Moritzburg. Die Kräne auf der Baustelle im Dresdner Norden sind weithin sichtbar. Hier wächst etwas Großes: die Chipfabrik des taiwanesischen Halbleiterriesen TSMC. Gemeinsam mit den Partnern Bosch, Infineon und NXP entsteht das europäische Joint Venture ESMC. Der Bund fördert die Investition mit bis zu fünf Milliarden Euro, übernimmt damit die Hälfte der Gesamtsumme.
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Diese Unterstützung durch Steuergelder wurde auf einer Bürgerversammlung im Moritzburger Ortsteil Reichenberg kritisch hinterfragt. Wie kann es sein, dass der Staat so viel in eine Branche investiert, während der Mittelstand den Bach runtergeht? Diese provokante Frage richtet sich an Oliver Schenk. Der 57 Jahre alte Dresdner sitzt mit Mandat der CDU im Europäischen Parlament. Auf Einladung von Marcel Vetter, Bürgermeisterkandidat der Partei, stellt er sich der Diskussion zum Thema, ob Hightech und Heimat überhaupt zusammenpassen.
In der Pandemie fehlten die Chips
Sein Totschlagargument: „Wenn wir es nicht zahlen, kommen sie nicht.“ Schenk wirbt dafür, die Ansiedlung als große Chance zu sehen – und demonstriert die Bedeutung der Fabrik an seinem Handy. Wie viele Chips wohl in seinem iPhone 14 stecken? 10 bis 15 vielleicht? Es sind 100. Und in einem modernen Auto schon 1500.
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„In der Pandemie konnten eine halbe Million Autos in Europa nicht gebaut werden, weil die Bänder stillstanden – und das nicht wegen des Lockdowns“, erklärt der Europaabgeordnete. „In der Zeit konnten keine Mikrochips geliefert werden. So etwas darf uns nie wieder passieren.“

Europa müsse bei dieser Basisindustrie unabhängiger werden. Deshalb sei ESMC die Antwort auf solche Engpässe und „derzeit eine der strategisch wichtigsten Baustellen in Europa“, meint Schenk. Es gebe keine Volkswirtschaft ohne diese Technologie. Der Europaabgeordnete betont die Vorteile: Durch jeden der rund 2000 Hightech-Arbeitsplätze würden zwei weitere entstehen, weil sich andere Unternehmen wie Zulieferer ansiedeln. Laut Prognosen kommen 30.000 Menschen in die Region.
In der Zeit konnten keine Mikrochips geliefert werden. So etwas darf uns nie wieder passieren.
Oliver Schenk
Abgeordneter des Europäischen Parlaments für die CDU
Davon würde der Mittelstand profitieren, weil sie im Supermarkt, beim Bäcker und Fleischer einkaufen, sich eine Wohnung einrichten und andere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Zudem würden Kindereinrichtungen und Schulen, die jetzt wegen des Geburtenknicks auf der Kippe stehen, wieder besser ausgelastet sein. Und die Gemeinde erhalte durch neue Einwohner höhere Einnahmen aus der Einkommensteuer.
Ja, aber … Im Zuzug sehen Skeptiker in Moritzburg durchaus eine Gefahr. Wie verändert sich der Wohnungsmarkt durch die gut bezahlten ESMC-Mitarbeiter? Wird es trotzdem für junge Familien mit durchschnittlichem Einkommen möglich sein, hier zu leben?
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Schenk beruhigt insofern, dass er berichtet, der Konzern selbst habe in den Verhandlungen zum Standort diese Frage aufgeworfen. „Sie wollen keine bestehenden Strukturen kaputtmachen und keine Verdrängung auf dem regionalen Wohnungsmarkt.“
Gemeinde hält Flächen für Mietwohnungen bereit
In Moritzburg müsste allerdings erst einmal Wohnraum geschaffen werden. Diese Aufgabe hat sich Vetter ins Wahlprogramm geschrieben. Außer ihm kandidiert die Amtsanwältin Katrin Sontag als unabhängige Bewerberin zur Bürgermeisterwahl am 22. März. „Wir haben als Gemeinderat bewusst den Verkauf von Flächen an Einzelne gestoppt, um sie freizuhalten für den Bau von Mietwohnungen“, sagt Vetter. Priorität sei es, dafür Investoren zu finden, die bereit sind, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Das kann die Gemeinde lenken“, betont der 35 Jahre alte Kommunalpolitiker.
Ohne Zuzug würde Einwohnerzahl deutlich sinken
Dabei gehe es nicht darum, riesige Neubaublocks hinzustellen und ein zweites Berlin-Marzahn zu schaffen, betont Vetter. Das bekräftigt Sven Eppinger, Direktkandidat für den Wahlkreis im sächsischen Landtag. „Der Charakter unserer Gemeinden muss erhalten bleiben“, sagt der CDU-Politiker. „Es kann nicht Sinn der Sache sein, wie zu DDR-Zeiten, wenn sich eine LPG angesiedelt hat, fünf Neubaublöcke hinzustellen. Das sind heute noch Schandflecke in der Region.“
Eppinger wirbt auch unter dem Gesichtspunkt dafür, ESMC als Chance zu sehen, denn: „Wenn die demografische Entwicklung so weitergeht, gibt es hier 2040 eher freie Einfamilienhäuser, an denen keiner großes Interesse hat. Mit dieser Ansiedlung erhalten wir auch den Wert unseres Eigenheims und dessen, was wir uns im Leben geschaffen haben.“
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Laut Prognose des statistischen Landesamtes würde die Einwohnerzahl von Moritzburg durch den demografischen Wandel von jetzt rund 8340 auf 7100 sinken.
Eppinger räumt ein: Wo Licht ist, gibt es Schatten. Mögliche Schäden für Natur und Umwelt, die geplante Stromtrasse, die fehlende Anbindung an den ÖPNV und ein Radwegenetz, die höhere Verkehrs- und damit Lärmbelästigung an der S81 – diese Fragen wurden an dem Abend angesprochen, aber längst nicht ausdiskutiert. Viel Zeit für Antworten und Lösungen bleibt nicht mehr, denn 2027 soll die Produktion bei ESMC beginnen.
SZ