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Mitarbeiter des weltweit agierenden Edelmetallkonzerns Heraeus in Hanau sollen in großem Stil Kunden betrogen haben. Die Ermittlungen laufen.
Hanau – Mitarbeiter des weltweit agierenden Edelmetallkonzerns Heraeus sollen im großen Stil Kunden betrogen haben. Nach einer Selbstanzeige führt die Staatsanwaltschaft Frankfurt bereits seit über einem halben Jahr Ermittlungen, wie jetzt bekannt geworden ist. Um wie viel Geld es geht, zeigt sich daran, dass das Unternehmen rund 460 Millionen Euro als Rücklage gebildet hat. Die „Financial Times“ (FT) hatte als erstes über die Ermittlungen berichtet und den Verdacht geäußert, dass auch Jan Rinnert, der im Mai nach zwölf Jahren ausgeschiedene Heraeus-Vorstandsvorsitzende, zu den Beschuldigten gehören soll. Weder der Konzern noch die Staatsanwaltschaft Frankfurt wollten das gegenüber unserer Zeitung bestätigen.
Im Fokus der Ermittlungen: Bei Heraeus sollen über Jahre hinweg Edelmetallmengen im Recyclingprozess unterschlagen worden sein. © Boris Roessler
Oberstaatsanwalt Dominik Mies, der frühere Hanauer Abteilungsleiter und derzeitige Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Frankfurt, sagte, es sei ein „Ermittlungsverfahren gegen inzwischen 16 Beschuldigte wegen des Verdachts der veruntreuenden Unterschlagung und des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs“ eingeleitet worden. Es könnten „strafbare Unregelmäßigkeiten in den Jahren 2015 bis 2025 im Recyclingprozess und Edelstahlverarbeitungsprozess einer Tochtergesellschaft der Heraeus Holding GmbH zum Nachteil von Kunden“ vorliegen. Zu weiteren Details sowie der konkreten Schadenshöhe konnte Mies mit Blick auf die laufenden Ermittlungen keine weiteren Angaben machen.
Potentieller Skandal bei Heraeus in Hanau: Edelmetallreste aus Mahlwerken unterschlagen?
Wie es im FT-Bericht heißt, gehe es um Platin, Palladium und Rhodium im Wert von rund 150 Millionen Euro. Dabei sollen über fast ein Jahrzehnt beim Recycling in einem Mahlwerk zurückgebliebene Edelmetallmengen abgezweigt und einbehalten worden sein. Eine Unternehmenssprecherin in Hanau bestätigte gestern die Ermittlungen. „Heraeus hat nach internen Hinweisen auf mögliche Prozessabweichungen im Recycling-Prozess der operativen Einheit Heraeus Precious Metals eine umfassende und objektive Untersuchung durch eine externe Rechtsanwaltskanzlei veranlasst.“ Dabei seien „Unregelmäßigkeiten im Recycling-Prozess zum Nachteil von Kunden“ festgestellt worden. Weitere interne Ermittlungen dauerten an.
„Heraeus hat für Risiken aus beiden Untersuchungsteilen Rückstellungen in Höhe von insgesamt 457,7 Millionen Euro gebildet“, so die Sprecherin weiter. Dabei gehe es um mögliche Ansprüche von Kunden, Kosten der Untersuchung und Aufarbeitung sowie „Risiken aus dem zweiten Teil der Untersuchung“.
Die Unternehmenssprecherin weiter: „Während des gesamten Prozesses haben wir transparent agiert und aus eigener Initiative die zuständigen Behörden informiert. Wir kooperieren uneingeschränkt mit den Behörden und begrüßen eine umfassende Aufklärung des Sachverhalts. Wir haben die von den Unregelmäßigkeiten im Recyclingprozess betroffenen Kunden entschädigt sowie unsere Mitarbeitenden informiert und sie für diese Angelegenheit sensibilisiert.
Schon öfter ist Gold „verschwunden“
Dass bei dem Weltkonzern nicht immer alles Gold ist, was glänzt, war bereits 2021 bei einem Diebstahlsprozess vor dem Hanauer Schöffengericht bekannt geworden. Damals war es ein 25-jähriger Ex-Mitarbeiter, der die Abteilung Edelmetallsicherheit bis auf die Knochen blamiert hatte. Er ist mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Während einer Nachtschicht hatte er rund 25 Kilogramm reinen Goldsand im Millionenwert unbemerkt vom Firmengelände in der Hanauer Innenstadt geschmuggelt, dann aber kalte Füße bekommen und seine Beute den verblüfften Sicherheitsmitarbeitern zurückgegeben.
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Vor Gericht machten mehrere Führungskräfte des Konzerns keinen guten Eindruck. Im Ermittlungsverfahren und vor Gericht nannten sie immer wieder eine neue, höhere Goldmenge, die gestohlen worden sei. Die Juristen wiesen dies zurück und insbesondere der Strafverteidiger äußerte den Verdacht, dass somit Fehlmengen in der eigenen Goldbilanz ausgeglichen werden sollten.
Im Prozess war zudem bekannt geworden, dass bereits zuvor mehrfach recyceltes Edelmetall „verschwunden“ war.