Über neun Millionen Menschen in Deutschland haben Diabetes Typ 2. Sie benötigen viel Selbstdisziplin: Feste Essenszeiten, die korrekte Einnahme der Medikamente, ausreichend Bewegung und Schlaf – all das müssen sie im Auge behalten. Eine aktuelle Studie legt nun nahe: Sie sollten auch darauf achten, genug Tageslicht zu bekommen.

Das internationale Forscherteam um Joris Hoeks von der Universität Maastricht ließ 13 Diabetes-Patienten viereinhalb Tage in Räumen verbringen, die entweder mit natürlichem Licht durch große Fenster oder mit künstlichem Licht ausgeleuchtet waren.

Nach einer Pause von rund vier Wochen kehrten sie für eine zweite Sitzung zurück, dieses Mal in der jeweils anderen Lichtumgebung. „Andere Parameter wie Mahlzeiten, Schlaf, körperliche Aktivität und Bildschirmzeit wurden hingegen nicht verändert“, sagt Hoeks.

Auch in den Blutwerten ist ein Unterschied erkennbar

Es zeigte sich: Unter Tageslicht schwankte der Blutzuckerspiegel der Probanden deutlich weniger. Außerdem lag er in über 50 Prozent der Zeit im Normbereich, was ebenfalls ein beträchtlicher Unterschied gegenüber den 43 Prozent unter Kunstlicht ist. Zudem sprach der Stoffwechsel unter Tageslicht stärker auf die Fettverbrennung an – auch in den Blutwerten war dieser Unterschied erkennbar.

Soll ich Vitamin-D-Präparate einnehmen?

Sofern nachgewiesenermaßen ein Vitamin-D-Mangel vorliegt, könnte man diesen durch entsprechende Präparate korrigieren, um auf diese Weise den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren. Studien bestätigen auch diesen Ansatz.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt jedoch in einer aktuellen Mitteilung vor den hochdosierten „Bolusdosen“ von 500 Mikrogramm und mehr, die derzeit massiv im Handel angepriesen werden, um den Vitamin-D-Spiegel turbomäßig nach oben zu pushen. Sie würden das Risiko für Stürze und Knochenbrüche erhöhen. Die Tagesdosis von 20 Mikrogramm Vitamin D sollte nicht überschritten werden.

„Die Ergebnisse liefern eine starke Begründung dafür, dass sich die Forschung künftig mehr auf den Zusammenhang von Lichtexposition und Stoffwechselgesundheit fokussieren sollte“, resümiert Hoeks. „Und sie wirft weitere Bedenken hinsichtlich der Verbreitung von Büroumgebungen mit wenig Tageslicht auf.“ Allzu weit lassen sich die Befunde jedoch nicht verallgemeinern. Die Studie war klein – gerade einmal 13 Teilnehmende, im Durchschnitt 70 Jahre alt.

Baptist Gallwitz von der Deutschen Diabetes Gesellschaft interpretiert die Studie so: „Raus und Betätigung im Freien!“ Ob man die Steigerung des Tageslicht-Konsums letzten Endes auch als Therapie nutzen und dadurch möglicherweise sogar Medikamente einsparen könnte, müsse sich noch erweisen. „Aber es bestätigt sich immer mehr, wie sensibel der Stoffwechsel auf Umweltbedingungen wie die Lichtquellen reagiert“, so der Diabetologe.

Tageslichtlampen könnten eine Alternative sein

Als Ursache für die stoffwechselaktiven Effekte des Tageslichts wird vermutet, dass es stärker als LED, Halogen und anderes Kunstlicht die innere Uhr im Gehirn beeinflusst. „Diese Uhr gibt den Takt an andere Organe im Körper weiter, etwa an Leber und Muskeln“, erläutert Gallwitz. „Dort beeinflusst sie, wann Zucker aufgenommen, gespeichert oder verbrannt wird.“ Und Tageslicht habe darauf einen größeren Einfluss, weil es intensiver sei und ein breiteres Farbspektrum besitze.

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Überdies ist schon länger bekannt, dass Tageslicht die körpereigene Produktion von Vitamin D stimuliert, dem ein positiver Einfluss auf Insulinproduktion und Blutzuckerspiegel bescheinigt wird. Insgesamt bleibt jedoch ein Problem: Viele Diabetes-Patienten sind nicht mehr gut zu Fuß, sodass sie nicht ohne Weiteres raus an die Sonne können. Und wer hat schon so große Fenster, dass sie für lichtdurchflutete Innenräume sorgen?

Hier könnten Tageslichtlampen eine Alternative sein, wie sie bereits in der Behandlung von Winterdepressionen eingesetzt werden. „Einige Studien bestätigen diesen Ansatz“, so Gallwitz. „Sie zeigen aber auch, dass Tageslichtlampen kein vollwertiger Ersatz für die natürliche Sonnenstrahlung sind.“