Kaum jemand kennt die dunklen Geheimnisse in Frankfurts Kellern und Schlafzimmern so wie Sabine Nietmann. Seit mehr als sechs Jahren hilft die Achtunddreißigjährige Menschen im Rhein-Main-Gebiet, Ordnung in ihr persönliches Chaos der Dinge zu bringen. Überquellende Kleiderschränke, Dachböden, vollgestopft mit Kisten, in denen niemand je wieder etwas finden wird – sie packt an, räumt aus, systematisiert, sortiert und beschriftet, bis alles gut wird. Und was die Menschen im Überfluss nicht mehr brauchen und mit ihrer Hilfe ausmisten, verteilt sie an Bedürftige in Frankfurt und der ganzen Welt.

Denn im Hauptberuf ist die in Frankfurt geborene und in Heusenstamm aufgewachsene Kosmopolitin Flugbegleiterin und nutzt so auch die Kontakte und Transportmöglichkeiten ihrer großen deutschen Airline zu Hilfsorganisationen in allen Ländern. Längst ist sie mit ihren Aufräumaktivitäten zum Star einer Serie von Filmen im Hessischen Rundfunk geworden, die sie beim Ausmisten mit ihren Kundinnen zeigen. Persönliche Aufräumanfragen kann sie seit einiger Zeit nicht mehr annehmen, verändert gerade ihre Angebote, um den Menschen auch weiterhin beim Aufräumen mit Online- und Videocoaching zu helfen.

Frankfurter Gesichter: Sabine Nietmann Illustration Alfred SchüsslerFrankfurter Gesichter: Sabine Nietmann Illustration Alfred SchüsslerAlfred Schüssler

Vater, Mutter und einige Mitarbeiterinnen wurden schon vor geraumer Zeit eingespannt, der kleine Nebenjob wurde schnell zum großen Familienunternehmen. Die eigene Schmerzgrenze war bald erreicht. Denn die Eltern werden natürlich auch älter, und die Kunden verlangen immer mehr von der sympathischen Frau, die sie doch im Fernsehen gesehen und von der sie in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen gelesen haben. Aufräumen, Ausmisten, sich trennen von Dingen – das ist nach wie vor ein großes Thema für Menschen, die dank eines gewissen Wohlstands zu viel von allem haben. „Auch ich selbst hatte früher oft zu viel“, erzählt sie. Ihr Beruf führte sie um die ganze Welt mit den schier grenzenlosen Verlockungen der hübschen und exotischen Waren und Zeit für ausgedehnte Einkaufsbummel bei der Fliegerei. Als ihre eigene Wohnung überzuquellen drohte, zog sie die Notbremse und lehrt nun andere, dass weniger meist mehr ist und niemand all diese Kellerkisten benötigt.

Im Frankfurter Franziskustreff für Obdachlose arbeitet sie regelmäßig ehrenamtlich und sieht das Gegenteil: Menschen, die das Nötigste nicht besitzen. Hier will sie einen kleinen Ausgleich schaffen, verteilt Dinge ganz privat ein wenig um. Dabei verachtet sie den Konsum nicht, weiß zu leben und schätzt schöne Dinge, die aber ganz oft aus zweiter und dritter Hand stammen, in ihrer kleinen Wohnung im dritten Stock. Ihre erste Designerhandtasche, die sie einst als Berufsneuling vom ersten Gehalt erstanden hat, bewahrt sie immer noch sorgfältig auf.

Frankfurt ist trotz aller weltumspannenden Reisen ihre Herzensheimat geblieben. „Hier ist es wesentlich schöner als in New York oder auch Berlin, denn es ist so viel überschaubarer.“ Sie liebt die Großstadt, aber auch die kurzen Wege und das fast dörfliche Leben in den Stadtteilen. In ihrem Nordend plauscht sie gern auf dem Markt am Friedberger Platz, trifft Freunde und Nachbarn. Seit dem viel zu frühen Tod zweier Freundinnen suche sie noch tiefer nach dem Sinn des Lebens, sagt sie nachdenklich. Im Anhäufen von Dingen in Kisten und Kästen, im Keller und in Schränken jedenfalls liege er nicht.