Am 1. Februar 1982 ging David Letterman mit seiner Late-Night-Show auf Sendung und schuf einen Klassiker des TV-Formats. Dessen langjähriger, unangefochtener Champion war damals Johnny Carson. Um seine Nachfolge entbrannte ein erbitterter Konkurrenzkampf.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und zahlreiche alltägliche Rituale sind ein Ausdruck davon. Die Tasse Kaffee am Morgen, der Lieblings-Radiosender bei der Fahrt zur Arbeit, das Familien-Dinner zum Feierabend – für viele ist ein Tag ohne liebgewonnene Dinge wie diese einfach nicht komplett. Und für Millionen Amerikaner gehörte jahrzehntelang am Ende eines Werktags noch ein Pflichttermin vor dem Schlafengehen dazu, auf den sich mancher den ganzen Tag freute: die „Tonight Show“ auf dem TV-Sender NBC.
Deren Gastgeber war drei Dekaden lang, von 1962 bis 1992, der legendäre Stand-up-Komiker und Moderator Johnny Carson. Und der Ablauf seiner Late-Night-Show war ebenso von Ritualen geprägt, die sich Abend für Abend wiederholten: Sein Ansager und Sidekick Ed McMahon kündigte ihn mit einem breitgezogenen „Heeere’s Johnny!“ an, und Carson hielt seinen Eröffnungsmonolog, in dem er die Ereignisse des Tages pointenreich kommentierte.
Nach Musik vom NBC Orchestra mit Bandleader Doc Severinsen dann etwas Comedy, etwa Sketche, in denen Carson wiederkehrende Rollen spielte. Schließlich nahm der Moderator hinter seinem Schreibtisch Platz und begrüßte seine Talkgäste, bei denen es sich meist um die Top-Stars jener Zeit handelte und von denen viele regelmäßig wiederkamen. Darunter die „Rat Pack“-Crooner Frank Sinatra und Dean Martin oder Hollywood-Größen wie James Stewart, John Wayne, Liz Taylor und Jane Fonda.
Carson zeigte sich dabei als perfekter Gastgeber, der zwar selbst vor Witz und Schlagfertigkeit sprühte, im Zweifelsfall aber seinen Besuchern die besten Pointen überließ. Doch letztlich schalteten die Zuschauer nicht wegen der vielen Prominenten ein, sondern um „ihren“ Johnny zu sehen und den Abend mit ihrem besten TV-Buddy ausklingen zu lassen – und mitzuerleben, welche Gags und Blödeleien er wieder bringen würde, die man tags darauf weitererzählen würde. Besonders viele Lacher gab es immer, wenn Tiertrainer quirlige Affen oder possierliche Vögel in der Show vorzeigen wollten, prompt alles außer Kontrolle geriet und Johnnys teurer Anzug mal wieder ruiniert war.
Mehrfach versuchten Konkurrenten auf anderen Sendern, der „Tonight Show“ den Rang abzulaufen, aber der TV-Gigant erwies sich als unbezwingbar; keiner vermochte, das Publikum von Carson wegzulocken. Er blieb über die Jahrzehnte unangefochtener Quoten-Champion und bekam den Beinamen „King of Late Night“. Doch auch die erfolgreichste Regentschaft endet irgendwann, und jeder König braucht einen Thronfolger. Im Falle Carsons waren viele sicher, dass ihn David Letterman als „Tonight Show“-Moderator beerben würde.
Letterman machte in den späten 1970ern zunächst als Carsons Gast mit Stand-up-Comedy Furore. Seine Auftritte gefielen dem Moderator so gut, dass er ihn nach seinen Sets zum Plausch an seinem Schreibtisch bat – ein Ritterschlag für Letterman, der den gut zwei Jahrzehnte älteren Carson als sein großes Vorbild verehrte. Bald wurde der Komiker in die Riege der Gastmoderatoren aufgenommen, die Carson in der „Tonight Show“ vertraten, wenn er sich freinahm. Dabei kam Letterman so gut an, dass NBC beschloss, ihm auf dem nächtlichen Sendeplatz nach „Tonight“ eine eigene Show zu geben: Am 1. Februar 1982 ging „Late Night with David Letterman“ auf Sendung.
Lettermans Show, die in New York aufgezeichnet wurde, glich der „Tonight Show“ aus Hollywood in ihren Kernelementen; so gab es einen Eröffnungsmonolog, eine Band, die von Paul Shaffer geleitet wurde, und einen Schreibtisch, an dem Dave seine Gäste begrüßte. Aber „Late Night“ war kein bloßer „Tonight“-Abklatsch, sondern setzte neue, eigene Akzente. Die Show war jünger, unkonventioneller, wilder und voller selbstironischem Meta-Humor.
Letterman war viel sarkastischer als Carson, und etliche seiner Talkgäste „grillte“ er, anstatt nur nett mit ihnen zu plaudern. Oftmals spielte er mit den Regeln des TV-Formats, durchbrach sie, rannte etwa plötzlich aus dem Studio, um Passanten auf der Straße zu veräppeln oder Sendungen von seriösen NBC-Kollegen zu deren Verdruss zu kapern. Einmal sendete Letterman eine 360-Grad-Show, bei der sich das Fernsehbild langsam drehte, sodass es zur Mitte der Show verkehrt herum war, um anschließend wieder ins Lot zu kommen. Etliche Zuschauer, die zu spät eingeschaltet hatten, glaubten, ihr TV-Apparat sei kaputt. Mit solchen Kapriolen stellte Letterman das TV-Genre buchstäblich auf den Kopf.
Die „Late Night Wars“ brachen aus
Mit seinem bissigen Humor machte er sich indes nicht nur Freunde. Einige Prominente, die keine Lust hatten, Gags auf ihre Kosten über sich ergehen zu lassen, mieden seine Show. Und die NBC-Bosse, über die sich Letterman fortwährend lustig machte, freuten sich zwar über seine hohen Einschaltquoten, stuften ihn aber ansonsten in die Kategorie „schwierig im Umgang“ ein. Nicht zu Unrecht, denn der von Selbstzweifeln geplagte Perfektionist konnte abseits der Kameras recht harsch sein, Lettermans Mentor Carson ebenso. Weil die Verantwortlichen des Senders Lettermans Humor zudem als zu wenig „mainstream“ für die „Tonight Show“ erachteten, übergingen sie ihn, als Carson 1992 in den Ruhestand ging. Entgegen dem Wunsch des „King of Late Night“, der Letterman als Nachfolger wollte, bestimmten sie Jay Leno zu Carsons Erben, der wie zuvor Letterman als Stand-up-Komiker und „Tonight“-Gastmoderator gedient hatte. Denn Leno war deutlich zahmer und braver als Letterman, er eckte nicht an.
Erbost warf Letterman, dessen langjähriger Traum es gewesen war, nach Carson die „Tonight Show“ zu bekommen, bei NBC das Handtuch. Er heuerte beim Konkurrenten CBS an und sendete fortan zeitgleich mit Leno um 23.35 Uhr seine neue „Late Show with David Letterman“. Die Medien berichteten viel über das Carson-Nachfolgedrama und den anschließenden Quoten-Konkurrenzkampf, sie sprachen von einem regelrechten Krieg zwischen Leno und Letterman, von einem „Late Night War“.
Bei diesem hatte zunächst Letterman die Nase vorn, aber Leno holte stetig auf. Und als Schauspieler Hugh Grant, der in Hollywood mit einer Prostituierten erwischt wurde und damit einen enormen Medienrummel auslöste, im Juli 1995 lieber bei Leno als bei Letterman öffentlich Abbitte leistete, zog Leno bei den Einschaltquoten erstmals an seinem Konkurrenten vorbei. Fortan musste sich Dave quotenmäßig meist mit dem zweiten Platz begnügen, auch wenn er bei vielen Late-Night-Fans weiterhin als „Sieger der Herzen“ galt, der interessanter und unangepasster als Leno war. Bis 2015 sendete Letterman aus dem Ed Sullivan Theater am Broadway, dann übergab er die Show an Stephen Colbert.
Leno wiederum musste die „Tonight Show“ trotz hoher Quoten 2009 an den knapp anderthalb Jahrzehnte jüngeren Conan O‘Brien abgeben, der Letterman nach dessen NBC-Abgang bei der Show „Late Night“ beerbt hatte. Die Senderchefs wollten „Tonight“ damit attraktiver für eine jüngere Zielgruppe machen.
Gleichzeitig mochten sie nicht auf den verlässlichen Leno verzichten und gaben ihm eine Talkshow, die vor O‘Briens „Tonight“ ausgestrahlt wurde. Doch das Experiment geriet zum Debakel. Anstatt zu einem erfolgreichen Doppelpack zu werden, kannibalisierten sich Lenos und O‘Brians Shows, und die Quoten sanken. Nach nur anderthalb Jahren zog der Sender nach einigem Hin und Her die Reißleine, zahlte O‘Brien aus und re-installierte Leno als Moderator der „Tonight Show“.
Die Medien erklärten das Ganze zu einer neuen Schlacht der „Late Night Wars“, wobei Leno eher schlecht wegkam, ihm wurde vorgeworfen, sich gegenüber O‘Brien wenig kollegial verhalten und ihn aus „Tonight“ herausgedrängt zu haben, anstatt sich von NBC zurückzuziehen und seinem Nachfolger großzügig das Feld zu überlassen.
Dennoch sendete Leno erfolgreich bis 2014 weiter, bis Jimmy Fallon die Show übernahm, der 2009 O‘Brien bei „Late Night“ ersetzt hatte, als dieser zu „Tonight“ vorrückte. O‘Brien moderierte wiederum von 2010 bis 2021 eine neue Late-Night-Show auf dem Kabelkanal TBS, während auf dem Sender ABC im Jahr 2003 die Show „Jimmy Kimmel Live!“ startete.
Colbert, Fallon und Kimmel senden ihre Late-Night-Shows bis in die Gegenwart. Auf dem Kabelkanal Comedy Central ist zudem seit 2024 wieder Jon Stewart in der satirischen News-Parodie „The Daily Show“ zu sehen, nachdem er die Show bereits 1999 bis 2015 moderiert hatte. Diese heutigen Könige des Spätprogramms haben es allerdings deutlich schwerer als ihre Vorgänger. Denn anders als zu früheren Zeiten, als das US-Publikum nur die Auswahl zwischen NBC, CBS und ABC hatte, gibt es nun ein fragmentiertes (Über-)Angebot an Unterhaltung, wobei das lineare Fernsehen gegenüber Streaming und Social Media zunehmend an Bedeutung verliert.
Traumquoten, wie sie Carson einst hatte, sind heute nicht mehr drin. Und die Pointen der Late-Night-Hosts gehen zwar bisweilen als digitale Schnipsel viral, haben aber wegen ihres tagesaktuellen Inhalts eine nur geringe Haltbarkeit. Das macht die einst so mächtigen Late-Night-Shows immer weniger profitabel, gar defizitär, was CBS als Grund angab, demnächst die „Late Show with Stephen Colbert“ abzusetzen, obwohl sie Spitzenreiter im Spätprogramm ist.
Neben dem monetären Aspekt vermuten dabei viele, dass die Senderbosse zudem nicht länger bei US-Präsident Donald Trump anecken wollen, an dem sich Colbert, Kimmel und Stewart fortwährend abarbeiten. Anders als die frühere Late-Night-Generation, die eher unpolitisch war, werfen sie sich mitten in den Kulturkampf und polarisieren, anstatt „nur“ zu unterhalten, wobei ihnen Kritiker zu viel Einseitigkeit vorwerfen. Und so ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das spätabendliche TV-Lagerfeuer, auf das sich einst fast alle einigen konnten, endgültig erloschen sein wird.
Exkurs: Die deutschen Epigonen der US-TV-Könige
Als Fan der amerikanischen Shows war es Thomas Gottschalk, der 1992 bis 1995 mit „Gottschalk Late Night“ auf RTL das werktägliche Late-Night-Format nach US-Vorbild in Deutschland etablierte. Allerdings stand bei ihm eher der Small Talk mit seinen Gästen, weniger die Comedy im Vordergrund. Auch verzichtete er auf typische Elemente wie den Schreibtisch.
Zuvor startete die Comedyshow „Schmidteinander“ im Jahr 1990 mit Harald Schmidt und Herbert Feuerstein, der die Show konzipierte. Sie war an die Late-Night-Shows aus den USA angelehnt, allerdings nur lose, nicht als schlichte Kopie. Der Ablauf war deutlich anarchischer.
Das Format ging zunächst nur im dritten Programm des WDR am späten Sonntagabend auf Sendung, wurde dann aber so populär, dass es 1994 in die ARD wanderte, wo es am späten Samstagabend lief. Ab Ende 1995 knüpfte Schmidt auf Sat.1 mit der werktäglichen „Harald Schmidt Show“ daran an, die sich sehr viel enger an das Vorbild David Letterman anlehnte. Mehrfach wechselte Schmidt danach die Sender und blieb bis 2014 mit Late-Night-Shows präsent.
Auf dem Musiksender Viva lief wiederum 1993 bis 1998 die Show „Vivasion“ mit Stefan Raab, die einige Elemente der Late-Night-Show „TV total“ vorwegnahm, mit der Raab ab 1999 auf ProSieben zu sehen war. 2015 nahm Raab bei „TV total“ seinen Abschied. 2021 wurde die Sendung mit Sebastian Pufpaff neu gestartet.
Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine Kult-Sitcom der 80er und 90er: „Eine schrecklich nette Familie“.