Zum 70. Geburtstag der Paternoster-Aufzüge im Rathaus erzählen Mitarbeiter Anekdoten und Fakten. In einem Video zeigen wir, wie es im Technikherzen des Umlaufaufzugs aussieht.

Manche kommen deshalb in die Stadtmitte, für viele bedeuten sie Arbeitsalltag, wieder andere trauen sich gar nicht hinein: Seit 70 Jahren transportieren der Paternoster-Aufzüge im Rathaus Menschen von einem Stockwerk ins andere. Sie sind die anachronistische Konstante im Zentrum einer Stadt im ständigen Umbruch. Zum Geburtstag der Umlaufaufzüge fahren wir mit und lassen uns von Stephan Koroll vom technischen Dienst und Fabio Criscuolo, Leiter des Gebäudemanagements, Geschichte und Geschichten dazu erzählen:

Viele kennen nur einen, dabei gibt es drei

Im Komplex des Stuttgarter Rathauses gibt es drei öffentliche Paternoster-Aufzüge: im Altbau, in der Rathauspassage und im Foyer, das man vom Marktplatz aus betritt. Letzterer ist der bekannteste. Installiert und eingeweiht wurden die Anlagen ab 1956, als auch der heutige Rathausbau entstand, sagt Fabio Criscuolo. Die drei Exemplare unterscheiden sich nur in ihrer Farbe. Jener in der Passage ist weiß, der im Altbau hellbraun, der Bekannteste dunkelbraun. Die Stuttgarter Paternoster gehören zu den wenigen öffentlich zugänglichen Anlagen dieser Art in Deutschland. Insgesamt gibt es noch rund 200 solcher Aufzüge, überwiegend in Verwaltungen und Firmengebäuden. Die meisten davon sind für Bürgerinnen und Bürger nicht zugänglich.

Himmlische Anleihe

Der Name Paternoster (lateinisch für Vater unser) kommt nicht etwa daher, dass Benutzerinnen und Benutzer ein Stoßgebet zum Himmel schicken müssten, damit sie heil ankommen, sondern nimmt Bezug auf den katholischen Rosenkranz, erklärt Fabio Criscuolo, Leiter der Gebäudemanagements im Stuttgarter Rathaus. Denn die Kabinen sind seit der Erfindung dieses Transportmittels 1882 in England wie Perlen an einer großen Kette aufgefädelt. Während der Gebetsabfolge eines Rosenkranzes werden auch Vaterunser gesprochen, weshalb der Rosenkranz teils als Paternosterschnur bezeichnet wurde.

Frei schwebend

Hinter den Kulissen der Aufzüge rumpelt und knackt die seit ihren Anfängen unveränderte Paternostertechnik. Stephan Koroll vom technischen Dienst führt vom 4. Stock aus über eine kleine Treppe zum oberen Ende des Aufzugschachts. Hier setzen zwei riesige Zahnräder die zwölf Kabinen, die an den Umlaufketten und in Schienen von unten nach oben gezogen werden, um. Kurz schweben die nach vorn offenen Holzkisten frei an den Rädern, bevor sie in die Schienen nach unten gesetzt werden. 0,3 Meter pro Sekunde legen die Kabinen so zurück. Am unteren Ende des Aufzugs sind der Motor und zwei weitere Zahnräder angebracht. „Alle drei Monate wird die Schmierung automatisch überprüft, alle zwei Jahre wird die Anlage vom Tüv abgenommen“, sagt Koroll. Die Paternoster liefen weniger störanfällig als die anderen Aufzüge des Rathauses.

Nur noch ein Monteur kennt sich aus

Die Technik stammt vom ehemaligen Stuttgarter Unternehmen Stahl und Zaiser in Zuffenhausen, heute ist die Firma TK Elevator (TKE), früher Thyssenkurpp Elevator, Ansprechpartner bei Wehwehchen der Stuttgarter Paternoster. Derzeit steht beispielsweise das Exemplar in der Passage, weil etwas an der Bremsanalage nicht stimmt. Ersatzteile von der Stange gibt es nicht mehr. „Jedes Stück muss maßangefertigt werden“, sagt Stephan Koroll, der sich seit 14 Jahren mit um die Anlagen kümmert. „Es gibt bei TKE auch nur noch einen Spezialisten für Paternoster, und der geht bald in den Ruhestand“, sagt der stellvertretende Leiter des technischen Dienstes. Offenbar soll ein neuer Monteur im Umgang mit den historischen Aufzügen geschult werden.

Über Zahnräder werden die Kabinen an ihren Ketten oben und unten im Aufzugschacht umgesetzt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Kinder müssen draußen bleiben

Mehrere Schilder zeigen an den Aufzügen an, wie und von wem sie benutzt werden dürfen – und was nicht erlaubt ist. So darf immer nur eine Person pro Kabine einsteigen. Rollstühle, Gehhilfen, Geräte, Kinderwagen müssen draußen bleiben. Da Kinder bis neun Jahren die Gefährte nicht allein benutzen dürfen, ist der Paternoster für sie tabu. Die strengen Regeln seien notwendig, um die Aufzüge weiterhin für alle zugänglich machen zu dürfen, sagt Fabio Criscuolo.

Selten gibt es Unfälle

Immer wieder gibt es Diskussionen, ob der Paternoster ein sicheres Transportmittel ist. 2015 sah es wegen einer Vorschrift des Bundes eine Zeit lang so aus, als dürften ihn nur noch Rathausmitarbeiter benutzten. Die Beschilderung und dass nur noch eine Person pro Kabine fahren darf, waren Kompromisse, um den Paternoster offen halten zu können. Nach einem Unfall waren die Stuttgarter Exemplare allerdings ab Herbst 2019 ein Jahr lang außer Betrieb, um die Haftungsfragen zu klären. Unfälle seien aber äußerst selten, sagt Criscuolo, der seit drei Jahren für die Anlagen zuständig ist. Höchstens stolpere mal jemand beim Ein- oder Ausstieg. Manchmal würden sie aber schon jemanden ertappen, der mit seinem Roller einsteigen will – oder mit einem Rollator.

Kuriose Geschichten

Fabio Criscuolo schätzt, dass die Paternoster mehrere hundert Menschen täglich von einem Stockwerk zum anderen bringen – je nachdem, ob eine Veranstaltung im Rathaus ist oder ob zum Beispiel während des Weindorfs oder Weihnachtsmarktes viele Besucher kommen, um den Paternoster auszuprobieren. Wenn sie merkten, dass der Alkoholpegel der Aufzugtouristen zu hoch werde, schalteten sie den Paternoster auch mal ab, sagt Criscuolo, um Unfälle zu vermeiden. Stephan Koroll erinnert sich an ein Erlebnis mit zwei Freundinnen, die in den Paternoster steigen wollten. Die eine hatte ein wenig Angst davor, weshalb die andere den ersten Schritt machte, nach oben fuhr und nach einiger Zeit im Handstand wieder nach unten kam. „Von oben nach unten fährt man über Kopf“, erklärte sie der Freundin, löste aber dann auf, dass sie nur veräppeln wollte.

Kein Kopfstand

Tatsächlich ist es nicht erlaubt mit dem Paternoster durchzufahren. Spätestens im vierten Stock und im Erdgeschosse müssen alle aussteigen. Auf den Kopf gedreht zu werden, davor muss allerdings keiner Angst haben. Die Kabinen werden oben und unten jeweils horizontal über die Zahnräder versetzt, ohne 180 Grad gedreht zu werden. Eine Lichtschranke löst Alarm aus, wenn jemand den Paternoster im vierten Stock nach oben betritt – oder im Erdgeschoss hinunterwärts.

Seit 1886 in Deutschland

Zahl
Der erste Paternoster Deutschlands wurde 1886 in Hamburg gebaut. Von fast 700 Stück Mitte der 30er Jahre, reduzierte sich die Zahl der Exemplare auf heute ungefähr 200. In Stuttgart stehen einige der wenigen öffentlich zugänglichen.

Zeiten
Unter der Woche sind die Paternoster von etwa 7 Uhr bis 16.30 Uhr in Betrieb, freitags bis 15.30 Uhr. Im Rahmen von Rathausführungen kann man auch die Technik der Paternoster erleben.