Sie waren einmal große Politiker. Heute sind sie nur noch groß darin, Widerspruch hervorzurufen: Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine. Besonders durch ihre Haltung zu Russland. Die mag erklärbar sein aus ihrer Vergangenheit, aber nicht zu rechtfertigen aus der Gegenwart.

ist Editor-at-Large des Tagesspiegels.
Er sagt: Dass Merz seine Abkehr von der Staatsräson vorab nicht ausreichend erklärt hat, nährt Zweifel an ihm.

Stephan-Andreas Casdorff ist Editor-at-Large des Tagesspiegels. Er wünschte sich, Schröder und Lafontaine hätten ihren Ruf nicht dermaßen ramponiert.

Beide entstammen einer sozialdemokratischen Tradition, die von Ostpolitik, Entspannung und wirtschaftlicher Verflechtung geprägt ist. Was als Friedensstrategie gedacht war, wurde von ihnen bis zur Realitätsverweigerung verlängert.

Schröder warnt vor einer „Dämonisierung Russlands als ewiger Feind“ und wirbt trotz des von Putin entfesselten brutalsten Krieges in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg für eine neue Energiekooperation. Lafontaine behauptet just zum Holocaust-Gedenktag: „Russenhass ist ebenso verwerflich wie Antisemitismus.“ Er stellt sechs Millionen von Deutschen systematisch ermordete Juden auf eine Stufe mit 25 Millionen im Krieg getöteten Sowjetbürgern. Und nennt es den „Höhepunkt der moralischen Verwahrlosung der deutschen Politik, Israel Waffen zu liefern und dadurch den Völkermord an den Palästinensern zu unterstützen“.

Aus ,Wandel durch Handel’ wurde Blindheit durch Nähe.

Stephan-Andreas Casdorff über Gerhard Schröder

Immer neue Tiefpunkte. Die Reaktionen auf beide sind entsprechend. Sie reichen von „entsetzlich“ (Estlands Außenministerin über Schröder) bis „widerlich“ (der FDP-Vorsitzende über Lafontaine). Und es war bisher schon schlimm genug.

Nach seinem Ausscheiden als Kanzler schlug Schröders Nähe zu Putin in Abhängigkeit um. Posten bei Gazprom und Rosneft machten ihn faktisch zum Lobbyisten eines autoritären Regimes. Aus „Wandel durch Handel“ wurde Blindheit durch Nähe.

Schröder und Lafontaine, die Gesinnungsgenossen – mehr im Tagesspiegel „Können Sie diesen Mist beenden?“ Genervter Ex-Kanzler Schröder verteidigt Bau von Nord Stream 2 Wie viel Schröder steckt in Klingbeil? Der Reform-Zickzack des Vizekanzlers 35 Jahre Mauerfall Wie Lafontaine gegen die Ostdeutschen Stimmung machte

Lafontaine deutet Russlands Politik immer wieder als Reaktion auf westliche Provokation und Nato-Expansion. Er relativiert Putins Verantwortung und blendet das Großmachtstreben aus. Sein Antiamerikanismus verengt dazu den Blick so stark, dass autoritäre Gewalt geopolitisch geradezu verständlich erscheint.

Alte Männer auf Abwegen: Schröder und Lafontaine machen sich mit aller Macht klein. Sie waren mal groß. Lange her.