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Journalist Linus Volkmann berichtet für das Magazin Musikexpress von seinem Besuch in LüdenscheidJournalist Linus Volkmann berichtet für das Magazin „Musikexpress“ von seinem Besuch in Lüdenscheid © Linus Volkmann

Der Musikjournalist reiste wegen eines Songs nach Lüdenscheid. Die Bergstadt übertraf seine Erwartungen bei der musikalischen Spurensuche.

Lüdenscheid – Was heißt da schon Provinz? Lüdenscheid ist schließlich „Powermetropole“. Und als solche unbedingt einen Abstecher auf der Pop-Pilgerreise wert. Zu diesem Fazit gelangte jüngst der Autor und Musikjournalist Linus Volkmann, der jetzt seinen Kurzbesuch in der Bergstadt in einer „Popkolumne“ für das Magazin „Musikexpress“ thematisierte. Grund für Volkmanns Wochenendtrip nach Lüdenscheid: Musiktourismus. Auf Spurensuche am Ort, der den Musiker Jens Friebe zum Text seines 2007 veröffentlichten Songs „Frau Baron“ inspirierte, hatte Linus Volkmann Anfang Januar kurzerhand eine der Ferienwohnungen auf Schloss Neuenhof bezogen. „Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich vor einigen Jahren erfuhr, die Szenerie der Lyrics ist nicht bloß der Phantasie des Musikers entstiegen, sondern bezieht sich auf einen realen Ort seiner Jugendzeit“, schreibt Volkmann. Das habe ihn dazu veranlasst, selbst nachzuschauen, was auf dem Wasserschloss noch davon zu finden sei, was im Lied besungen wurde.

Der gebürtige Hesse stellt nun auch klar, dass er zuvor nie in Lüdenscheid gewesen sei. Eine Meinung habe er aber dennoch über die Stadt gehabt, „und zwar hielt ich den Sauerland-Hot-Spot aus der Ferne stets für eine biedere, beschauliche Kleinstadt mit überschaubarer Kopfsteinpflaster-Fußgängerzone, einem Trachtenverein und vielen Arzt-Praxen für die überalterte Bevölkerung“. Genau das habe er nach seinem Besuch in Lüdenscheid revidieren müssen. „Lüdenscheid ist ruckelig, rough und das Gegenteil eines Speckgürtels“, bilanziert der Musikjournalist in seiner Kolumne und betont, dass es erst richtig heimelig werde, wenn man die Natur der Bergstadt genieße. Trotz hoher innerstädtischer Leerstandsquote und einer gruseligen Dead Mall namens Forum am Sternplatz sei Lüdenscheid einen Besuch wert gewesen.

Jürgen Wigginghaus schrieb nicht nur als Herausgeber des Magazins „Metal Hammer“ aktiv an der internationalen Musikgeschichte mit. Jürgen Wigginghaus schrieb nicht nur als Herausgeber des Magazins „Metal Hammer“ aktiv an der internationalen Musikgeschichte mit. © Paffendorf, FabianLüdenscheider verewigen sich in der Musikgeschichte Deutschlands

Was der Musikjournalist, der auch noch Reisen zu weiteren, unterschätzten Orten der Musikgeschichte beschreibt (beispielsweise Großenkneten oder Bad Salzuflen), unterschlägt: Mit dem Einfluss Lüdenscheids auf die Rock- und Popgeschichte lassen sich auch abseits des Friebe-Gesamtwerks ganze Bücher füllen beziehungsweise man hat schon einige damit gefüllt. Exemplarisch genannt sei etwa „Die besten Tage unseres Lebens – Jugendkultur in Lüdenscheid von 1960 bis 1980“ , das 2013 vom Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid e. V. herausgegebene Buch von Dietmar Simon und Michael Nürenberg. Auf 288 Seiten wird doch dort aufgezeigt, wie umfangreich das Vermächtnis der Bergstadt an die Popkultur ausfällt. Vom Skandal-Konzert mit Deep Purple bis hin zum Gipfeltreffen der Beat-Ära-Stars in der Historischen Schützenhalle am Loh reichen die Geschichten.

Aber auch über die 1980er-Jahre hinaus haben sich Lüdenscheider und Lüdenscheid in der Musikgeschichte reichhaltig verewigt. Man denke etwa an Jürgen Wigginghaus und Manfred Eisenblätter, die sowohl mit den Magazinen „Musik-Szene“ wie auch „Metal Hammer“ Musikgeschichte mit(auf)schrieben. Wigginghaus war‘s schließlich auch, der mit dem First-Rider-Open-Air im niedersächsischen Scheeßel die Vorlage für das spätere „Hurricane“-Festival an selber Stelle lieferte. Gemeinsam mit Kai Havaii, Jörg Hoppe und einer gewissen Gabriele Susanne Kerner arbeitete Wigginghaus auch am Hagener Magazin „Musiker/music news“. Unter dem Namen Nena war diese Frau Kerner zudem neben Markus Mörl Mitbewohnerin in einer WG mit Regisseur Wolfgang Büld. Der Lüdenscheider Büld verantwortete zahlreiche Musikfilme. Musikhistorisch sind neben seinen 80er-Komödien „Formel 1 – Der Film“ und „Gib Gas – ich will Spaß!“ die Punk-Dokumentationen „British Rock“ oder „Punk in London“ Zeitgeist-Dokumente mit nachhaltigem Wert. Jonny Hill besang die Bergstadt („Weit, weit, weit ist es nach Lüdenscheid“), die Toten Hosen machten es auch ( „Madelaine aus Lüdenscheid“).

Der erste „Hosen“-Drummer Trini Trimpop könnte Linus Volkmann sicherlich auch einige Lüdenscheid-Anekdoten erzählen. Vielleicht kommt der Popkolumnist demnächst mal wieder zu Besuch in die Stadt. Dann könnte er auch den Spuren der Hip-Hop-Kombo „Anarchist Academy“ folgen – oder mit DJ Eule, dem DJ von Kool Savas, über die aktuelle Rap-Kultur fachsimpeln.