Im Gegensatz zum Kreißsaal oben im Marienstift in Braunschweig ist es hier unten ganz leise. Unten, damit ist das Babykörbchen gemeint. Schon lange hat keine Mutter mehr ihr kleines Baby hier an diesem kargen Ort in Braunschweig abgelegt.
Wir sprechen mit Ursula Nitsche-Gloy über das hochsensible Thema. Sie ist Chefärztin der Frauenklinik Eben-Ezer am Marienstift.
Braunschweig: Ein letzter Brief fürs Baby
Zunächst ein paar offizielle Zahlen: Das Babykörbchen in Braunschweig gibt es seit dem Jahr 2001. Es war damals eines der ersten in Niedersachsen. Seitdem wurden hier 16 Babys abgelegt. Zuletzt im Jahr 2023. Alle Babys haben überlebt. Es gab einmal den Fall, dass eine Mutter ihr Kind wiederhaben wollte – und das hat dann auch geklappt.
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Das neue Körbchen befindet sich seit dem Marienstift-Neubau gegenüber des Bethanien-Pflegezentrums. Etwas unterhalb – und etwas einsehbarer als das alte Körbchen. Seit dem Umzug wurde hier noch kein Kind abgegeben. In dem Körbchen gibt es neben dem Bettchen noch ein Infoblatt für die Mamas. Hier wird erklärt, was mit dem Baby passiert, dass es ihm gut gehen wird – und welche Rechte die Mütter haben. Etwa, dass sie acht Wochen Zeit hätten, um sich zu melden – falls sie ihr Kind doch haben möchten.
Das Marienstift-Team hat das Babykörbchen die ganze Zeit im Blick. Neben einem Monitor gibt es auch einen Alarm. Foto: News38
Außerdem liegt ein Stempelkissen parat. Falls Mütter einen Fußabdruck ihres Babys machen wollen. Oder einen Fingerabdruck da lassen. Manche Mütter hätten auch Briefe hinterlassen mit den Namen, die sie ihren Babys gegeben hatten. Oder mit Wünschen, was man dem Kind einmal sagen soll, wenn es groß ist. Auch Spielzeug habe schon bei den Babys gelegen.
„Das Angebot fördert die Nachfrage“
Das Babykörbchen am Marienstift ist das einzige seiner Art weit und breit. Ganz bewusst, sagt Nitsche-Gloy im News38-Gespräch. „Ein Babykörbchen ist für eine Stadt wie Braunschweig ausreichend. Es ist statistisch belegt, dass bei mehr Körbchen auch mehr Kinder abgegeben werden. Mehr Körbchen erhöhen also die Nutzung dieses Angebotes.“ Daher seien Babykörbchen auch nicht ganz unumstritten, sagt die Chefärztin. „Es bietet aber Müttern in Notsituationen eine Möglichkeit, ihr Kind sicher und anonym abzugeben.“ Das Babykörbchen in Braunschweig heiße ganz bewusst auch nicht Babyklappe – „die Mütter werfen ihr Kind schließlich nicht in eine Klappe, sondern legen es in der Klappe in ein vorgewärmtes Körbchen.“
So sieht das neue Babykörbchen in Braunschweig aus. Foto: News38
Nitsche-Gloy betont auch immer wieder, dass die betroffenen Frauen immer in absoluten Notlagen und verzweifelt sind. Niemand „entscheide sich leichtfertig dafür“, sein Baby abzugeben. Oft steckten Ängste dahinter, zum Beispiel vor dem gewalttätigen Mann und Vater. Oder auch Vergewaltigungen. Regelmäßig gebe es auch Fälle, in denen eine Frau ihrem Partner eine Schwangerschaft verheimlicht und es dann quasi allein zur Welt bringt. Immer seien es Grenz- und Ausnahmesituationen.
Adoptionsvermittlungsstelle kümmert sich
Auch sie selbst sei schon bei Baby-Abgaben dabei gewesen. Wenn so ein seltener Fall eintrete, gehe alles ganz schnell: Dann klingle es bei den Mitarbeitern auf der Station entsprechend. Außerdem gebe es einen Monitor, in dem man das warme Babybettchen sieht – aber nicht das Gesicht der abgebenden Mutter. „Wenn wir das Kind sehen, stellen wir den Alarm ab und nehmen es sozusagen in Empfang. Wir wärmen das Baby und untersuchen es.“ Dann werde auch schon das Jugendamt kontaktiert, das sich dann um eine unmittelbare Vermittlung kümmere. Das Baby komme also direkt – sofern es gesund ist – in eine Pflegefamilie.
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Anstatt sein Baby ins Babykörbchen zu legen, gibt es für verzweifelte Mütter auch in der Region Braunschweig mehrere Angebote, die weitaus sicherer sind. Das Marienstift-Team bietet zum Beispiel vertrauliche und anonyme Geburten an. Bei der vertraulichen Geburt wird der Name der Mutter in einer Beratungsstelle in einem versiegelten Umschlag hinterlegt. Hier hat das Kind dann nach 16 Jahren die Chance zu erfahren, wer seine leibliche Mutter ist. Rund um die Uhr und komplett anonym kannst du dir auch immer telefonisch Hilfe holen – das bundesweite Hilfetelefon „Schwangere in Not“ erreichst du unter der Nummer 0800/4040020.