Für DJs und Musikproduzent:innen auf der ganzen Welt ist es ein Schock: Das legendäre Musiktechnologieunternehmen Native Instruments aus Berlin ist insolvent. Native Instruments verkauft Hard- und Software, vor allem sogenannte Plug-ins, mit denen sich Musik über digitale Instrumente erzeugen lässt. Zudem vertreibt die Firma Technik, mit der DJs Songs ineinander mischen können.
Von der drohenden Pleite sind geschätzt 350 Mitarbeitende betroffen. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter hat das Amtsgericht Charlottenburg den Rechtsanwalt Torsten Martini bestellt. Weder er noch das Unternehmen haben auf Anfragen des Tagesspiegels reagiert. In der internationale DJ-Szene wird nun gemutmaßt, einzelne Sparten könnten an Wettbewerber verkauft werden.
Techno-Hauptstadt Berlin
Die Geschichte von Native Instruments ist eng mit dem Aufstieg Berlins zur internationalen Techno-Hauptstadt verbunden. Das Unternehmen wurde 1996 in Kreuzberg gegründet. Gründer Stephan Schmitt entwickelte damals den ersten modularen Software-Synthesizer, eine Art digitaler Zwilling analoger Synthesizer. Musiker:innen konnten sich am PC erstmals eigene Instrumente bauen.
Die früheren Chefs von Native Instruments, Daniel Haver (rechts) und Mate Galic. (Archivfoto)
© Tagesspiegel/Mike Wolff
Viele Künstler:innen haben mit der Technik von Native Instruments ganze Studios errichtet. Werkzeuge wie die Sample-Software „Kontakt“ gehörten zur Grundausstattung. Ein legendäres Produkt ist die Synthesizer-Steuerung „Reaktor“ – unter anderem genutzt von Depeche Mode. Auch die DJ-Software „Traktor“ war Anfang der 2000er eine kleine Revolution. Sie ermöglicht es DJs, Musik am Computer live zu mischen, als würden sie Schallplatten auflegen. „Traktor“ nutzt etwa der Frankfurter Techno-DJ Chris Liebing.
Die Auflege-Software „Traktor“ funktioniert mit DJ-Decks und einem Notebook.
© Native Instruments
Was bedeutet ein vorläufiges Insolvenzverfahren? Zunächst nicht mehr, als dass sich eine Firma große Probleme eingesteht. Der Betrieb läuft erst einmal weiter. Die Musikerin Anna Z aus Berlin hat trotzdem ein mulmiges Gefühl. „Ich war schockiert, als ich von der Insolvenz erfahren habe. Ohne die Produkte könnte ich viele Dinge nicht machen. Die Firma muss unbedingt gerettet werden.“ Anna Z legt in bekannten Clubs wie dem RSO in Schöneweide auf und veröffentlicht regelmäßig Songs beim Label Spandau20.
Sorge bereitet der Künstlerin, dass Native Instruments bei einer Pleite den Kundensupport einstellen oder keine Updates mehr bereitstellen könnte. Dann würden viele Dateien unbrauchbar. „Ich kann nicht einfach zu einem anderen Hersteller wechseln.“
2021 von Private-Equity-Firma übernommen
Beobachter:innen zufolge haben sich die Probleme bei Native Instruments seit Längerem abgezeichnet. 2019 hatte die Firma im Rahmen einer Umstrukturierung 100 Beschäftigte entlassen, vor allem am Hauptstandort Berlin. 2020 traten mehrere Manager:innen zurück. Im Jahr darauf übernahm die US-amerikanische Private-Equity-Gesellschaft Francisco Partners die Mehrheitsbeteiligung.
Anschließend setzte das Unternehmen auf Zukäufe und änderte für kurze Zeit sogar seinen Markennamen. Doch der große Wurf, für den Native Instruments Anfang der 2000er Jahre in der elektronischen Musikszene bekannt war, blieb aus. Stattdessen, heißt es, habe die Firma mit Updates nur kosmetische Anpassungen an ihren Produkten vorgenommen. Die Konkurrenz sei davongeeilt.
Martin Eyerer legt jeden Sonntag beim Online-Radio Sunshine Live die elektronischen Genres Tech House und Minimal auf.
© Shirin Moaiyeri
Das meint auch Martin Eyerer, Musiker und Mitgründer der Berliner Riverside Studios: „In den vergangenen zehn Jahren hat Native Instruments immer weniger Innovationen herausgebracht. Wenn ich mir ein neues Update eines Plug-ins gekauft habe, war da früher immer etwas Neues dabei. Irgendwann habe ich gemerkt, ich brauche das Update nicht mehr, da ist nur die Farbe anders.“
Eyerer beobachtet einen radikalen Wandel in der Musikindustrie. Künstliche Intelligenz (KI) setze Firmen wie Native Instruments unter großen Druck. Hatte die Firma die analogen Synthesizer einst verdrängt, sei es jetzt KI, die das Gleiche mit ihr tue. „Künstliche Intelligenz kann heute Samples, also einzelne Sounds für ein Musikstück, mit dem gleichen Ergebnis erzeugen wie ein Plug-in.“
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Das würden bald auch andere Musikunternehmen wie Ableton, ebenfalls eine wichtige Berliner Firma, zu spüren bekommen, da ist sich Eyerer sicher – wobei er Ableton diesen Wandel zutraut. Vielleicht wird es am Ende immer einen Markt für Liebhaber:innen geben, also Leute, die an Geräten schrauben wollen, statt nur mit KI zu „prompten“, sprich der Maschine Anweisungen zu erteilen.