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Gelsenkirchen – Nach dem spektakulären Tresor-Coup von Gelsenkirchen stehen Hunderte Sparkassen-Kunden vor leeren Schließfächern. Erspartes, Familienschmuck, Sammelmünzen oder wichtige Dokumente sind weg. Mit Hilfe ihres Rechtsanwaltes, Daniel Kuhlmann (Datteln), haben die ersten jetzt Musterklagen gegen das Geldinstitut eingereicht.
Daniel Oryan (46, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens) ist einer der Kläger. Er erfuhr durch eine Schlagzeile bei BILD von dem Verbrechen – fast 100.000 Euro hat er verloren. „Ich hielt das zunächst für realitätsfern. Das tut sehr, sehr weh“, sagt der Diplom-Ingenieur. In seinem Schließfach hatte er Goldmünzen, die über die Jahre immer wertvoller wurden. Außerdem bewahrte er dort wichtige Papiere auf – etwa einen Fahrzeugbrief oder die Besitzurkunden seiner zwei Dressurpferde.

Daniel Oryan (46, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens) hat eine Musterklage gegen die Sparkasse Gelsenkirchen eingereicht. Er hat durch den Tresor-Raub fast 100.000 Euro verloren
Foto: ALEX TALASH
„Es ist sehr aufwendig und nervig, diese Dokumente wieder zu beschaffen. Ich gehe nicht davon aus, dass man die Verbrecher finden wird. Man sieht ja inzwischen, wie professionell sie vorgegangen sind“, sagt Oryan. Der Unternehmer kritisiert die Krisenkommunikation der Sparkasse scharf – er hätte erwartet, dass die Bank auf ihn zukommt und Geschädigte nicht dazu auffordert, sich zu melden.
Nach Einbrüchen das Gold ins Schließfach gebracht
Auch Hobby-Vogelkundler Joachim Alfred Wagner (63) hat Klage erhoben. „Bei mir zu Hause ist mehrfach eingebrochen worden. Ich war froh, endlich ein Schließfach bei der Bank bekommen zu haben – ich war überzeugt, dort sei alles in Sicherheit“, sagt der Mann, der im öffentlichen Dienst arbeitet. Im Tresorraum hatte er ebenfalls Gold, das er für seine Altersvorsorge angeschafft hatte. „Ich habe nach und nach etwas beiseitegelegt. Nichts Wildes, alles in allem hatte es einen Wert von unter 50.000 Euro.“ Beide Kunden haben u.a. Rechnungen und andere Papiere oder Kopien, mit denen sie den Inhalt der Schließfächer nachweisen können.

Wagner zeigt Fotos seiner geklauten Erbstücke…
Foto: ALEX TALASH

…auch die umgearbeiteten Eheringe seiner Urgroßeltern wurden geklaut
Foto: ALEX TALASH
Eheringe der Urgroßeltern wurden geklaut
Vor allem schmerzt den Familienvater, dass mehrere Erbstücke gestohlen wurden. Wagner: „Darunter die Eheringe, die meine Urgroßmutter nach dem Tod ihres Mannes von einem Goldschmied zu einem Ring machen ließ. Dieser hatte für sie einen hohen emotionalen Wert, er vereinte die Liebe der beiden. Ich habe geheult vor Wut.“

Noch heute arbeiten Kriminaltechniker der Polizei am Tatort
Foto: -/Polizei Gelsenkirchen/dpa
Wie den beiden Klägern geht es vielen der 600 Betroffenen, die sich an seine Kanzlei gewendet haben, sagt Anwalt Kuhlmann. Er hat bei einem renommierten Sachverständigenbüro ein sicherheitstechnisches Gutachten in Auftrag gegeben, sagt dazu: „Danach sind wir überzeugt, dass die Sparkasse fahrlässig gehandelt hat. Unsere Mandanten haben gute Chancen.“
350 Polizisten arbeiten in der Soko „Bohrer“
Unterdessen geht die Spurensuche der Polizei weiter. Ein Sprecher: „Rund um die Uhr arbeiteten Kollegen im Sparkassengebäude, um die Gegenstände auf Spuren zu untersuchen, zu katalogisieren, fotografisch zu sichern und schließlich sicher aufzubewahren.“ Die etwa 350 Mitarbeiter der Soko „Bohrer“ hätten bereits 50.000 Gegenstände erfasst, dennoch dauerten die Arbeiten noch an. Zudem gingen die Ermittler rund 600 Hinweisen nach.