Itaru Watanabe stapft mit großen Schritten in einen kleinen, kahlen Raum voller Fässer. „Hier brauen wir jetzt unser Bier“, ruft er. 6000 Liter könne er mit seinem Team pro Jahr herstellen. Mit seiner jüngst ausgebauten Mikrobrauerei hat Watanabe, ein schlanker Mann mit schmalem Kinnbart, große Pläne – nicht nur für sein Geschäft, sondern auch für seinen Ort. Aus Chizu macht er eine kleine Bierstadt.

Und das wirkt auf den ersten Blick unglaublich. Denn wer sich in Itaru Watanabes Wahlheimat Chizu umsieht, würde kaum erwarten, dass hier noch jemand investiert. Am Bahnhof rosten Zäune, an der Tür der einstigen Karaokebar hängt ein alter Brief, der über die Schließung informiert. Menschen sieht man im Stadtkern nur alle paar Minuten. In den vergangenen 15 Jahren sank die Bevölkerung um fast 25 Prozent. Noch rund 6000 Menschen leben hier. Tendenz: weiter rasant abnehmend.

Die Menschen können expandieren, weil Immobilien sehr günstig sind

Itaru Watanabe kommt trotzdem nicht aus dem Schwärmen heraus: „Unsere Biere basieren auf natürlicher Hefe, die wir aus Früchten züchten. Mit der Hefe backen wir in unserer Bäckerei nebenan auch Brot, das die Gäste in unserem Restaurant und unserer Herberge bestellen.“ Mit nachhaltiger Produktion sei sein Betrieb namens Talmary einer der größten im Ort. Wobei Watanabe, zwischen Braukesseln stehend, betont: „Wir konnten hier auch deshalb expandieren, weil leer stehende Immobilien sehr günstig sind.“

Der Tokioter zog vor zehn Jahren mit seiner Frau Mariko und zwei Kindern in den ruhigen Bergort. Dass das Paar mit Brauerei, Bäckerei, Restaurant und Herberge sowie Wohnhaus schon vier Immobilien besitzt, lässt sich aber kaum dadurch erklären, dass ihr Betrieb passabel läuft. Eher durch Niedrigpreise: Für die vier Gebäude mussten sie insgesamt nur gut 50.000 Euro bezahlen. Denn an Gebäuden besteht in Chizu ein Überangebot: Jedes vierte steht leer.

Es ist eine Entwicklung, die sich in ganz Japan zeigt: Niedrige Geburtenraten und eine eher restriktive Zuwanderungspolitik ließen die Bevölkerungszahl seit 2009 um fünf Millionen Menschen fallen. Allein 2024 nahm sie um 900.000 ab. Eine Folge: Leerstand. Um die 14 Prozent aller Wohngebäude sind betroffen. Bis 2030 könnte es laut Prognosen schon ein Drittel sein. Doch was für die Watanabes eine unternehmerische Chance bot, ist für das Land eine riesige Herausforderung.

Verfall überall: Menschen sieht man in Chizu nur sporadisch.

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Verfall überall: Menschen sieht man in Chizu nur sporadisch.
Foto: Felix Lill

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Verfall überall: Menschen sieht man in Chizu nur sporadisch.
Foto: Felix Lill

Unter dem Schlagwort „akiya mondai“ – auf Deutsch: Leerstandsproblem – diskutieren Japans Politik und Gesellschaft seit Jahren über das zunehmende Sicherheitsrisiko bei Erdbeben sowie ein wachsendes Hygieneproblem, da leer stehende Häuser auch Ratten anziehen. Im Winter fordern Lokalpolitiker Hilfen aus Tokio, um einsturzgefährdete Gebäude vor der Schneelast zu schützen. Auch die Forderung, Renovierungen gegenüber Neuimmobilien steuerlich zu bevorzugen, ist wiederholt zu hören.

Viele Vorschläge unterstützt die Regierung der rechtsgerichteten Liberaldemokratischen Partei, mehrere wurden schon umgesetzt: Maklerbüros dürfen für den Verkauf von „akiya“ – leer stehenden Häusern – höhere Vermittlergebühren berechnen. Nicht instand gehaltene Gebäude werden steuerlich benachteiligt. Doch mit ein paar Handgriffen wird sich das „akiya mondai“ höchstens lindern lassen.

„Der wesentliche Punkt ist, dass diese Häuser in der Regel dann mit der Zeit verfallen.“

Sebastian Polak-Rottmann, Städteforscher

Sieben Zugstunden östlich von Chizu betont dies Sebastian Polak-Rottmann. Am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio forscht er zum Thema – und findet seine Untersuchungsgegenstände vor allem im ländlichen Raum, aber auch in großen Städten wie Tokio: „Der wesentliche Punkt ist, dass diese Häuser in der Regel dann mit der Zeit verfallen. Sie sind ein Symptom von Wanderungsbewegungen, auch von einer gewissen Unattraktivität des ländlichen Raums für viele Leute.“

Ein Leerstandsproblem wie in Japan kommt auch auf das alternde Europa zu. Eine Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kam 2022 zum Ergebnis, dass in einigen EU-Ländern – wie Spanien, Portugal oder Ungarn – schon heute mehr als jedes zehnte Wohnhaus leer steht. Für Europa bietet Japan Polak-Rottman zufolge insofern auch einen Blick in die eigene Zukunft.

Aber es mangelt nicht an Versuchen, schrumpfende Orte anzupreisen, den Wegzug junger Menschen durch den Zuzug von außerhalb aufzufangen. So auch im von Bergen umgebenen Chizu. Im kleinen Rathaus, gegenüber vom Bahnhof, ist Keisuke Teratani für Bevölkerungsfragen zuständig: „Gegen den Rückgang haben wir eine Strategie“, betont der 31-Jährige, deutet auf einen Zettelstapel vor sich. „Wer hier ein leer stehendes Haus kauft, erhält von der Stadt und der Präfektur bis zu eine Million Yen Subvention.“ Das entspricht etwa 6000 Euro. Für eine Renovierung gebe es weitere Fördergelder.

„Die Stadt unterhält auch ein paar leere Häuser zum Probewohnen“, berichtet Teratani sichtlich stolz. „Das richtet sich an Personen, die für längere Zeit in den Ort kommen und vielleicht herziehen wollen.“ Die Häuser könne man dann günstig mieten. „Dieses Jahr haben sich zehn Menschen für das Programm angemeldet, und immerhin zwei sind zu uns gezogen.“ Für einen so kleinen Ort ist schon dies ein Erfolg.

Dennoch: Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist hier heute 65 Jahre oder älter. Nach dem Schulabschluss zieht es den Nachwuchs oft in die nächsten größeren Städte: Osaka, Hiroshima oder, weiter im Osten, Tokio. Dieser landesweite Trend hat eine Entwicklung in Gang gesetzt, die für kleine Ortschaften Richtung Verfall deutet, gibt auch Teratani zu: „Vor zwei Monaten hat der Supermarkt hier um die Ecke dichtgemacht. Von den sechs Schulen, die es mal gab, ist noch eine übrig.“

Was Keisuke Teratani in seinem Heimatort, der bis ins 19. Jahrhundert als wichtiger Lieferant für Holz fungierte, besonders Sorgen macht: „In meiner Kindheit hatten wir hier im Stadtzentrum immer Sommerfeste. Die gibt es jetzt auch kaum noch. Es mangelt ja an Kindern.“ Und den Bus müsse man heute im Voraus rufen, damit er durch den Ort fährt. Aber die Wiederbelebung des Ortes hat sich nicht nur die Lokalregierung zum Ziel gesetzt.

Das Städtchen Chizu soll eine Art großes Erlebnishotel werden

Einige Bewohner haben sie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. So zum Beispiel die Watanabes mit ihren vier umgestalteten Wohnhäusern. Itaru Watanabe spricht immer wieder von „machidzukuri“ – dem „Ortschaft machen“: „Wir alle hier müssen uns beteiligen, damit der Ort lebhaft bleibt, oder wird.“

Die Chance dabei ist Gestaltungshoheit, fügt Itaru Watanabes Frau Mariko hinzu, führt durch ihr Restaurant, das Jahrzehnte zuvor mal eine Weberei war. „Anwohner haben auch einen Waldkindergarten gegründet, wo die Kinder in der Natur spielen können.“ Ein von Mariko Watanabe gegründeter Rat formulierte zudem die Strategie, Chizu zu einer Art großem Erlebnishotel zu machen: Mit Herbergen hier und da, Restaurants mit frischen Speisen, ortstypischen Souvenirs.

In einem der neuen Restaurants, es heißt Tanoshi, isst zur Mittagszeit der Rentner Masahito Miki aus Tokio, der für zwei Wochen in einem der leer stehenden Häuser zur Probe wohnt. Begleitet wird er von einer Stadtoffiziellen, die ihn durch den Ort führt. Könnte in Miki ein künftiger Einwohner von Chizu stecken?

Eine kleine Insel in Japan setzt auf Mangas

Der Rentner lächelt etwas betreten, er möge den Ort ja. „Von der Möglichkeit, eine Weile in Chizu zu wohnen und einen Teil der Miete auch noch subventioniert zu kriegen, habe ich in der Zeitung erfahren“, erklärt er. „Ich gehe hier jetzt viel Wandern, die Gegend ist wunderschön.“ Herziehen werde er aber eher nicht. „Dass es kaum Einkaufsmöglichkeiten gibt, macht das Leben hier etwas schwierig.“

Auch andere Kommunen in Japan, wo die Herausforderungen ähnliche sind, machen zumindest mit originellen Ideen Schlagzeilen. Die Tokioter Metropolregierung unterhält eine Hotline für Einwohnerinnen und Einwohner, die vor dem Erbe einer Immobilie stehen – und berät Anrufende zu Renovierungs- oder Verkaufsoptionen.

Ein anderer Ort wurde von Medien zuletzt „Mangainsel“ getauft: Auf der Insel Takaikamishima, wo von einst rund 300 Menschen heute noch elf übrig sind, ließen die Einwohner leer stehende Häuser mit Mangamotiven bemalen – sodass Touristen kommen, um Fotos zu machen. Einige besuchen zudem die blockweise angebotenen Manga-Zeichenkurse im einstigen Schulgebäude. Anderswo bieten Plattformen die „akiya“ Ausländern zum Verkauf an.

Doch auch solche Initiativen werden den Trend des Schrumpfens nicht aufhalten, glaubt Itaru Watanabe. Aber sie könnten Orte so lebenswert gestalten wie nur möglich: „Mir gefällt es in Chizu heute besser als in Tokio“, sagt er, streichelt einen der Braukessel. Zu den schönen Dingen hier gehörten auch die kurzen fußläufigen Entfernungen, die Ruhe und die frischen Essenszutaten, wie Gemüse vom Feld, so Watanabe.

Am Abend haben sich im Restaurant Tanoshi ein paar Nahtouristen mit Bewohnerinnen zusammengefunden. Sie trinken Talmary-Bier, reden über die Regierung, den schrumpfenden Ort, die Baseballergebnisse. Sie sind sich einig, dass Chizu weiter schrumpfen wird, wie so viele Orte in Japan. Aber dass hier, auch dank dem „Ortschaftmachen“, zumindest nicht nur Verfall herrscht.

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