Vom verklimperten Leben
31. Januar 2026. Zum zweiten Mal inszeniert Stefan Pucher in Wiesbaden einen Büchner-Text. Die Flucht der beiden Königskinder vor ihrer (Fremd-)Bestimmung zeigt er als traum-realistische Reise zweier Rich Kids. Und zitiert sich einmal selbst.
Von Ruth Fühner

„Leonce und Lena“, inszeniert am Staatstheater Wiesbaden von Stefan Pucher © Lukas Anton
31. Januar 2026. Von Work-Life-Balance kann ja wohl keine Rede sein bei diesen beiden Königskindern, reichen Erben, die nicht wissen, wohin mit sich und was sie denn überhaupt wollen könnten. Nur eins wollen Leonce und Lena ganz sicher nicht: die Person heiraten, die, der dynastischen Planung in Gestalt des nussknackerhaften Königs Peter (wie auf Knopfdruck die passenden Grimassen abrufend: Christian Klischat) folgend, für sie vorgesehen ist.
Als könnten Liebe und Heirat etwas Exterritoriales sein, etwas nicht den gesellschaftlichen Zwängen und der Abnutzung durch Langeweile Unterworfenes. Das muss, das wird schiefgehen – aber eigentlich ist die Liebe gar nicht so wichtig, wenn man sie so traum-realistisch erlebt wie die beiden Titelfiguren in Wiesbaden.
Ein Abgrund aus Komplimenten
Für Stefan Puchers Inszenierung hat die genialische Nina Peller eine schwarz-weiße Bühne aus barocken Prunk-Prospekten entworfen, die immer neue Perspektiven und knallige Lichtstimmungen bietet. An den Seiten zwei schmale Videobildschirme, auf denen mal die Personen im Hintergrund und mal animierte Götter, Putten und Allegorien agieren, mal Margeritenwiesen sich bis an den Horizont erstrecken. Doch ausgerechnet das ersehnte Italien, wohin Leonce und Lena, er mit seinem Valerio und sie mit ihrer Valeria, vor der geplanten Hochzeit fliehen, nur um darin wider Willen zusammenzufinden, ist eine einzige Leere.
Gerade hat ein Gewitter getobt, übrig blieb ein einsamer Flügel. Leonce klimpert, Lena singt (es wird ohnehin viel und lustvoll gesungen hier), Herzen flimmern über die Videoschirme, es klingt wie traumhaftes Liebesgeflüster und ist ein Abgrund aus Komplimenten (wie schön du bist!) und Boshaftigkeit (und wie hohl dein Kopf!). Aber: No hard feelings! Wo kämen wir hin, wenn wir auf einmal etwas ernst nähmen?
Sehenswerte Frauen-Bande
Schön, dass Pucher Leonces (und Büchners?) Vorstellung von der idealen Frau – schön muss sie sein, aber bitte geistlos – beiden Geschlechtern in den Mund legt. Tatsächlich sind die Frauen hier das überlegene Team. Lennart Preining als Leonce ist ein nicht unsympathischer Narziss, der sich in Geistreicheleien und Wortspielen erschöpft – ein zweiter Hamlet, von des Gedankens Blässe angekränkelt und darüber selbst etwas erblasst. Sein nicht ganz standesgemäßer Gefährte Valerio (Jonas Grundner-Culemann), der das durchaus zu spüren bekommt, ist trotz Gitarre und anderen Anflügen von Lebenslust nicht der Mann, die erstickende Langeweile am Hofe Popo durchzulüften.
Verklimpern ihr Leben: Tabea Buser als Lena und Lennart Preining als Leonce © Lukas Anton
Dagegen bilden Prinzessin Lena von Pipi und ihre Gouvernante eine sehenswerte Bande. Valeria (Trang Dông) bewegt sich als schrille Eminenz auf Augenhöhe mit ihrer Herrin, zieht voller Spiellust ihre Fäden und amüsiert sich über ihren Erfolg. Tabea Busers Lena ist eine Kämpferin, die sich schon mal mit verrenkten Gliedern in den Boden hineinbohrt auf der Suche nach einem Ausweg – vor allem aber gelingt es ihr, den Abend für ein paar Momente tatsächlich mit Trauer über all das vergeudete Leben zu erfüllen.
Auftritt: Woyzeck
Natürlich sind das in Zeiten des Teilzeit-Lifestyle Luxussorgen. Das andere Ende des gesellschaftlichen Spektrums bringt Stefan Pucher knapp, aber dafür doppelt ins Spiel: als Opfer – und als Erfolgsgeschichte. Die Stelle von der Lust an der Gemeinheit, die die gelangweilten Rich Kids an ihren Untergebenen auslassen, zitiert er – Achtung, Achtung! – gleich zweimal. Und dann, kurz vor Schluss, auch einmal sich selbst: mit dem bei der Premiere heftig umjubelten Auftritt eines gewissen Woyzeck, der es zum Rap-Star gebracht hat. Abdul Aziz Al Khayat, Spieler der Titelfigur in Puchers vorangegangener Wiesbadener Inszenierung, bringt den Kostümstil der „Leonce und Lena“-Inszenierung (von Annabelle Witt) in seinem Song auf den Punkt: „Chic, elegant, vulgär“ – Glitzer und Trainingsanzüge, Tüll und Sockenhalter zu barocken Puderperücken.
„Chic, elegant, vulgär“: Tabea Buser in einem der Kostüme von Annabelle Witt © Lukas Anton
Aber ob es dann einer vom Bodensatz der Gesellschaft nach oben schafft oder nicht – angesichts dessen, was die Leonces und Lenas dieser Welt aus ihr machen werden, ist es so egal wie ihre Liebe oder Nicht-Liebe. Noch einmal lässt Pucher unaufdringlich Gegenwart aufblitzen. Zu historisch-utopischen Tech-Fantasien auf den Bildschirmen ist die Rede von der Stunde der Raubtiere, von der allmählichen Gewöhnung an den täglich neuen Schock, vom Wegducken vor der Verantwortung.
Und wieder kann man nur staunen über Büchners dystopische Vorahnung. Denn was wünscht sich Leonce? Ein Reich, umstellt von „Brennspiegeln, dass es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren“. Das haben wir ja bald, und die Minustemperaturen bei der Premiere tun dem keinen Abbruch.
Leonce und Lena
von Georg Büchner
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Nina Peller, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video Design: Ute Schall, Licht: Steffen Hilbricht, Dramaturgie: Hannah Stollmayer, Abendspielleitung / Regieassistenz: Paul Ansmann, Kostümassistenz: Ivet Duran Murillo, Meta-Human Design: Sebastian Lankes, Vermittlung: Valentina Eimer.
Mit: Tabea Buser, Lennart Preining, Trang Dông, Jonas Grundner-Culemann, Christian Klischat, Felix Strüven, Hannah Lindner, Abdul Aziz Al Khayat. Live-Musik: Benjamin Kolloch.
Premiere am 30. Januar 2026
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-wiesbaden.de
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