Kaum hat Florian Schötterl das letzte Wort gesprochen, schnappt sich eine Kursteilnehmerin ihr Smartphone und eilt aus dem Seminarraum vor die Tür. Kurzerhand legt sie sich in ihrem schwarzen Gehrock auf den Boden vor dem Ernst-Leitz-Museum, streckt die Arme schräg nach oben von sich und hält ihr Handy mit beiden Händen fest. Dann blickt sie konzentriert durch das Display auf einen Teil des benachbarten Gebäudes und drückt auf den Auslöser. Kurz darauf stellt sie sich leicht seitlich versetzt vor eine Freundin, und die beiden machen ein Doppelselfie. Sie brauchen mehr als einen Versuch, bis sie halbwegs zufrieden sind. Derweil lichtet ein anderer Teilnehmer einen Mast von unten nach oben ab, während eine Frau einen glänzenden Stahlsockel als Fläche für ein Spiegelbild nutzt. Florian Schötterl lässt seinen Blick schweifen und lächelt dazu.
Besondere Perspektiven, auch darauf kommt es an.Lando Hass
Seine Botschaft dürfte angekommen sein. Der Fotograf hat zuvor in knapp anderthalb Stunden gut zwei Dutzend Augen geöffnet für die Möglichkeiten moderner Handys als Alternative zu einer Kamera mit Wechselobjektiven. Schötterl nutzt sowohl gerne Kameras von Leica als auch sein Smartphone, um Fotos zu machen. „Das Smartphone ist im Vergleich zur Kamera ein All-in-one-Produkt“, sagt er. Als solches sei ein modernes Handy unschlagbar – zumal Hersteller die Optiken und die damit verbundene technische Ausstattung ständig verbesserten.
Kurz vorher leuchtete auf der Leinwand hinter Schötterl den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Smartphone-Workshops in der Leica-Welt am Leitz-Park das neueste Xiaomi-Handy entgegen. Nicht von ungefähr: Es ist mit Linsen der Wetzlarer ausgestattet und ermöglicht Aufnahmen mit unterschiedlichen Brennweiten. Das kann nicht jedes moderne Handy.
Richtig sehen zu lernen, kann etwas dauern
Zu den üblichen Reflexen, nachdem ein Bild mit dem Smartphone gemacht wurde, zählt, das Foto mit Freunden zu teilen. „Bilder machen“ mag etwas merkwürdig klingen. Aber Schötterl gibt zu bedenken: „Man sieht immer wieder Menschen, die ihr Smartphone zücken, ein Objekt in den Fokus nehmen und auf den Auslöser drücken. Das ist aber nicht Fotografieren, das ist Knipsen.“
Nun lautet eine stehende Rede aus dem Leica-Kosmos: „Wenn Sie sehen können, können Sie auch fotografieren.“ Der Haken: Das eine folge nicht zwingend aus dem anderen. Denn das Sehen muss erst erlernt werden. Der Fotograf will den Kursteilnehmern dabei helfen. Das Ziel seien nicht einfach scharfe und anständig belichtete Bilder. Fotos sollten eine Geschichte erzählen, einen Moment einfrieren, Emotionen wecken. Das klappt selten im Handumdrehen. Dies merkt, wer das Smartphone gegen eine Kamera tauscht, am besten eine, die noch einen Kleinbildfilm benötigt. Da kostet jedes Bild um die 50 Cent, ohne Entwicklung, wohlgemerkt. Das diszipliniert und hält vom impulsiven Knipsen ab.
Um den Blick zu schulen, regt Schötterl an, sich eine Stunde lang nur mit einem Objekt zu beschäftigen. Zu den Vorsätzen könnte in etwa zählen, an einem Tag nur Straßenschilder abzulichten, an einem anderen nur Briefkästen und an einem dritten zum Beispiel Reifen. „Ihr werdet sehen, ihr werdet diese und andere Dinge fortan bewusster wahrnehmen“, sagt er in die Runde. Zwei oder drei Bilder bewusst aus unterschiedlichen Perspektiven zu machen statt 30 „einfach so“, vermeide Datenmüll und laste den Speicher im Handy weniger aus. Auf jeden Fall sollten die Linsen des Smartphones regelmäßig geputzt werden. Andernfalls entstünden „Nebelbilder“, wie Schötterl es formuliert.
Nur ausnahmsweise blickt jemand aufs Handy
Während er spricht, herrscht Stille. Nur ausnahmsweise blickt jemand zwischendurch aufs Handy, und das auch nur kurz. Denn Schötterl gibt einen nutzwertigen Hinweis nach dem anderen. Etwa: Je mehr jemand zoome, desto schlechter werde das Foto. Sich selbst auf das Objekt zuzubewegen, sei deutlich besser. Wer näher an das herangehe, was er fotografieren wolle, schaffe neue Perspektiven durch Bewegung. Zum Beleg zeigt er mehrere Fotos einer Hütte. Manche Details sind aus der Ferne gar nicht erst zu sehen. Indem er ein paar Schritte nach vorne geht, blendet der Fotograf etwas Störendes im Hintergrund aus und muss die Aufnahme hinterher nicht bearbeiten.
Nah rangehen, das ist schon einmal ein erster wichtiger Schritt.Lando Hass
Fotografieren sei eine Kunstform, hebt der Profi hervor, ein Richtig oder Falsch gebe es nicht. Allerdings ließen sich mit einigen Regeln und technischen Kniffs bessere Bilder komponieren. Zu diesen Kniffen zählt er zum Beispiel das Raster, welches das Handy in den Kamera-Einstellungen erlaubt. Es helfe, ein Bild in die Waage zu bringen. Mit der unteren Linie könne sich der Fotograf am Horizont orientieren und darüber den Himmel platzieren, was einem Foto mehr Weite geben könne und oben eine Art Fächereffekt. Wenn das Hauptobjekt nicht in die Mitte genommen werde, verändere und erweitere dies den Inhalt des Bildes. Es gerate etwas ins Blickfeld, das sonst ausgeschlossen wäre.
Auch bei der Belichtung lässt sich laut Schötterl einiges verbessern. Grundsätzlich mindere das Smartphone die Kontraste. Wer aber auf das Display tippe und die umgehend eingeblendete kleine Sonne bewege, könne dies korrigieren. „Dann habt ihr Kontrolle über das Licht“, sagt der Referent.
Bilder knapp über Bodenhöhe gelingen laut Schoetterl, wenn man das Handy für eine Aufnahme einfach auf den Kopf stellt. Das erspart einem, sich auf den Boden legen zu müssen.
Schötterl hat noch viele andere Hinweise auf Lager, etwa zu Spiegelungen und führenden Linien, der Tiefenschärfe, und er erklärt den Reiz von Schwarz-Weiß. Mit Letzterem spielt die Frau im Gehrock kurz vor Ende des Nachmittags. Sie bittet einen anderen Teilnehmer, ihr doch bitte seinen Block nebst Füller vor die Nase zu halten. Sie wählt den Schwarz-Weiß-Filter in der Optik, geht ganz nah an die Hand heran und lässt den Hintergrund dadurch unscharf werden, dann drückt sie ab. Nur der Silberring ist richtig scharf. Schötterl schaut sich das Ergebnis an und nickt anerkennend: „Perfekt.“ Die Kursteilnehmerin strahlt.
Der Smartphone-Workshop
Der Workshop findet regelmäßig am letzten Freitag und am zweiten Samstag im Monat in der Leica-Welt, Am Leitz-Park 6, in Wetzlar statt. Er dauert anderthalb Stunden und kostet 34 Euro, Schüler, Studenten, Freiwilligendienstleistende, Arbeitssuchende und Schwerbehinderte zahlen ermäßigt 29 Euro. Dazu gibt es besondere Tarife für Schulklassen und für Gruppen mit bis zu 25 Teilnehmern.