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Drei Stunden Kabarett

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Söder bei Ikea und J. D. Vance beim Papst: Urban Priol ätzt im Theater am Aegi

Kabarettist Urban Priol geht verbal nicht zimperlich um mit den Mächtigen. Doch bei seinem dreistündigen Auftritt im ausverkauften Theater am Aegi in Hannover scheint hinter der scharfzüngigen Satire gelegentlich auch eine Botschaft auf.

Hannover. Jeder bekommt ohne Ansehen der Person sein Fett weg, wenn Kabarettist Urban Priol im ausverkauften Theater am Aegi mit rasendem Sprechtempo auf das Jahr 2025 zurückschaut. Dem Kanzler attestiert er Populisten-Tourette. Ursula von der Leyen ist „unser Notopfer für Brüssel.“ Und Christian Lindner und Philipp Amthor sind „keine blendenden Rhetoriker sondern rhetorische Blender“. Im Übrigen habe er seinen TV-Bildschirm zu Hause zu einem Drittel zuklebt, „damit ich diese hasserfüllten Fratzen der AfD nicht mehr ertragen muss“.

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Der Lieblingsgegner des Hessen Priol scheint aber Markus Söder zu sein. „Erinnern Sie sich an die Leuchtenserie ‚Söder‘ bei Ikea? Ehrlich, nicht gelogen, die nannten diese Lampe ‚Armleuchter‘. So was kannst du dir nicht ausdenken.“ Und schon ist er beim Oktoberfest – „die größte Drogenmesse der Welt“ –, um mit dem nächsten Gedankensprung voller Mitleid festzustellen, dass es Deutschland bei der Fußball-WM schwer haben werde, denn „wir sind mit Elfenbeinküste, Ecuador und Curaçao in die Todesgruppe gelost worden.“ Und Priol weiß auch, warum Papst Franziskus gestorben ist. „Nachdem der Schwerkranke noch den US-Vizepräsidenten Vance empfangen hatte, dachte er: Jetzt ist es besser, wenn ich …“ Der Rest des Satzes geht im Gelächter und im Beifall des Publikums unter.

Priol lobt Kanada und Habeck

Besonders oft wird geklatscht, wenn der Mann mit den wie elektrisiert hochstehenden Haaren die aktuelle Politik durch den Kakao zieht. Zeitweilig hat man den Eindruck, auf einer Wahlveranstaltung der Priol-Partei zu sein. Und man fragt sich, ob ihm denn gar nichts heilig ist. Doch, es gibt auch anerkennende Worte. Die klare Anti-Trump-Rede des kanadischen Regierungschefs beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos wird Priol zum Vorbild für die Berliner Politik, endlich Profil gegenüber dem „zitrusfarbenen Mann“ in Washington zu zeigen.

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Und dass Habeck als Minister öffentlich über Entscheidungen nachdachte, gefällt dem Kabarettisten auch. In solchen Momenten blitzt zwischen der scharfzüngigen Satire seine Botschaft auf: Haltung zeigen und Vertrauen nicht verspielen. Und mit der eingespielten „Bohemian Rhapsody“ von Queen „Is this the real life? Is this just fantasy?“ und ein paar philosophischen Zitaten über Himmel und Hölle beendet er sein Programm nachdenklich. Das Publikum dankt mit stehenden Ovationen für geschlagene drei Stunden politisches Kabarett der besonderen Art.

HAZ