Vor der Stuttgart-Premiere des Musicals „Abenteuerland“ bekennt sich Pur-Sänger Hartmut Engler zum Eskapismus. Mischt er sich aber trotzdem bald in Bietigheims Kommunalpolitik ein?
Wenn im Februar das Musical „Abenteuerland“ für mehrere Wochen in Stuttgart Station macht, ist das für viele Pur-Fans ein Wiedersehen mit vertrauten Liedern. Für Hartmut Engler ist es ein Heimspiel – auch wenn der 64-Jährige mit seiner Band aus Bietigheim-Bissingen gar nicht selbst auf der Bühne stehen wird. Im Interview spricht er über Sehnsucht als Überlebensstrategie, über seine wachsende Skepsis gegenüber der Weltlage und die große Bedeutung von Engagement auf kommunalpolitischer Ebene.
Herr Engler, das Musical „Abenteuerland“ mit Pur-Hits wie „Lena“, „Funkelperlenaugen“ oder „Hör gut zu“ kommt nach Stuttgart. Ist das für Sie etwas Besonders?
Absolut. Ich wohne ja in Bietigheim-Bissingen, das ist eine halbe Stunde mit dem Auto. Ich weiß schon, wo man hinter dem Theaterhaus parken kann – und meine Plätze im Theatersaal habe ich mir gedanklich auch schon eingerichtet. Insofern: Ja, das ist ein Heimspiel.
Ein Gastspiel direkt in Bietigheim wäre nicht noch besser gewesen?
Bietigheim ist sehr sportaffin, aber was größere Konzerthallen oder Theater angeht, ist das Angebot begrenzt. Das Theaterhaus in Stuttgart dagegen ist eine tolle Location: ein bisschen rockig, leicht abgewetzt, nicht so ehrfürchtig wie etwa das Deutsche Theater in München, in dem wir die Tourpremiere gefeiert haben. Das hat eine sehr gemütliche, freundliche Atmosphäre – ich glaube, das passt gut zu diesem Stück.
In München sind Sie am Ende der Premiere kurz auf die Bühne gekommen. Wird das auch in Stuttgart so sein? Und singen Sie vielleicht dann selbst bei der Zugabe mit?
Solche Anfragen gibt es tatsächlich öfter. In München habe ich mich jetzt zwar breitschlagen lassen und bin am Schluss kurz auf die Bühne gegangen. Aber grundsätzlich finde ich: Der Applaus gehört dem Ensemble. Wir haben 40 Jahre mit unserer Musik zu tun gehabt – hier aber stehen andere Menschen auf der Bühne, die diese Songs interpretieren und neu zum Leben erwecken. Wenn man mich noch einmal nötigt, dann komme ich vielleicht kurz raus, halte die Nase nach vorn und winke ins Rund. Aber mehr muss es nicht sein.
„Abenteuerland“, der Song, dem das Musical seinen Titel verdankt, handelt von Sehnsucht, vom Wegträumen. Hat sich Ihre Sicht darauf verändert? Ist das heute eher Flucht vor der Realität – oder eine Hilfe, mit ihr umzugehen?
Da hat sich tatsächlich etwas verschoben. Als der Song entstanden ist, ging es stark um Fantasie, Kreativität, ums Entdecken – um dieses innere Abenteuerland. Das war damals der Kern. Heute gestehe ich mir selbst und auch anderen zu, das Stück stärker als Eskapismus zu sehen. Sich einfach mal ins Abenteuerland abzusetzen von der Nachrichtenwelt, so wie sie sich im Moment darstellt. Ich finde: Diese Zeiten brauchen auch ein bisschen Eskapismus.
Macht Ihnen das, was in der Welt gerade so geschieht, große Sorgen?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich meine Nachrichten-Dosis deutlich reduziert. Ich versuche, informiert zu bleiben, aber ohne das alles so tief in mein Privatleben reinzulassen wie früher. Vielleicht ist das auch eine Altersfrage. Ich bin jetzt in einem Lebensabschnitt, in dem ich denke: Man darf sich auch ein bisschen raushalten – und andere Generationen müssen Dinge richten.
Bleiben Sie trotzdem zuversichtlich?
Hoffnung auszustrahlen ist im Moment schwierig, wenn man es ernst meint. Ich bin schon auch voller Zweifel. Wenn man sieht, wie sich die weltpolitische Lage entwickelt, dann ist das schlicht beängstigend. Natürlich wünscht man sich eine Wende zum Besseren – zum Beispiel wenn in den Vereinigten Staaten neu gewählt wird oder wenn der ein oder andere Diktator auf natürliche Weise ablebt.
Viele Ihrer Songs handeln von Gemeinschaft, Verantwortung, Zusammenhalt. Sind diese Botschaften heute wichtiger denn je?
Das mag sein. Das eigentliche Problem ist nur: Die Leute, die wirklich an der Macht sind, interessieren sich oft nicht mehr für solche Werte. Im Kleinen aber ist unglaublich viel möglich. Wenn ich mir vorstelle, ich könnte wirklich etwas bewegen, dann wäre das heute eher auf kommunalpolitischer Ebene. Da sieht man noch Wirkung, da spürt man Verantwortung. Je weiter man nach oben kommt, desto größer wird oft das Gefühl von Machtlosigkeit.
Ihre Musik transportiert trotzdem die Idee, das alles geht, wenn man es nur will.
Ja, und das ist auch gut so. Mehr kann Musik vielleicht manchmal gar nicht leisten: Gedankenräume öffnen, Gemeinschaft spürbar machen. Alles Weitere liegt dann bei den Menschen selbst.
Pur, Hartmut Engler und „Abenteuerland“
Band
Roland Bless und Ingo Reidl gründeten als Gymnasiasten im Jahr 1975 in Bietigheim-Bissingen die Band, die erst Crusade, dann Opus und seit 1985 Pur heißt. Hartmut Engler ist seit 1976 Sänger und Texter der Band. Das Album „Abenteuerland“ erschien im Jahr 1995 und war das erste Nummer-eins-Album von Pur. Es hat sich über zwei Millionen Mal verkauft und wurde mit vierfachem Platin-Status ausgezeichnet. Danach hat es fast jedes Album der Band auf Platz eins der deutschen Charts geschafft. Am 18. Dezember treten Pur im Rahmen ihrer Arena Tour 2026 in der Stuttgarter Schleyerhalle auf. Tickets gibt es hier.
Musical
„Abenteuerland“ erzählt entlang von 30 Hits der Band Pur eine Familiengeschichte. Das Musical, das Martin Flohr geschrieben und produziert hat, feierte im Oktober 2023 im Düsseldorfer Capitol Premiere und lief dort 17 Monate lang. Am 7. Januar hat „Abenteuerland“ in einer veränderten Fassung Tourpremiere in München gefeiert. Vom 11. Februar bis zum 22. März gastiert das Musical im Theaterhaus in Stuttgart. Ticket gibt es hier. Weitere Stationen sind Basel, Dortmund, Oberhausen und Hannover.