Wsewolod Sewastjanow schaltet die Kamera seines Handys ein, Mantel und Mütze hat er noch an. Als er zu sprechen beginnt, dampft sein Atem in der kalten Luft. Das Thermometer in seiner Kyjiwer Wohnung zeigt gerade einmal plus zwei Grad. Draußen sind es an diesem Tag minus acht – immerhin. Wenige Tage zuvor hatte die Temperatur in der ukrainischen Hauptstadt noch bei minus 20 Grad gelegen.
Sewastjanow ist einer von Hunderttausenden Kyjiwern, die aufgrund massiver russischer Bombardierungen dauerhaft oder für viele Stunden pro Tag in Kälte leben. Zwar hat die Armee von Wladimir Putin auch früher schon gezielt die ukrainische Energieinfrastruktur angegriffen – doch so schlimm wie dieses Mal war es in den inzwischen fast vier Jahren Krieg noch nie.
„Unsere Wohnung ist kaum noch bewohnbar“, sagt Sewastjanow. Die Heizung sei seit einem besonders heftigen Angriff vor rund drei Wochen ausgefallen, erzählt er, Strom gebe es nur wenige Stunden am Tag. In den Leitungen friere das Wasser, die ersten Rohre des Hochhauses seien geplatzt. Wasser laufe an den Wänden des Hochhauses hinab.
In der vergangenen Woche schlug dann auch noch eine russische Drohne rund 100 Meter von seinem Haus entfernt ein. „Im Vergleich zu den Nachbarhäusern hatten wir noch Glück“, sagt er, nach etwas Positivem suchend. „Immerhin sind die Fenster heil geblieben.“
Weil in ihren Wohnungen zu kalt geworden ist, wärmen sich diese Menschen über Nacht in einem beheizten Zelt auf.
© AFP/Sergei Gapon
Doch auch Sewastjanows Galgenhumor kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage äußerst kritisch ist. Innerhalb eines Monats wurde Kyjiw viermal massiv von russischen Raketen und Drohnen attackiert. Nach einem jüngsten schweren Angriff am vergangenen Wochenende waren zeitweise rund 6000 Hoch- und Mehrfamilienhäuser ohne Heizung – das ist circa die Hälfte der Stadt. Bis heute konnte die Wärmeversorgung in mehreren Vierteln noch nicht wiederhergestellt werden.
Laut Bürgermeister Vitali Klitschko sind angesichts der großen Kälte seit Anfang Januar bereits 600.000 Menschen aus Kyjiw geflohen. Andere Beobachter gehen von etwas niedrigeren Zahlen aus. Inzwischen hat US-Präsident Donald Trump den russischen Präsidenten Wladimir Putin offenbar persönlich gebeten, die Angriffe eine Woche lang auszusetzen. Russland stimmte am Freitag offenbar der Bitte zu und stellte die Luftangriffe auf Kiew vorerst ein. Dies solle ein günstiges Umfeld für Friedensverhandlungen schaffen, teilte der Kreml laut Nachrichtenagentur Reuters mit.
Russlands Kälte-Terror – so viel steht jetzt schon fest – hat dennoch bisher eine neue Dimension erreicht. Und er birgt Gefahren, die weit über die aktuelle Notlage hinausreichen.
Energieversogung am Limit
Eigentlich sind die ukrainischen Energieunternehmen bekannt dafür, dass sie ihre Anlagen auch nach heftigem Beschuss schnell zumindest notdürftig reparieren und langfristige Massenstromausfälle wie nun in Kyjiw ausbleiben. Dieses Mal jedoch wurde ihnen zum Verhängnis, dass die russischen Angriffe so schnell aufeinanderfolgten.
Hinzu kommt der Frost, der in diesem Jahr in der Region Kyjiw besonders stark ist. Die eisigen Temperaturen werden zum stillen Verbündeten Putins: Sie erschweren Reparaturen erheblich und verlängern somit die Folgen jedes einzelnen Angriffs. Energieversorger und Notdienste arbeiten am Limit – und kommen doch nicht hinterher. Bei der Instandsetzung einer Heizungsanlage mussten kürzlich sogar Taucher eingesetzt werden, die in überfluteten Technikräumen im eiskalten Wasser arbeiteten.
Im aktuellen Zustand würde die vollständige Reparatur der Energieanlagen mehrere Monate dauern – aber auch das nur, wenn Russland auf weitere Angriffe verzichten würde.
Andrian Prokip, Energieexperte
Die Kombination aus extremer Kälte und wiederholten Angriffswellen bringe das ukrainische Energiesystem an seine Belastungsgrenze, warnte Maxym Timtschenko, Chef des größten privaten Energieunternehmens DTEK, vor einigen Tagen in der britischen Tageszeitung „Financial Times“: „Auf dem Spiel stehen nicht nur Strom und Wärme, sondern auch lebenswichtige Dienstleistungen wie Wasserversorgung und Abwasserentsorgung.“
Kyjiw Ende Januar: So dunkel war es in der ukrainischen Hauptstadt selten.
© AFP/Sergei Gapon
Der Energieexperte Andrijan Prokip sagt dem Tagesspiegel, von einem irreversiblen Kollaps könne zwar noch keine Rede sein. Doch mit jedem neuen Schaden würden die Reparaturarbeiten komplizierter. „Im aktuellen Zustand würde die vollständige Reparatur der Energieanlagen mehrere Monate dauern – aber auch das nur, wenn Russland auf weitere Angriffe verzichten würde“, sagt er. Tatsächlich habe sich die Lage inzwischen zu einem Teufelskreis entwickelt: Kaum beginne die Ukraine mit der Reparatur beschädigter Anlagen, folge der nächste Angriff.

Andrian Prokip ist Wirtschaftswissenschaftler und Leiter der Energieprogramme am Ukrainischen Institut für Zukunftsforschung.
Hinzu komme ein weiterer Faktor, sagt Prokip: Erstmals seit mehr als drei Jahren greife Russland gleichzeitig Gasinfrastruktur, Stromnetze und das Heizsystem an. Auch deshalb seien die Folgen der aktuellen Angriffswelle so verheerend.
Selbst im optimistischsten Szenario werde es bis zum Sommer kaum möglich sein, Stromausfälle vollständig zu vermeiden, sagt Prokip. Statt unkontrollierter Notabschaltungen könne das Land längerfristig aber immerhin zu koordinierten Abschaltungen mit festen Zeitplänen zurückkehren. Das würde bedeuten: Einzelne Stadtteile werden zeitweise vom Netz genommen – und wenig später wieder angeschlossen.
Versagen der Kyjiwer Behörden
In Kyjiw steigt derweil nicht nur die Verzweiflung über das quälende Frieren, dessen Ende nicht absehbar ist – sondern auch der Frust über die eigenen Behörden.
Fast ganz Kyjiw wird von zwei großen Heizkraftwerken versorgt, die noch aus Sowjetzeiten stammen. Ihre Standorte sind bekannt, ihre Verwundbarkeit ebenso. Fällt eines der Werke aus, sind sofort Hunderttausende Haushalte betroffen. Darauf hätte man sich besser vorbereiten müssen, lautet die Kritik vieler Menschen.
Mithilfe der Wärme von Kerzen versucht diese Kyjiwerin, das Wasser in ihren Leitungen am Gefrieren zu hindern.
© AFP/Sergei Gapon
Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzte die Gelegenheit für einen Hieb gegen seinen politischen Rivalen Vitali Klitschko: Kyjiws Bürgermeister habe seine Stadt nicht gut genug auf den Winter vorbereitet und hätte sich ein Beispiel an der frontnahen Stadt Charkiw nehmen sollen, beschwerte sich Selenskyj. Dort gelinge es bislang trotz permanenter Angriffe, ähnlich dramatische Ausfälle zu vermeiden – auch weil frühzeitig Ersatztechnik beschafft wurde, um die Energieerzeugung zu dezentralisieren.
Experte Prokip hingegen sieht das Hauptproblem woanders: Seiner Einschätzung nach hat Kyjiw zu wenig in Notstromquellen investiert. Selbst einige kritische Infrastrukturen – etwa die Wasserversorgung – seien nicht ausreichend abgesichert gewesen. „Die Erklärungen über die angebliche Winterfestigkeit der Hauptstadt klangen deutlich optimistischer, als es die Realität hergibt“, sagt Prokip. Zugleich räumt er ein: Bei der Intensität der aktuellen Angriffe wären Ausfälle wohl auch bei besserer Vorbereitung kaum vollständig zu verhindern gewesen.
Tanzen gegen die Kälte
Putins Ziel ist offensichtlich: Das Alltagsleben in der Ukraine soll so unerträglich werden, dass die zermürbte Bevölkerung irgendwann zu nahezu jedem Zugeständnis bereit ist – bis hin zu einer faktischen Kapitulation.
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Dafür spricht laut Experten auch, dass die jüngsten Angriffe auf Kyjiw ausgerechnet auf das Wochenende vom 24. und 25. Januar fielen, an dem erstmals seit Kriegsbeginn eine russische, eine ukrainische und eine US-amerikanische Delegation zu trilateralen Friedensverhandlungen in Abu Dhabi zusammenkamen.
In Kyjiw wurde das als demonstrativer Versuch gewertet, den Druck während der diplomatischen Kontakte zu erhöhen. „Die Raketen trafen nicht nur unser Volk, sondern auch den Verhandlungstisch“, schrieb Außenminister Andrij Sybiha auf X.
Bislang aber scheint Putins Kalkül nicht aufzugehen. Laut einer bislang unveröffentlichten Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie aus diesem Januar sind rund 60 Prozent der Ukrainer nach wie vor bereit, den Krieg „so lange wie nötig“ auszuhalten. Dieser Wert hat sich seit Herbst 2025 kaum verändert.
„Trotz der Versuche, die Menschen in Kälte und Dunkelheit zu stürzen, wächst die Bereitschaft zu schmerzhaften Zugeständnissen an Russland nicht“, sagt Soziologe und Institutsdirektor Anton Hruschetskyj. „Im Gegenteil: Diese Herausforderung mobilisiert und eint die Gesellschaft in gewisser Weise.“

Anton Hruschetskyj ist geschäftsführender Direktor des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie.
Diese Haltung erklärt Hruschetskyj mit einem extrem hohen Maß an Misstrauen gegenüber Russland. Rund 90 Prozent der Ukrainer, führt der Soziologe aus, trauten weder der russischen Führung noch der russischen Gesellschaft. Die Logik von Zugeständnissen im Tausch gegen ein vermeintlich normales Leben greife deshalb kaum. „Der Spielraum für Druck auf die ukrainische Gesellschaft bleibt für Putin sehr begrenzt“, sagt er.
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Wie groß der Durchhaltewille ist, zeigt auch ein Video, das vor wenigen Tagen in ukrainischen sozialen Netzwerken viral ging: Zu sehen ist darin, wie Bewohner eines Kyjiwer Hochhauses sich an einem Feuer im Hof aufwärmen – und dabei zu dem berühmten Lied „Russia Goodbye“ tanzen.
Spricht man derzeit mit Menschen in Kyjiw, so äußern viele darüber hinaus immer wieder ein und denselben für sie tröstenden Gedanken: Putins brutaler Kampf gegen die Zivilbevölkerung sei kein Ausdruck von Stärke, sagen sie – sondern von Schwäche.
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Trotz lokaler Erfolge sei es Russland nach wie vor nicht gelungen, an der Front einen entscheidenden Durchbruch zu erzwingen. Genau deshalb trage der Kreml den Krieg nun zunehmend in die Wohnungen der normalen Ukrainerinnen und Ukrainer.