Dresden. Alter kann so lachhaft sein. Das zumindest meint eine Generation achtzigjähriger sächsischer Kabarettisten, die die Aktivrente seit Langem als Lebenselixier im Unruhestand begreift. Jetzt gehört Wolfgang Stumph dazu, geboren am 31. Januar 1946. Er ist der Jüngste im Klub der Antirentner 8.0, die sich weiterhin mit Vergnügen in die komischen Zeiten einmischen.

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Im DDR-Fernsehen: Wolfgang Stumph mit den Stars Jürgen Karney, Ina-Maria Federowski, Jürgen Lippert und Olaf Berger (v. l.).

Die Mitbegründer des Leipziger Kabaretts academixer, Bernd-Lutz Lange (81) und Gunter Böhnke (82), stehen unverdrossen auf den Bühnen des Landes, schreiben ein Buch nach dem anderen und greifen pointiert in die Wunden der täglichen Katastrophen. Der Dresdner Wolfgang Schaller (85) schwingt hartnäckig und mit Lust die Herkuleskeule, um dialektisch die Weltunordnung zu deuten.

Wolfgang Stumph muss als Udo Struutz 1990 in Go Trabi go“ erstaunt zusehen, wie Trabi 'Schorsch' aus der Reihe tanzt.

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Wolfgang und Wolfgang trafen sich schon vor Jahren bei der Lachmesse in Leipzig unter dem Titel „Legenden-Treff“. Da plauderten sie aus ihrem zweigeteilten Leben, aus der DDR und dem ganzen Deutschland. Sie verbindet ihr jahrelanges Engagement beim Dresdner Kabarett Herkuleskeule, ihre Erfahrung mit Satire und Zensur in der DDR sowie mit einer sich spaltenden Gesellschaft nach der Wende. Beide verbindet, dass sie als typische Sachsen gelten und Ost-Identität verteidigen.

Wolfgang Stumph ist seit Jahren ein gefeierter Frosch in der "Fledermaus" der Dresdner Semperoper.

Beide verbindet, dass sie im heutigen Polen geboren wurden, Schaller in Breslau (Wrocław), Stumph im niederschlesischen Wünschelburg (Radków). Er fuhr vor einiger Zeit in seine Geburtsstadt, um nachzuforschen, wo seine Wurzeln liegen. 1948 kam er mit seiner Mutter als vaterloses Flüchtlingskind erst in die Nähe von Halle, dann nach Dresden, wo er aufwuchs. Wer sein Vater war, erfuhr er nie. Er als Vater, so sagt Sohn Thomas, sei ein Kümmerer, einer, der die Familie im Innersten zusammenhält, immer besorgt, immer bereit.

Ich halte es für völlig unpassend, jetzt mit mir über meinen 80. Geburtstag zu reden. Alter ist kein Verdienst.

Wolfgang Stumph

Schauspieler

Dieser Tage reiste der Dresdner nach Herne und Wanne-Eickel, jene Orte im Ruhrgebiet, wo er als Kind vor 1961 regelmäßig bei seiner Tante die Ferien verbrachte. Der Westen war ihm in der DDR nicht unbekannt und nach 1990 wollte er den Osten im Westen bekannter machen.

Vater Wilfried Stubbe (Wolfgang Stumph) und Tochter Christiane (Stephanie Stumph) standen nun wieder gemeinsam vor der Kamera. Der Krimi wird erstmals am 30. Januar im ZDF ausgestrahlt.

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Seine eigene Biografie schwingt stets mit in seinen Geschichten auf der Bühne oder im Film. Hamburg, wo er 1995 die erste Episode der Fernsehkrimiserie „Von Fall zu Fall“ drehte, nennt er seine zweite Heimat. Dresden ist sein Zuhause, sein Rückzugsort, sein Nest.

Stumph und seine drei sächsischen Künstlerkollegen gehören zur Nachkriegsgeneration. Sie sehen die Hoffnungen, die Erfahrung einer gelungenen Revolution, die Enttäuschungen und das Glück, im Frieden zu leben, als Antrieb und Vollmacht, die heutige Gesellschaft vor Gefahren zu warnen. Deshalb mahnen sie unter anderem, dass ihre Kinder zur neuen Vorkriegsgeneration gehören könnten.

Alle vier besitzen eine unbändige Durchsetzungskraft. Das ist ihre Stärke. Wolfgang Stumphs Tochter Stephanie ergänzt, dass die Durchsetzungskraft ihres Vaters ebenso eine Schwäche sei, denn sie könne für alle, die mit ihm leben oder arbeiten, auch wahnsinnig anstrengend sein.

1995: Wolfgang Stumph als Wilfried Stubbe, Marie Gruber als Familienmutter Caroline Stubbe und Stephanie Stumph als Tochter Christiane bei Dreharbeiten zur ZDF-Serie "Stubbe - Von Fall zu Fall" am Strand von Prerow.

Der Schauspieler und Kabarettist sagt: „Ich halte es für völlig unpassend, jetzt mit mir über meinen 80. Geburtstag zu reden. Alter ist kein Verdienst.“ Er will lieber über seine Arbeit sprechen, über „seine Haltung, die in der Unterhaltung steckt, über seinen Stumphsinn“.

Seine Filmfiguren haben stets ein St am Anfang

Dass er Filmfiguren wie Stankoweit, Stubbe, Stankowski, Steinhoff oder Stahnke stets mit St am Anfang versieht, mag einigen manieriert erscheinen. Aber damit kennzeichnet er, mit wem er sich identifiziert, und markiert seine unverwechselbare Stumph-Marke.

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Begonnen hat das in der DDR mit Stumpi in der Fernseh-Showkolade. Im Dialog mit Sänger Gunther Emmerlich witzelte sich der Kabarettist als Beutelsachse durch den siechenden Restsozialismus. Emmerlich, geboren 1944, gehört ebenso zu der Generation der 80-Jährigen. Ihren letzten gemeinsamen öffentlichen Auftritt hatten beide im Tom Pauls Theater in Pirna.

Ein weiterer großer Erfolg: Achim Wolff,  Hans-Jürgen Schatz und Wolfgang Stumph waren das grandiose Team der ZDF-Comedyreihe "Salto Kommunale".

Der Tod seines Freundes am 19. Dezember 2023 hat Wolfgang Stumph tief getroffen und verändert. „Da war im Herzen meine schwächste Stelle“, sagt er. Seine Generation lebt mit Verlusten, menschlichen, aber auch mit Bedeutungsverlust.

Am 16. Januar 1991 ging die zweite St-Figur an den Start. Vor 35 Jahren fand im Dresdner Rundkino die Premiere der Filmkomödie „Go Trabi Go“ statt. Udo Struutz hieß der Ossi im hellblauen Papp-Porsche, der die Welt hinter der gestürzten Mauer erfuhr. Literarischer Feingeist und humoristischer Hintersinn machten diese erste Ostwestkomödie nach der Wende zum großen Erfolg.

„Go Trabi Go“ als Sprungbrett auf gesamtdeutsche Leinwand

Für Wolfgang Stumph ein Sprungbrett auf die gesamtdeutsche Leinwand. Der Kabarettist wanderte nach und nach in einen anderen künstlerischen Kosmos, wurde ernsthafter, tourte für Fernsehproduktionen durch Deutschland und Teile der Welt.

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Über 170 Fernseh- und Kinoproduktionen lieferte er seitdem ab, wurde mehrfach Publikumsliebling, überhäuft mit Preisen, die alle in seinem Arbeitszimmer in seinem Haus im Stadtteil Dölzschen zu besichtigen sind. Der Kabarettist wuchs zum gesamtdeutschen Schauspieler, wollte aber nie einfach Schauspieler sein: „Ich spiele niemandem etwas vor.“

Erst vor wenigen Tagen torkelte er als besoffener Gefängniswärter Frosch in der Operette „Die Fledermaus“ über die Bühne der Semperoper. Seit der Premiere am 18. Dezember 2003 tat er das in 117 Vorstellungen. Nie hat er gefehlt, nie abgesagt, immer gespielt, Drehtermine so gelegt, Krankheiten aufgeschoben, dass er in der Oper sein konnte.

Große Kondition und Zuverlässigkeit zeichnen ihn aus

Diese Kondition, diese Zuverlässigkeit zeichnen ihn, zeichnet seine Generation aus. Die Vorstellung am 16. Januar 2026 könnte dennoch die letzte gewesen sein, denn ob die 22 Jahre alte Inszenierung von Günter Krämer je wieder im Spielplan aufgenommen wird, steht in der Intendanz der Oper nicht fest.

Der Frosch als Tier bleibt indes für Wolfgang Stumph ein Symbol: „Die Kröte strampelt im Glas voller Milch, geht aber nicht unter, weil sie irgendwann mit ihren Füßen Butter schlägt und wieder aufsteigen kann.“

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So steht der jetzt 80-Jährige stellvertretend für eine Generation, die sich durchsetzen musste, aus Not Tugenden, aus Mangel Erfindungsreichtum entwickelte und nicht aufhören will, nicht kann. Ihr tiefgründiges Lachen über die katastrophalen Alltäglichkeiten und die Schmerzen des Alters hält sie jung. Alles Gute!

Dieser Text erschien zuerst in der Sächsischen Zeitung, Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland.