Angewandte Kunst in Frankfurt
Katharina J. Cichosch /
31. Januar 2026, 12.00 Uhr
Der Teppich war quasi immer da. Nicht ausschließlich als Bodenbelag, zu dem hatten ihn in dieser Ausschließlichkeit erst später die Europäer gemacht. Flache Gewebe sind so alt wie die Menschheit – besser gesagt, sie haben die Entwicklung der menschlichen Kultur wohl von Beginn an begleitet. Dass der Teppich heute ebenso gut in Kunstausstellungen passt wie in Wohnzimmer, in Regionen des Nahen Ostens über Jahrtausende so wichtig war wie auf dem afrikanischen Kontinent oder einst als kostbarer Wandbehang in europäischen Adelshäusern, macht ihn jetzt zum idealen Anschauungsobjekt für das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst.
Der Teppich erlebt ein Comeback
Mit der Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand“ widmet sich das Haus nach 45 Jahren erstmals wieder in einer eigenen Schau ausschließlich dem Teppich. Jetzt allerdings mit dem Fokus auf künstlerische Praktiken und Zugänge. Die Zeit dafür scheint günstig: Heimtextilien erleben eine regelrechte Renaissance, und auch in zahlreichen Ateliers wird seit einigen Jahren wieder geknüpft, gewebt oder getuftet.
Auch in Frankfurt, wo der Bildhauer Tobias Rehberger das textile Format nutzt, um zum Beispiel die Winderstandskämpferin Orli Reichert-Wald oder, jetzt im Museum zu sehen, die amerikanische Arbeiterrechteaktivistin Dolores Huerta in den Fokus zu rücken. Aus Offenbach stammt Nasan Tur (*1974), der einige Jahre an der Städelschule studiert hat und heute in Berlin lebt. Seine Arbeit „Greetings from Syria, Kurdistan and Persia“ ist ebenso Teil der Ausstellung wie „Stonethrower III“ von Rose Stach, die in ihrem Werk eine eigene, simple wie effektvolle Technik nutzt: Den Bilduntergrund füllt sie mit Farbe, nur die (gewaltsamen) Protesten entlehnten Motive bleiben als Teppichmusterung sichtbar.
Zeitgenössische Künstlerteppiche präsentiert die Ausstellung neben Exemplaren zum Beispiel des Designers Jan Kath. Der bezeichnet seine Produkte freilich als „contemporary rug art“, also als Teppichkunst. Neben dekorativen Produkten fertigt Kath Einzelexemplare wie „On High seas“, die offenbar ein Boot mit flüchtenden Menschen vor einem großen Kreuzer zeigen.
Widerständigkeit in gewebten Formen und Farben
Die im Ausstellungstitel genannte Widerständigkeit wird weit gefasst, sie kann sich im Motiv andeuten oder in der Wahl von Material und Format. Beides trifft zusammen im Werk des US-Amerikaners Diedrick Brackens, der seine handgewebten Baumwollteppiche als Referenz an jene versteht, die ihrerzeit zur Arbeit auf den Baumwollplantagen als Leibeigene gezwungen waren. Vollends ohne Figurationen kommt Faig Ahmed aus: Der aserbaidschanische Künstler bespielt die Ausstellungsräume und Biennalen dieser Welt schon eine ganze Weile mit Teppichen, die ganz traditionell beginnen und sich dann auf spektakuläre Weise in ein Meer aus Farben zu verflüssigen scheinen.
Info
Wolle. Seide. Widerstand.
7.2.–24.5.
Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
Eintritt: 12 €
Alle weiteren Informationen zur Ausstellung gibt es hier.
