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Berlin – Deutschland steckt tief in der Wirtschaftskrise: kaum Wachstum, explodierende Sozialausgaben, eine Politik, die Reformen scheut. Statt über die großen strukturellen Probleme zu reden, streitet das Land über Teilzeit, Feiertage und die Frage, ob wir „mehr arbeiten“ müssen. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm (54) warnt: Der Staat steuert auf einen viel größeren Eisberg zu. Im Gespräch mit BILD-Vize Paul Ronzheimer sagt sie: „Schon 2029 haben wir gemäß der Finanzplanung der Bundesregierung eine Situation, wo die Sozialausgaben, die Verteidigungskosten und die Zinskosten eigentlich die gesamten Staatseinnahmen auffressen.“

Und das sei noch optimistisch gerechnet. Wegen des demografischen Wandels und neuer Rentenbeschlüsse dürften die Sozialausgaben weiter steigen. Gleichzeitig explodieren die Zinskosten durch neue Schulden und alte Kredite, die abgelöst werden müssen. Grimm mahnt deshalb: „Irgendwas muss man tun, um für zukünftige Generationen eine handhabbare fiskalische Situation zu schaffen.“

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Die wirtschaftliche Lage ist bereits jetzt dramatisch. Grimm sagt: „Wir haben jetzt die gleiche Wirtschaftsleistung wie 2018. Also es ist quasi nichts passiert. Für das letzte Jahr haben wir 0,2 Prozent Wirtschaftswachstum – kann man ja kaum Wachstum nennen.“ Für 2026 rechne die Bundesregierung zwar mit einem Prozent Wachstum, allerdings zum Teil nur deshalb, weil zwei Feiertage auf ein Wochenende fallen.

Arbeiten die Deutschen zu wenig?

Ein oft genannter Ausweg aus der Stagnation ist mehr Arbeit. Deutschland habe insgesamt ein zu geringes Arbeitsvolumen, betont Bundeskanzler Friedrich Merz immer wieder. Grimm bestätigt das grundsätzlich: „Da geht sicherlich mehr. Bei den Krankentagen zum Beispiel und bei den Urlaubs- und Feiertagen sind wir im internationalen Vergleich sehr, sehr weit oben. Da muss man aber eben an vielen Hebeln drehen.“

Wirtschaftsweise Veronika Grimm

Wirtschaftsweise Veronika Grimm

Foto: Britta Pedersen/dpa

Ein solcher Hebel ist die Teilzeitarbeit. Im Jahr 2024 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt rund 29 Prozent der Deutschen in Teilzeit – so viele wie nie zuvor. Der CDU-Wirtschaftsflügel will deshalb das gesetzliche Recht auf Teilzeit abschaffen: Künftig sollte Teilzeit nur noch mit besonderer Begründung erlaubt sein, etwa bei Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Der Vorstoß löste massive Kritik aus, auch aus der eigenen Partei. Der rheinland-pfälzische CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder (50) wetterte: der Vorstoß sei eine „Schnapsidee“.

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Für Veronika Grimm ist der Ansatz grundsätzlich richtig, aber nur ein Teil eines größeren Pakets. Sie sagt: „Ich glaube, es stimmt, dass wir uns wieder stärker auf Arbeit fokussieren müssen. Gleichzeitig gibt es viele Regelungen – etwa das Recht auf Teilzeit oder die elektronische Krankschreibung –, die dazu beitragen, dass wir vielleicht insgesamt etwas weniger leisten. Es haben sich auch andere Vorstellungen von Work-Life-Balance entwickelt. Aber angesichts der wirtschaftlich herausfordernden Lage braucht es einen Ruck, der durch das Land geht.“