Wuppertal ist vieles: gebeutelt von strukturellen Problemen, belastet durch einen Haushalt, der es Gestaltern seit Jahren schwer macht, unter Wert verkauft. Und doch gibt es eine Kraft, die dieser Stadt immer wieder Würde, Ausstrahlung und Anerkennung weit über ihre Grenzen hinaus verschafft: ihre Kultur.

Gerade weil wir wissen, wie schnell negative Schlagzeilen über Schulden und Stillstand das Bild einer Stadt prägen, ist die kulturelle Reputation Wuppertals kein „Nice-to-have“, sondern ein kostbares Gegengewicht – erarbeitet durch Künstlerinnen und Künstler, Institutionen, ehrenamtlich Engagierte, Sponsoren und Mäzene. Und ja: auch durch im Großen und Ganzen verlässliche kulturpolitische Rahmenbedingungen. Umso fassungsloser macht nun der Vorgang rund um die Nicht-Wiederwahl des langjährigen Kulturdezernenten im Rat der Stadt Wuppertal. Keine Frage, demokratische Abstimmungen als solche sind mit Haltung zu akzeptieren – Wahlen sind Wahlen, und selbstverständlich kann man auch abgewählt werden. Doch mit dieser Wahl wurde (leider erneut) etwas anderes sichtbar: ein Stück politische Unkultur, das weit über eine Personalentscheidung hinausreicht.

Im Vorfeld wurde dem Dezernenten von den beiden kooperierenden Parteien CDU und SPD noch signalisiert, man wolle ihm eine weitere Amtszeit ermöglichen. Ein wichtiges, wohl wahrgenommenes Signal auch in das kulturelle Ökosystem dieser Stadt hinein. Und dann fehlte am Ende eine zweistellige Zahl an Stimmen. Doch noch gravierender ist, was danach geschah: Beide Parteien erklärten, ihre Ratsmitglieder hätten den Kandidaten geschlossen gewählt. Das hieße dann: 24+18=31? Man muss kein Mathematiker sein, um zu erkennen, dass die Öffentlichkeit hier schlicht auf den Arm genommen wird.

Da setzt ein nicht unbeträchtlicher Teil der hiesigen Abgeordneten seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel und beschädigt das ohnehin schon schwer belastete Grundvertrauen in Politik als ernstzunehmende Instanz erheblich. Hier liegt für mich der eigentliche Skandal: Wer Verantwortung trägt, darf nicht die Wahrheit vernebeln, sondern muss den Mut haben, einmal Geschehenes zu erklären – und zwar so, dass Bürgerinnen und Bürger es nachvollziehen können. Fehlt das nötige Rückgrat, fördert dies den schon üblichen Zynismus nach dem Motto: „Die da oben machen sowieso, was sie wollen.“

Dieses Gefühl ist das Gift, das unsere demokratische Kultur von innen zerfrisst. Wir erleben derzeit auf vielen Ebenen eine Erosion politischer Umgangsformen: das Spiel mit „alternativen Fakten“, die strategische Verdrehung von Realität, die Verachtung für Transparenz. Figuren wie Donald Trump haben solches zur politischen Waffe gemacht. Wenn wir uns zu Recht darüber empören, sollten wir umso sensibler dafür sein, dass gerade auf kommunaler Ebene, dort wo Politik besonders authentisch sein sollte, nicht die gleiche Logik einzieht. Wie weit weg scheint heute bisweilen das politische Leitmotiv des großen Wuppertalers Johannes Rau: „Sagen, was man tut, und tun, was man sagt.“

Das also ist das eine: die Erosion der politischen Kultur nicht einfach hinzunehmen. Das andere muss es sein, die Strahlkraft des kulturellen Lebens unserer Stadt nicht vorsätzlich zu beschädigen. Ist diese doch ein zentraler Standortfaktor. Wuppertal hat es – trotz knapper Kassen – immer wieder geschafft, mit kulturellen Assets überregional zu trumpfen: international gefeierte Kunst, große Namen, beeindruckende Produktionen, lebendige Szenen und Orte, die Menschen gleichermaßen anziehen wie binden.

Dieses fragile Netzwerk lebt von Kontinuität, von politischer Gewähr und davon, dass Wohltäter aus der Bürgerschaft darauf vertrauen dürfen, ihr Engagement am Ende nicht zur Staffage kleinkarierter Spielchen degradiert zu erleben. Überhaupt ist dieser Aspekt in der öffentlichen Debatte dieser Tage noch zu kurz gekommen: Die großen Mäzene der Wuppertaler Kultur, auf die man angesichts der katastrophalen Haushaltslage besonders angewiesen ist und die seit Jahrzehnten dazu beitragen, dass Wuppertal kulturell mehr ist als seine Bilanz, hatten bei ihrer Unterstützung auf verlässliche kulturpolitische Rahmenbedingungen vertraut. Ihr Engagement wurde am Montag schlichtweg ignoriert. Die brüskierende Entscheidung war auch und gerade ein Schlag ins Gesicht all jener, die Zeit, Geld und Herzblut für diese Stadt geben. Natürlich wird es politische Motive gegeben haben – taktische Rechnungen, persönliche Befindlichkeiten, vielleicht auch Rachsucht in Einzelfällen. Doch unabhängig von den Gründen bleibt die Frage: War dies die negativen Signale in die Stadt und die bundesdeutsche Kulturszene hinein wert? Wäre es nicht an der Zeit, insbesondere die eigenen Bürgerinnen und Bürger nicht für dumm zu verkaufen, als Zaungäste eines Geschehens, das sie anscheinend gar nicht verstehen sollen? Wuppertal benötigt eine neue Verlässlichkeit, Transparenz und den Anstand, Verantwortung nicht hinter Formeln zu verstecken. Nicht nur aus Fairness gegenüber einer Person, sondern auch aus Respekt gegenüber der Stadt.

Schön wäre es, wenn das Geschehene nun wenigstens in einen ernsthaften Aufbruch zu einer neuen politischen Kultur mündete und dass dies den Bürgerinnen und Bürgern von den Verantwortlichen auch so signalisiert würde. Als Versprechen. Nicht, um eine Wahl zu korrigieren, sondern um etwas zu retten, das wertvoller ist als jedes Amt: politische Glaubwürdigkeit und damit die Chance auf eine bessere Zukunft dieser so traditions- und kulturreichen Stadt.