Zucki haben die Jungs gesagt. Andre Vilk weiß es noch ganz genau. Und Fisnik Asllani war der König des Zucki. So nannten die jungen Fußballer des 1. FC Union Berlin jene Aktion, bei der ein Angreifer den Torwart umkurvte, indem er den Ball mit der Sohle an ihm vorbeizog. Kaum ein Training, während dem Asllani nicht den Zucki auspackte.
„Da konnte man sehen, welch außergewöhnliche technische Fähigkeiten Fisnik mitbringt“, sagt Vilk. Der 42 Jahre alte Trainer, der sich aktuell um die Berliner U 17 kümmert, trainierte Asllani von der U 16 bis zur U 19, also in der wichtigsten Phase eines Junioren, in der sich entscheidet, ob es einer zu den Profis schafft oder nicht.
Asllani hat es geschafft. Nur eben nicht beim 1. FC Union, sondern in Hoffenheim. Und das ist aus Berliner Sicht das Drama, welches hinter dem Wiedersehen steckt, wenn der Stürmer an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) mit der TSG gegen Union spielt.
Ein Talent wie Asllani hatten und haben sie seitdem nicht mehr beim 1. FC Union, dessen Nachwuchsarbeit nicht unbedingt zu den erfolgreichsten des Landes gehört. Bei den Profis kommt kaum mal jemand aus der eigenen Akademie an. Aljoscha Kemlein ist derzeit der Einzige, der im Team von Trainer Steffen Baumgart eine Rolle spielt. Die spärlichen Aussichten waren sicher auch ein Grund, warum Asllani Union mitten im Coronajahr 2020 verließ. „Sehr schade“, sagt Vilk, wenn er daran denkt.
Da gehen noch heute die Meinungen auseinander
Wieso, weshalb, warum – da gehen noch heute die Meinungen auseinander. Aus dem Verein heißt es, Asllani und sein Umfeld wären damals zu ungeduldig gewesen. Aus Asllanis Kreisen klingt an, die Perspektive bei Union, wo der damalige Trainer Urs Fischer vor allem auf erfahrene Spieler setzte, sei einfach nicht gegeben gewesen. Enttäuschend aus Sicht von Asllani.
Seine Leistungen hatten schon früh Interesse bei anderen Vereinen geweckt. In der Jugend traf er in jeder Altersklasse, wie er wollte. 23 Tore in 23 Spielen in der B-Jugend-Bundesliga. Bei den A-Junioren waren es 15 Tore in 16 Spielen. Diese Abschlussstärke fiel sofort auf, als er zu den Profis kam.
Mittlerwile auch im Nationalteam des Kosovo erfolgreich: Fisnik Asllani (rechts)AFP
Damals stand Eroll Zejnullahu dort im Kader, ein Spieler mit kosovarischen Wurzeln, wie Asllani. Zejnullahu sollte sich um den Neuankömmling kümmern, ihm den Einstieg im Team erleichtern. „Als junger Spieler hatte ich richtig Probleme, gegen unsere Profitorhüter im Training ein Tor zu schießen. Das ist schon was anderes als in der Jugend. Für Fisnik aber war das kein Problem. Der hat auch den Profis die Bälle um die Ohren geschossen. Ich stand da und dachte: ‚Wow, das ist echt besonders’“, sagt Zejnullahu, der heute bei den Würzburger Kickers in der Regionalliga spielt.
Die große Bedeutung eines guten Stufenplans
Auch Zejnullahu findet es schade, dass sein Freund nicht bei Union den Durchbruch geschafft hat. Der Karriereverlauf des heute 23 Jahre alten Angreifers ist ein Musterbeispiel dafür, wie wichtig für junge Fußballer ein gescheiter Stufenplan ist.
Zur angeblich nicht vorhandenen Perspektive bei Union zählte auch, dass die Berliner schon lange keine U 23 mehr betreiben, in der junge Talente Spielzeit sammeln können. Der Übergang zu den Profis wird ihnen dadurch deutlich erschwert, weil sie sofort nach dem Ende ihrer Juniorenzeit bei den Männern funktionieren müssen. Nur die wenigsten sind dazu in der Lage.
In Hoffenheim gibt es solch eine Reservemannschaft. Mittlerweile spielt sie erfolgreich in der dritten Liga. Asllani sammelte zuerst dort Praxis, damals noch in der vierten Liga, ehe er an Austria Wien und anschließend an die SV Elversberg verliehen wurde.
Schritt für Schritt wurden die Anforderungen an ihn gesteigert. Zum ersten Mal richtig aufmerksam machte der Stürmer in der vergangenen Saison auf sich. In Elversberg gelangen ihm 18 Tore, hinzu kamen neun Vorlagen. Damit zählte er zu den effektivsten Angreifern der zweiten Liga. Nur verständlich, dass Hoffenheim ihn nach dieser Leihe zurückbeorderte und ihm eine prominente Rolle im Kader verschaffte. Die füllt Fisnik Asllani sehr überzeugend aus. Sechsmal hat er zur Hälfte der Saison getroffen, plus drei Vorlagen.
Asllani gilt aktuell als einer der talentiertesten Stürmer der Bundesliga mit hohem Entwicklungspotential. So hoch, dass auch andere Vereine längst auf ihn aufmerksam geworden sind. Gerüchte über ein angebliches Interesse des FC Bayern gibt es schon länger. Nun sollen auch englische und türkische Klubs eine Verpflichtung prüfen. Eine Ablöse zwischen 30 und 50 Millionen Euro soll im Raum stehen.
Viel Geld, trotzdem soll Hoffenheim nicht planen, Asllani noch in diesem Winter zu verkaufen. Die TSG steht auf Platz drei, die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb ist möglich, vielleicht wird es sogar die Champions League. Das wäre dann die perfekte Bühne, um den Zucki mal wieder auszupacken. Auf so ein elegantes Tor mit der Sohle warten die Fans in Hoffenheim bisher noch von Fisnik Asllani.