In Frankreich steigt die Zahl der Taufen unter jungen Erwachsenen stark an. Pfarrerin Anne Lepper erklärt im midi-Magazin die Gründe – jenseits aller Statistiken.

In Frankreich spielt der Glaube im öffentlichen Raum keine Rolle, sondern gilt als reine Privatangelegenheit. In den Schulen gibt es aufgrund des strikten Laizismus, also der Trennung von Staat und Kirche, keinen Religionsunterricht. Auch religiöse Kleidung und Symbole sind auf dem Schulgelände verboten. Trotzdem verzeichnet die Französische Bischofskonferenz seit rund zehn Jahren steigende Zahlen bei jugendlichen und erwachsenen Taufen.1 Besonders auffällig sind die Jahre 2024 und 2025, in denen der Anteil der 18- bis 25‑Jährigen deutlich anstieg. Warum ist das so?

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Viele der jungen Erwachsenen, die sich taufen lassen, kommen aus Familien, in denen Religion seit Generationen keine Rolle mehr spielt, schreibt Dr. Anne Lepper, die 15 Jahre lang als Pfarrerin im Elsass gearbeitet hat, im midi-Magazin. Junge Menschen fänden häufig keine Gesprächspartner für spirituelle Fragen. Leppers Beobachtung: Die jungen Menschen empfinden ein „Vakuum“ und beginnen, nach Orientierung zu suchen. Auffällig dabei sei, so Lepper, die Rolle muslimischer Schülerinnen und Schüler, die ihren Glauben sichtbar und konsequent leben. Diese Praxis werfe bei vielen jungen Franzosen die Frage auf, „was es bei uns“ gebe.

Jugendlichen informierten sich zunächst über Social Media. Katholische Influencerinnen und Influencer vermitteln dort praktische Glaubensregeln und eine oft eher traditionelle Frömmigkeit. Lepper beobachtet, dass viele gezielt nach klaren Anweisungen fragen – etwa während der zeitgleichen Fastenzeit 2025 und dem Ramadan. Zur Entwicklung trägt nach Lepper auch die psychische Verletzlichkeit vieler junger Menschen bei. Die Taufe werde als sichtbares Zeichen neuer Identität erlebt.

Für die evangelische Kirche in Deutschland sieht Lepper darin einen Lernimpuls: die Präsenz in Social Media auszubauen, neue Formen kirchlicher Orte zu entwickeln und jungen Erwachsenen glaubwürdige, bewusst gelebte Identität zu vermitteln. Auf die familiäre Weitergabe des Glaubens oder den schwindenden Religionsunterricht könne sich die Kirche nicht verlassen.

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Auf der Suche nach Halt: Die Taufe als Antwort junger Erwachsener in Frankreich (midi-Magazin)