Deutschland diskutiert über Arbeitszeit. Vor allem aus der Union kommen Appelle, es müsse mehr gearbeitet werden. Schon im vergangenen Jahr hat Bundeskanzler Friedrich Merz gesagt: „Mit Vier‑Tage‑Woche und Work‑Life‑Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können.“ Und CSU-Chef Markus Söder findet: „Eine Stunde mehr würde uns allen helfen.“
Zuletzt kam aus dem CDU-Wirtschaftsflügel der Antrag, das Recht auf Teilzeit einzuschränken. Auch der klassische Achtstundentag steht zur Debatte.
Doch diese innerdeutsche Auseinandersetzung ist nur ein Teil eines globalen Diskurses: Von Skandinavien bis Südafrika werden Arbeitszeit, Teilzeitregelungen und reduzierte Wochenarbeitszeiten erprobt und diskutiert – inklusive Fragen nach Produktivität, Lebensqualität und sozialer Gerechtigkeit.
Frankreich
In Frankreich gilt eine gesetzliche Arbeitszeit von 35 Stunden pro Woche, aber viele Franzosen arbeiten mehr. Denn das ist keine Obergrenze, sondern die Basis für die Berechnung von Überstunden, die zuschlagspflichtig sind. Das hatte die sozialistische Regierung unter Premierminister Lionel Jospin Anfang der 2000er Jahre eingeführt.
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Arbeitsstunden pro Tag sind in Frankreich in Ausnahmefällen erlaubt.
Es darf also mehr gearbeitet werden – das tun viele Franzosen auch. Nur werden sie dann besser bezahlt: Für die ersten acht Überstunden bekommen sie 25 Prozent Zuschlag, danach 50 Prozent. Verträge werden daher meist für eine wöchentliche Arbeitszeit abgeschlossen, die teilweise bereits die Überstunden festlegen. Begrenzt wird dies durch eine Obergrenze für die tägliche Arbeitszeit von zehn Stunden pro Tag.
Allerdings gibt es Ausnahmen: Wenn der Arbeitgeber eine Sondergenehmigung bei der Arbeitsinspektion einholt, in akuten Notfällen oder wenn ein Tarifvertrag in einer Branche dies vorsieht. Dann sind maximal zwölf Stunden täglicher Arbeit erlaubt.
Doch auch hier gelten Grenzen. Maximal ist die Höchstarbeitszeit in einer Woche auf 48 Stunden festgelegt. Oder bis zu 44 Stunden im Wochendurchschnitt über einen maximalen Zeitraum von zwölf aufeinanderfolgenden Wochen.
Spanien
Genau wie die Deutschen arbeiten auch die Spanier bis zu 40 Stunden pro Woche – und zwar seit 1982. Maximal dürfen es laut Gesetz neun Stunden täglich sein. Allerdings ist es eines der großen Projekte der sozialdemokratischen Regierung unter Premierminister Pedro Sánchez, die Wochenstunden auf 37,5 zu reduzieren. Nach langen Diskussionen könnte die neue Regelung in diesem Jahr in Kraft treten.
Spaniens Premier Pedro Sánchez will die wöchentliche Arbeitszeit auf 37,5 Stunden reduzieren.
© AFP/NICOLAS TUCAT
Zugleich soll auch die seit 2019 verpflichtende Zeiterfassung noch strenger und systematischer erfolgen und von der Arbeitsaufsicht einsehbar sein. In der Vergangenheit konnten die Firmen die Zeiterfassung auf Papier oder in Excel-Tabellen machen, was Täuschungen vereinfachte. So arbeiten viele Spanier deutlich mehr als das, was sie gesetzlich dürften – und bezahlt bekommen.
Jede Woche machten 400.000 Spanier 2024 etwa 2,6 Millionen unbezahlte Überstunden, also im Schnitt 6,5 Stunden mehr pro Kopf. Tendenz steigend.
Zum Vergleich: In Deutschland arbeiteten nach Zahlen des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge im selben Jahr fast zehn Millionen Menschen im Schnitt eine Stunde zusätzlich, ohne dafür bezahlt zu werden. Tendenz sinkend.
Großbritannien
Eine öffentliche Verwaltung, die die Vier-Tage-Woche einführt – das war für die konservative Regierung in London 2023 zu viel. Mehrfach wurde der von den Liberaldemokraten geführte Distrikt South Cambridgeshire aufgefordert, das Projekt zu beenden.
Der Landkreis, der die Universitätsstadt Cambridge umschließt, machte aber weiter. Inzwischen ist dort aus dem Projekt eine Regel und der „planmäßige Erholungstag“ eingeführt worden.
Landesweit sieht es in Großbritannien jedoch noch anders aus. Die jetzt regierenden Sozialdemokraten befürworten zwar Initiativen, planen aber noch kein Gesetz zur Vier-Tage-Woche. Klassischerweise arbeiten auch Briten in einer 40-Stunden-Woche.
Auch einen Anspruch auf Teilzeit gibt es nicht. Arbeitnehmer können zwar zweimal im Jahr einen Antrag stellen, Unternehmen dürfen diesen allerdings ablehnen – wenn auch nur aus belegbaren Gründen. Dennoch liegt die Quote etwa auf dem deutschen Niveau.
Island
Für die sogenannte Gen Z wäre Island vermutlich ein wahrgewordener Lohnarbeitstraum: Als eines der ersten Länder weltweit führte es 2019 die Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt ein, sieben Jahre später arbeiten heute mehr als 85 Prozent der Erwerbstätigen weniger als 40 Stunden.
Im Schnitt verbringen die Isländerinnen und Isländer nicht mehr als 36 Stunden mit der Lohnarbeit – und es scheint ihnen damit besser denn je zu gehen. Studien zufolge berichten die Arbeitnehmenden auf der Nordatlantikinsel über weniger Stress und eine bessere Work-Life-Balance.
Arbeitsparadies Reykjavik? In Island arbeiten 85 Prozent der Erwerbstätigen weniger als 40 Stunden.
© IMAGO/NurPhoto
Angefangen hatte alles mit einem großangelegten Pilotprojekt: Zwischen 2015 und 2019 testeten etwa ein Prozent der isländischen Erwerbstätigen die kürzere Lohnarbeitswoche.
Die Untersuchung der nationalen Vereinigung für Nachhaltigkeit und Demokratie war ein voller Erfolg: Weniger Stress führte zu weniger Krankheitsfällen, auch die Produktivität sank nicht. Die aktuelle Arbeitslosenquote ist niedriger als in Deutschland, auch das Wirtschaftswachstum war 2025 größer als in der Bundesrepublik.
Südafrika
In diesen Wochen soll in den südafrikanischen Provinzen Gauteng, KwaZulu-Natal und Western Cape ein Pilotprogramm beginnen. Rund 150 Unternehmen aus den Bereichen IT, Consulting, Finanzen, Gesundheit, Bildung und Marketing führen die Vier-Tage-Woche ein.
Sie läuft nach der 100-80-100-Regel: 100 Prozent des Gehalts für 80 Prozent der Arbeitszeit bei hundertprozentiger Produktivität. Das passiert vor allem mit Blick auf Arbeitnehmergesundheit und Work-Life-Balance. Schon 2023 hatte es einen ähnlichen Test gegeben – und 92 Prozent der Unternehmen sind bei der Vier-Tage-Woche geblieben.
In Südafrika gibt es immer noch große Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt, die Arbeitslosenquote liegt bei über 30 Prozent.
© AFP/MARCO LONGARI
Zugleich gibt es in Südafrika eine große Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Viele Menschen im Dienstleistungsgewerbe, in der Industrie oder auch im Bergbau arbeiten deutlich länger als die vorgesehenen 45 Stunden pro Woche. Auch, weil die Arbeitslosigkeit mit mehr als 30 Prozent extrem hoch und die Angst vor Jobverlust weit verbreitet ist.
Deshalb sehen südafrikanische Gewerkschaften in verringerter Arbeitszeit noch eine andere Chance: Alle arbeiten weniger, dafür arbeiten mehr. So soll die Vier-Tage-Woche helfen, die Erwerbslosigkeit zu reduzieren.
Japan
Leben heißt arbeiten, das ist in Japan häufig der Fall. In dem ostasiatischen Land gibt es zwar eine 40-Stunden-Woche, lange Zeit aber waren viele und unbezahlte Überstunden pro Monat ganz normal.
2019/2020 wurde die zulässige Mehrarbeit per Gesetz auf 45 Stunden pro Monat und 720 Stunden pro Jahr begrenzt. Das will Premierministerin Sanae Takaichi jedoch wieder ändern und – zum Entsetzen vieler Arbeitnehmer – die Zahl der erlaubten Überstunden wieder auf monatlich 100 Stunden aufstocken.
Auch der Feierabend ist nicht sicher: Aus dem Büro geht es häufig direkt zu Abendterminen, bei denen Chefs und Mitarbeiter gemeinsam essen, trinken – und arbeitsrelevante Inhalte diskutieren.
In Teilzeit arbeiten 16 Millionen Menschen (30 Prozent der Erwerbstätigen), vor allem im Dienstleistungsbereich, wie der Gastronomie und dem Einzelhandel.
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So groß die Arbeitsmoral und so hart die Bedingungen in einer der weltweit größten Volkswirtschaften sind, so gering ist der Urlaubsanspruch: zehn bis maximal 20 Tage pro Jahr sind üblich, wobei oftmals weniger genommen werden, um nicht als „faul“ zu gelten.
Wenig überraschend gibt es sogar ein Wort, das den Tod durch eine zu große Arbeitsbelastung beschreibt: 2024 wurden offiziell 1304 Menschen registriert, die an „Karōshi“ starben.