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Erst das Gas, dann die Chips: Russlands Mega-Projekte geraten ins Stocken. Partner fehlen, Verträge hängen. Die Gründe sind vielschichtig.

Jekaterinburg – Die russische Technologiebranche sieht sich mit Schwierigkeiten konfrontiert: Die geplante Inbetriebnahme der Mikrochip-Fabrik Karat in Jekaterinburg wurde um mindestens ein Jahr verschoben. Statt Ende 2026 soll das Werk nun erst Ende 2027 den Betrieb aufnehmen, wie Andrei Misyura, Chef der Entwicklungsgesellschaft der Region Swerdlowsk, mitteilte. Das Projekt gilt als Schlüsselvorhaben für Russlands technologische Unabhängigkeit.

Als Grund für die Verzögerung nannte Misyura die mangelnde Bereitschaft des Industriepartners, des Uraler Konstruktionsbüros Detal, das Projekt umzusetzen. Bislang existiert laut der oppositionellen Moscow Times lediglich ein Grundstück mit verlegten Versorgungsleitungen – mit dem eigentlichen Bau wurde noch nicht begonnen. Die Entwicklungsgesellschaft plant erst Ende Januar die Ausschreibung eines Auftrags zur Planung der Anlage und zum Baubeginn.

Massive Investitionen für technologische Aufholjagd: Partnerproblem verzögert strategisches Vorhaben

Das Werk sollte ursprünglich Russlands gesamten Bedarf an analogen Mikrochips decken. Deratige Komponenten sind unverzichtbar für Radarsysteme, Router, medizinische Scanner sowie militärische Anwendungen wie Raketen, Satelliten, Laser und 5G-Kommunikationssysteme. Die geplante Kapazität liegt bei bis zu 2.000 Wafern pro Jahr, während die russische Industrie laut Misyura derzeit einen Bedarf von 10.000 Wafern hat und nur zu zehn Prozent mit heimischen analogen Chips versorgt wird.

Die Investitionen für das Karat-Werk werden auf 12,6 Milliarden Rubel (umgerechnet 165 Millionen US-Dollar) beziffert. Die Anlage soll etwa 17.000 Quadratmeter im Technologiepark Kosmos einnehmen und rund 80 Mitarbeiter beschäftigen. Geplant ist ein vollständiger Produktionszyklus – von Kristallzüchtung und Schneiden bis zu Tests und Chip-Verpackung. Zudem soll Karat als Auftragsfertiger arbeiten, sodass Unternehmen eigene Chip-Designs zur Produktion einreichen können. Misyura zeigte sich zuversichtlich, dass die Produkte des künftigen Werks „world-class“ sein würden. Er räumte jedoch ein, dass russische digitale Mikrochips derzeit bis zu 100-mal größer seien als modernste internationale Äquivalente. Bei analogen Chips hingegen könne Russland Produkte auf vergleichbarem Niveau herstellen. Die Entwicklungsgesellschaft erwartet, dass sich die Investition innerhalb von drei Jahren nach Betriebsaufnahme amortisiert.

 A microchip at the production of medical equipment of the Neurosoft companyAnaloge Mikrochips werden in Raketen, Satelliten und medizinischen Geräten eingesetzt – Russland deckt bisher nur zehn Prozent des Eigenbedarfs. © IMAGO / ITAR-TASS / Vladimir SmirnovGrößerer Kontext: Russlands Mikroelektronik-Offensive

Die Verzögerung fügt sich in ein Muster stockender Infrastrukturprojekte ein. Im Rahmen des Mikroelektronik-Entwicklungsplans plant die russische Regierung die Gründung einer Megacorporation namens United Microelectronics Company (OMK). Bis 2030 sollen dafür eine Billion Rubel bereitgestellt werden, davon 750 Milliarden aus dem Bundeshaushalt. Doch der Chipsektor ist nicht der einzige Bereich mit Verzögerungen: Auch das strategisch wichtige Gaspipeline-Projekt Power of Siberia 2 nach China kommt nur schleppend voran. Gazprom-Chef Alexei Miller hatte im September 2025 ein „rechtlich bindendes“ Memorandum zum Bau der Pipeline verkündet. Doch wie die Nachrichtenagentur Reuters im Oktober 2025 berichtete, konnten sich Moskau und Peking nicht auf Gaspreise, Investitionsbedingungen oder Lieferzeitpläne einigen.

Selbst wenn ein Vertrag 2026 finalisiert würde, würde der Bau laut zwei von Reuters zitierten Industriequellen mindestens fünf Jahre dauern, weitere fünf Jahre wären nötig, um volle Kapazität zu erreichen. Eine Quelle erklärte, Gazprom erwarte nicht, dass die Pipeline vor 2034-35 die Hälfte ihrer Kapazität erreiche – vorausgesetzt, die Gaslieferungen beginnen 2031.

Schatten aus Stahl an der Front: Panzer gestern, heute und morgenEin US-Kampfpanzer M1 Abrams fährt während eines Trainingstages bei der Übung Africa Lion 2012 einen Feldweg hinunter. (Archivbild)Fotostrecke ansehenPreisdruck im China-Geschäft: Power of Siberia 2 als Russlands neue Wirtschaftsader?

Power of Siberia 2 soll nach Fertigstellung bis zu 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr nach China liefern. Dies würde die derzeitigen 38 Milliarden Kubikmeter durch Power of Siberia 1 ergänzen. Energieanalyst Sergei Vakulenko schätzte in einem Artikel für Carnegie Politika, dass Power of Siberia 2 jährliche Einnahmen zwischen 2,5 und 4,3 Milliarden US-Dollar bringen könnte. „Das ist weit entfernt von den 20 Milliarden US-Dollar jährlicher Einnahmen, die durch den Gashandel mit Europa verloren gingen, aber immer noch ein bedeutender Betrag“, so Vakulenko. Die EU hatte erst Ende Januar 2026 seine Sanktionen in Form von einem Importverbots russichen Gas nach Europa noch einmal verschärft.

Die Verkäufe nach China decken derzeit nur etwa ein Fünftel der früheren europäischen Exporte ab, die seit der Invasion der Ukraine um das Zwölffache eingebrochen sind. Beide Projekte – die Mikrochip-Fabrik und die Gaspipeline – verdeutlichen die Schwierigkeiten Russlands bei der Umsetzung strategischer Infrastrukturvorhaben. Während die technologische Souveränität im Chipsektor angesichts internationaler Sanktionen zunehmend wichtiger wird, bleibt die Reorientierung der Energieexporte nach Asien ein langwieriger Prozess mit erheblichen finanziellen Einbußen gegenüber dem früheren Europageschäft. (ls)