erste Kontakte bauen. Auf Beziehungen, die andere Häuser nicht haben. Das ermöglicht dann eben auch Konfrontationen wie die von zwei der drei Versionen der „Kartenspieler“, entstanden zwischen 1892/93 und 1896. Die eine kommt aus dem Pariser Orsay, die andere, in den Ausmaßen und nur in Details unterschiedliche, aus dem Courtauld Institute of Art in London (die dritte Version ist in Privatbesitz).

Wer macht den Stich? „Die Kartenspieler“ von Paul Cezanne, entstanden zwischen 1893 und 1896. Bild vergrößern

Wer macht den Stich? „Die Kartenspieler“ von Paul Cezanne, entstanden zwischen 1893 und 1896. (Foto: GrandPalaisRmn (musée d’Orsay)/Patrice Schmidt)

Cezanne war durchaus und natürlich bewusst ein serieller Maler. Was Monet die Seerosen oder Heustadel waren, war für ihn die Montagne Sainte-Victoire, jener tausend Meter hohe Gebirgszug im Süden der Provence. Im nahen Les Lauves hatte Cezanne, der aus Aix-en-Provence stammte, sein Atelier. Siebenundachtzig Mal hielt er die markante Montagne im Bild fest, immer wieder, zu allen Jahres- und Tageszeiten. neun Ansichten sind in Riehen zu sehen. Hier, erläutert der Katalog, erprobte der Meister in seinen späteren Jahren seine Technik, das, was er sah, auf die Leinwand zu bringen – und nicht die Realität abzubilden. Er setzte „reine Farbempfindungen“ als arrangierte Flächen („taches colorées“) auf den Untergrund; die Farben allein sollten die Form bestimmen. In seinen eigenen Worten: „Ich mache nicht, was ich nicht sehe.“

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In Les Lauves rundete sich Cezannes Lebenslauf: Er starb 1906, nachdem er von einem Unwetter überrascht worden war und sich eine Lungenentzündung eingefangen hatte. Sein Ruhm hat seitdem nie nachgelassen – die Riehener Ausstellung unterstreicht nachdrücklich, warum.

Eine unnötige Ergänzung

Eine eher unnötige Dreingabe ist da ein prätentiös-raunender, arg auf Bedeutung gemachter Kurzfilm über Cezannes Jahre in Les Lauves, der in der Ausstellung zu sehen ist. Gedreht haben ihn im Auftrag der Stiftung der Maler Albert Oehlen und Filmregisseur Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“, „Elser“) an Originalschauplätzen an der Montagne Sainte-Victoire.

Und ein Verlust ist festzustellen. Im Gegensatz zum bisherigen kunsthistorischen Mainstream hat man sich bei Beyeler dafür entschieden, den Namen Cezanne durchgängig ohne Accent aigu auf dem ersten „e“ zu schreiben. Cezanne selber schrieb sich tatsächlich ohne das Zeichen; diese Schreibweise setzt sich in der Kunstgeschichte derzeit durch.

Die Ausstellung „Cezanne“ in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel dauert bis 25. Mai. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Umfangreiches Begleitprogramm. Eintritt 30 Euro, der Katalog kostet 58 Euro und enthält unter anderem eine originelle Biografie in Form einer Graphic Novel von Sarah Weishaupt.