Timo Werner bei seinem letzten Einsatz für RB Leipzig

Stand: 29.01.2026 22:15 Uhr

Von Timo Werner sahen seine Gegenspieler oft nur die Hacken. Er schoss in der Bundesliga viele Tore, es hätten noch mehr Tore sein können. In Leipzig saß er zuletzt meist nur auf der Tribüne. Nun wechselt er in die USA. Über einen, der in Erinnerung bleiben wird, auch wegen einer Schwalbe.

In einer anderen Zeit, als Thomas Tuchel noch Vereinstrainer war und Timo Werner deutscher Nationalspieler, hat Tuchel einmal beobachtet, wie nach einem Mannschaftstraining des FC Chelsea nacheinander alle Spieler den Platz verließen, sie alberten herum oder eilten unter die Dusche. Zurück blieb Werner, der Torjäger, bei dem das Toreschießen mitunter mühelos wirkte, nicht selten aber ganz schön kompliziert. Er wollte Torschüsse üben.

Tuchel hat die Geschichte in diesen Tagen im Frühjahr 2021 manchmal erzählt. Man weiß deshalb, dass Tuchel Werner, der zuvor oft nicht getroffen hatte, am Torschusstraining hinderte. Dass er ihn in ein Gespräch verwickelte, um ihm Mut zu machen. Tuchel sagte: „Ich habe ihm gesagt: Das brauchst du nicht. Dein Körper und dein Hirn wissen, wie man Tore schießt. Du machst das, seit du sechs Jahre alt bist. Keine Sorge, das wird schon.“

Es war die erste Saison von Timo Werner beim FC Chelsea, sie endete mit dem Champions-League-Titel. Anschließend schwärmten sie bei den „Blues“ von Antonio Rüdiger, der die Abwehr zusammenhielt. Von N’Golo Kanté, der das Mittelfeld beherrschte. Und von Kai Havertz, der das Siegtor erzielte. Über Werner sprach kaum einer.

Werner im Champions-League-Finale? Ziemlich lange her

Bald wird all das ein halbes Jahrzehnt zurückliegen. Tuchel trainiert heute Englands Nationalmannschaft, er soll im Sommer Weltmeister werden. Kai Havertz könnte mit dem FC Arsenal Meister werden, auch der Titel in der Champions League ist nicht unrealistisch. Und Werner? Er hat einen neuen Verein, immerhin: Er verlässt RB Leipzig, jenen Klub, bei dem er seine beste Zeit hatte, bei dem er zuletzt aber kaum noch spielen durfte: Drei Bundesligaeinsätze in der Hinrunde, verteilt auf 13 Minuten.

Werner, 29, hat für Leipzig und Stuttgart 260 Bundesligaspiele absolviert und 102 Tore erzielt, das letzte vor bald zweieinhalb Jahren. Nun verlässt Werner Leipzig und die Bundesliga. Sein neuer Klub: die San Jose Earthquakes in der Major League Soccer (MLS).

Timo Werner – Torjäger ohne Lobby

Timo Werner in der MLS – das ist ein Gedanke, an den man sich gewöhnen muss. Sein neuer Klub nannte den Wechsel direkt mal „historisch“. San Jose teilte außerdem mit, dass die nächsten 100 Fans, die eine Dauerkarte kaufen, ein Trikot mit dem Flock des Neuen aus Deutschland erhalten werden.

An der Küste Kaliforniens, bei einem Klub, der nur in Ausnahmefällen um Titel spielt, ist Werner noch vor seinem ersten Spiel das, was er für manchen Experten einst auch für den deutschen Fußball war: ein Hoffnungsträger.

Die Karriere von Timo Werner in Zahlen

Saison
Verein
Pflichtspiele/Tore
2013/14

VfB Stuttgart

34/4

2014/15

VfB Stuttgart

33/3

2015/16

VfB Stuttgart

36/7

2016/17

RB Leipzig

32/21

2017/18

RB Leipzig

45/21

2018/19

RB Leipzig

37/23

2019/20

RB Leipzig

45/34

2020/21

FC Chelsea

52/12

2021/22

FC Chelsea

37/11

2022/23

RB Leipzig

40/16

2023/24

RB Leipzig/Tottenham

28/4

2024/25

Tottenham

27/1

2025/26

RB Leipzig

3/0

Es gab, kurze Erinnerung, eine Zeit, in der gehörte Werner zu den besseren Angreifern in Deutschland, der Mittelstürmernation, der es an Mittelstürmern von Format mangelte. Auch deshalb war Werner lange gesetzt in der deutschen Nationalmannschaft, für die er zwischen 2017 und 2023 57 Länderspiele absolvierte. Er erzielte 24 Tore, oft lief er seinen Gegenspielern einfach davon. Sie sahen von ihm nur die Hacken. Es hätten nur mehr Tore werden können. Werner vergab mitunter auch beste Möglichkeiten.

Eine Schwalbe mit Folgen

Zur Beliebheit von Timo Werner trug seine Chancenverwertung eher nicht bei – wobei er die meisten Spiele für Leipzig machte, einen Verein, dem viele gerne beim Scheitern zuschauen. Es lag aber nicht an seiner Chancenverwertung, dass Werner in Deutschlands Stadien oft ausgepfiffen wurde. Das lag an einer Szene, die bei einem Spiel seines Klubs RB Leipzig im Dezember 2016 zu beobachten war. Im Strafraum des Gegners Schalke 04 ging Werner zu Boden, es war eine klare Schwalbe, die Schiedsrichter Bastian Dankert übersah. Als Dankert Werner auf die Szene ansprach, betonte der seine Unschuld. Erst später gab er die Schwalbe zu.

Die Szene verfolgt Werner bis heute, die Pfiffe und der Spott. Einmal, es war gerade ein halbes Jahr seit jenem Spiel gegen Schalke vergangen, hat Werner in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ gesagt, er könne nicht verstehen, warum ihm die Schwalbe immer noch vorgehalten werde. Schließlich habe er sein Fehlverhalten doch später zugegeben. Er könne, sagte Werner, „nichts machen, außer Leistung zu bringen. Darauf konzentriere ich mich.“

Und Werner hat Leistung gebracht, lange zumindest. Doch der Höhepunkt seiner Karriere, der Champions-League-Titel mit Chelsea, war auch ein Wendepunkt. Er blieb noch ein Jahr in London, aber traf selten. Dann kehrte er zurück nach Leipzig, wo er zunächst gesetzt war, später aber aussortiert wurde. Es folgte eine erfolglose Leihstation bei Tottenham, und im Sommer die Rückkehr nach Leipzig.

Die Schnelligkeit von Timo Werner war da schon lange kein Thema mehr, auch seine Tore nicht. Nicht mal die vergebenen Torchancen. Wenn in den vergangenen Monaten über ihn berichtet wurde, ging es meist um sein Gehalt, das hoch sein soll, und seinen sportlichen Stellenwert, der dazu nicht passte. Nun hat sich Werner aus der Bundesliga verabschiedet, vorerst zumindest. Es ist ein Abschied durch die Hintertür.