Zur Abschreckung RusslandsNeue Rufe nach taktischen Atomwaffen für Deutschland
29.01.2026, 08:55 Uhr
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Mehr konventionell unterwegs: Gebirgsjäger der Bundeswehr nehmen an der Nato-Übung Nordic Response 2024 teil. (Foto: picture alliance/dpa)TeilenFolgen auf:
Reicht die konventionelle Abschreckung gegen Russland? Ein Brigadegeneral der Bundeswehr meint: Nein. Schließlich hole Putin immer wieder die „nukleare Keule“ hervor. Ex-Außenminister Fischer hat einen anderen Vorschlag.
Angesichts des brüchigen Verhältnisses zu den USA und der Bedrohung durch Russland werden Rufe nach einer nuklearen Bewaffnung Deutschlands lauter. „Deutschland braucht eigene taktische Atomwaffen“, forderte Frank Pieper, Brigadegeneral der Bundeswehr, im „Stern“. Immer wieder hole der russische Präsident Wladimir Putin „die nukleare Keule“ gegenüber den Europäern heraus. Pieper, der auch Direktor Strategie an der Führungsakademie der Bundeswehr ist, betonte, die Äußerungen wegen der Sensibilität des Themas als Privatperson und Staatsbürger zu machen.
„Die nukleare Frage ist der Kern der nationalen Souveränität eines Staates. Auch Deutschland muss sich dieser Frage stellen“, forderte auch Harald Biermann, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn. „Es geht hier um die Existenz der Bundesrepublik“, sagte der Historiker. „Wir müssen dringend über den Schutz Deutschlands durch eigene oder europäische Atomwaffen reden“, mahnt Joachim Krause, der lange am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel lehrte.
Der frühere Außenminister Joschka Fischer sprach sich indes gegen eine eigene Atombombe für Deutschland aus. „Ich hielte es für einen großen Irrtum, wenn Deutschland die atomare Bewaffnung als nationale Herausforderung sähe“, sagte der Grünen-Politiker dem „Tagesspiegel“. „Europa muss das machen, denn die amerikanische Schutzgarantie ist ab sofort ungewiss“, betonte Fischer vielmehr. „Deutschland sollte nie wieder alleine agieren, nie wieder. Wir brauchen unsere europäischen Partner.“ Außerdem sei eine deutsche Atombombe völkerrechtlich kaum durchsetzbar. Einer nuklearen Wiederbewaffnung seien sowohl im Zwei-plus-vier-Vertrag als auch grundsätzlich durch den Atomwaffensperrvertrag klare Grenzen gesetzt.
Auch der Sicherheitsexperte Carlo Masala von der Bundeswehruniversität München ist strikt gegen einen deutschen Sonderweg. Man würde die „Büchse der Pandora“ öffnen, warnte er.
In Fachkreisen wird die Entwicklung deutscher Atombomben als machbar angesehen. „Technisch gesehen wäre der Bau einer deutschen Atombombe kein Problem“, sagte Rainer Moormann, der als Chemiker mehr als drei Jahrzehnte am Forschungszentrum Jülich zur Nukleartechnik forschte. In der Anreicherungsanlage Gronau werde schon Uran angereichert, führte er weiter aus. Um dort waffenfähiges Material herstellen zu können, sei nur ein überschaubarer Umbau der Anlage nötig. „Es bräuchte nur ausreichend Zentrifugen. Aber da haben wir im Land genügend Expertise.“ Moormanns Prognose: „Wir wären innerhalb von drei Jahren in der Lage, eine Atombombe zu bauen.“